Schöpfungszeit 2026 – die Sonne, das Klima und wir
„Was für ein phantastisches Wetter“, ruft vor einigen Tagen der Kollege, der gerade morgens in der Schule ins Lehrerzimmer kommt.
Alle lachen, denn er … ist triefend nass! Wie immer ist er mit dem Fahrrad gekommen, und an diesem Morgen hat es nach langer Zeit endlich mal wieder geregnet. Aber statt zu schimpfen, weil er schon jetzt um viertel vor acht kaum einen trockenen Faden mehr am Leib hat, strahlt er übers ganze Gesicht. „Was für ein phantastisches Wetter!“
Endlich wieder Regen
Vielen scheint er da aus der Seele zu sprechen: Tatsächlich ist Erleichterung spürbar, irgendwie sind tatsächlich alle ziemlich gut aufgelegt, weil der Regen nach vielen Tagen Dürre endlich wieder da ist.
Ich merke: Mir geht dieses kleine Morgenerlebnis immer noch nach. Tatsächlich hatte ja der ausbleibende Regen in den Wochen davor bei uns in Hessen immer deutlichere Spuren hinterlassen: vertrocknete Wiesen im Juli, Blätter, die schon im August von den Bäumen fallen…
Und vermutlich haben viele Menschen – wie ich auch – deswegen in den letzten Wochen noch mal besonders nachgedacht: über das Wetter, über das Klima, über die Sonne und über uns Menschen.
Die Natur bewusster wahrnehmen
Speziell in den September passt das ganz gut: Denn jetzt ist die so gennannte „Schöpfungszeit“. Das sind fünf Wochen, vom 1. September bis 4. Oktober, in denen die Kirchen dazu einladen, die Natur, die Schöpfung bewusst wahrzunehmen und zu schützen. Ganz besonders geht’s darum, dankbar zu sein für Gottes Schöpfung – und gleichzeitig nicht zu vergessen, dass ich auch selbst ein Teil davon bin und Verantwortung dafür trage.
Um die Schöpfungszeit soll es auch heute in der Morgenfeier gehen. ein achtsamer Umgang mit der Natur und mit allen Lebewesen, das ist nicht irgendeine nette Idee. Für mich gehört das ganz zentral zu meinem christlichen Glauben.
Musik 1: Giuseppe Torelli, „Sinfonia con Trombe G.18 – Allegro“. CD 2/2 „Torelli – Complete Trumpet Concertos. Thomas Hammes / Peter Leiner / European Chamber Soloists / Nicol Matt”, Label Brilliant Classics (92401/2), Track 17, 02:03
Fünf besondere Wochen
Die Schöpfungszeit: Das sind für die Kirchen besondere fünf Wochen im Kirchenjahr, in denen sie gemeinsam über alle Konfessionen hinweg den Blick auf Gottes Schöpfung schärfen. In dieser Zeit geht’s um Nachhaltigkeit, um unseren Lebensstil, um Glauben und Gemeinschaft – kurz: darum, wie Christinnen und Christen zusammen mit allen Menschen heute verantwortlich in dieser Welt leben.
Los ging’s am 1. September, dem Weltschöpfungstag, den viele Kirchen feiern. Und das Ganze endet am 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franz von Assisi – dem Mann, den man wegen seines Sonnengesangs und seiner Liebe zur Natur gern den „Umweltheiligen“ nennt.
Die Idee selbst ist längst nicht mehr neu. Schon 2007 hat eine große ökumenische Versammlung in Sibiu vorgeschlagen, eine feste Zeit auszurufen, in der die Schöpfung und unser Umgang mit ihr im Mittelpunkt stehen. Damit haben wir – ökumenisch gedacht – neben dem Advent und der Fastenzeit eine dritte besondere Zeit im Kirchenjahr.
Alles anders als sonst
Ich merke, wie mir diese Schöpfungszeit immer wichtiger wird. Gerade in diesem Jahr, nach diesem Sommer mit all der Dürre und dem fehlenden Regen. Normalerweise freue ich mich ja über einen sogenannten „Rekordsommer“ – über südländische Mittagshitze, warme Abende, über das volle Licht und über dieses Sommergefühl von Weite und Leichtigkeit.
Aber diesmal war es anders. Als die Böden aufzureißen begannen, die Bäume früh ihr Laub verloren haben und selbst im Schatten die Wiesen verbrannt sind, hab ich mich dabei ertappt, wie ich nachdenklich geworden bin, fast schon erschrocken darüber, wie verletzlich unsere Welt ist. Deshalb begrüße ich die Schöpfungszeit in den Kirchen in diesem Jahr besonders. Sie trifft einen Nerv, auch bei mir.
Zwei Dinge gehen Hand in Hand
Für mich verbindet die Schöpfungszeit zwei Dinge, die sonst im Alltag oft getrennt laufen: Ich lobe Gott für die Schöpfung, für die wunderbare Natur, die Früchte, die gerade reifen, oder die Berge und das Meer, die ich vielleicht im Urlaub erlebt habe. Und ich höre und lese viel bewusster, was die Klimaforschung zur Klimakrise sagt, und frage mich, welchen Anteil ich auch daran habe, welche Spuren ich selbst hinterlasse und welche Schäden ich darin verursache, weil ich so lebe wie ich es gewohnt bin.
So zeigt mir die Schöpfungszeit, wir sehr wir alle aufeinander und auf diese Erde angewiesen sind. Und sie lädt mich ein, wieder neu zu staunen, neu zu versuchen, Dinge zu verstehen und gleichzeitig demütig zu bleiben – gerade angesichts einer Welt, deren Zusammenhänge immer besser erforscht und dadurch auch immer komplexer werden.
Staunen über die Schöpfung: Das kann ich immer wieder auch mit der Musik, mit Gesang. Es gibt schon ganze alte Lieder, die davon singen, wie schön und zerbrechlich zugleich diese Schöpfung ist – und wie gut es ist, sich ihr mit Dankbarkeit zu nähern.
Ein solches Lied ist für mich der alte Paul‑Gerhardt‑Choral „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“. Er fasst genau dieses Staunen und diese Demut in Worte. Dieses Morgenlied funktioniert wie eine kleine barocke Predigt: Der Blick auf den Himmel und das Licht führt hinein in die Betrachtung der Schöpfung, in Gottes Fürsorge – und erinnert mich gleichzeitig daran, welche Verantwortung wir als Geschöpfe tragen. Und es formuliert die Bitte an Gott, dass wir das als Menschen mit seinem Segen auch Tag für Tag möglichst gut hinkriegen.
Musik 2: Johann Georg Ebeling, „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“. CD „Ich bete an die Macht der Liebe. Große geistliche Chöre“, Label Hänssler Classic (98.912), CD 1/2, Track 16, 01:59
Die besondere Bedeutung der Sonne
Die Sonne und wir – das ist schon ein besonderes Verhältnis: Schon aus der Steinzeit kennen die Forscher früheste architektonische Gebilde oder kultische Gerätschaften, die eine Sonne darstellen: Zeugnisse menschlicher Kultur und Religiosität aus frühesten Zeiten.
Offenbar haben die Menschen schon immer der Sonne eine besondere Verehrung entgegengebracht. Es ist gar nicht weit hergeholt, in unserem Verhältnis zur Sonne so etwas wie einen roten Faden der Kulturgeschichte zu sehen. In den meisten Epochen kommen Lyrik, Wissenschaft und auch Religion ohne einen Bezug auf die Sonne nicht aus.
Bei uns zuhause auf dem Dorf haben es die Erwachsenen gar nicht gern gesehen, wenn wir als Kinder mal an einem sonnigen Nachmittag drinbleiben und zum Beispiel lesen oder fernsehen wollten: „Nutzt das schöne Wetter aus“, hieß es dann.
„Draußen scheint die Sonne!“ Und wenn ich heute in meiner Buchhandlung in der modernen Ratgeberliteratur stöbere, dann stoße ich erstaunlich oft auf ähnliche Rezepte. Sei es gegen Stress, Übergewicht oder Müdigkeit: Im richtigen Maß genossen, tut eine Ladung Sonne der Seele gut. Deswegen scheint sie auch in fast allen Fernsehspots und in den meisten Werbeprospekten.
Aber: Vorsicht vor zu viel Sonne
Trotzdem ist heute eher Vorsicht geboten. Wir müssen heute eigens darauf achten, dass wir angemessen vor zu viel Sonne geschützt sind: das gilt nicht nur für die Kinder beim Wandertag in der Schule! Ratgeber betonen auch für Erwachsene dasselbe: vor Sonne schützen, Kopfbedeckung benutzen, Sonnencreme auftragen, Pausen im Schatten einplanen und genug trinken!
Auch in der Musik haben Dürreperioden Spuren hinterlassen, wenn es in manchen Jahren Zuviel des Guten war:
Der Komponist Johann Christoph Friedrich Bach war einer der Bach-Söhne. Noch vor dem Tod seines berühmten Vaters Johann Sebastian Bach wurde er von Leipzig aus als „Hochgräflich Schaumburg-Lippischer Cammer-Musicus“ an den Hof in Bückeburg gerufen wurde. Da war er gerade 18 Jahre alt. Er schrieb 1815 mit den Worten eines zeitgenössischen Gedichts ein Lied, das auch in diesen Sommer gut gepasst hätte:
„Der Sonne Glut hat wieder / der Fluren Angesicht verbrannt. Der Blumen Haupt hängt nieder, / nach regen seufzt das dürre Land!!“
Musik 3: Johann Christoph Friedrich Bach, „“Der Sonne Glut hat wieder“. CD „Gotthold Schwarz / Sabine Bauer: C. Ph. E. Bach / J Chr. F. Bach: Geistliche und weltliche Lieder“, Label Capriccio (10 856), Track 27, 03:21
Sonne als Sinnbild für Leben und Wachstum
Für das Christentum gehört die Sonne zur geschaffenen Welt. Ihr selbst kommt keine eigentliche Verehrung zu wie in anderen Religionen, bei zum Beispiel damals in der Antike bei den römischen Göttern. Aber sie ist durchaus ein Sinnbild für Leben und Wachstum und damit eben auch für den Schöpfer selbst, für Gott. „Gott, der Herr, ist Sonne und Schild. Er schenkt Gnade und Herrlichkeit“, so formuliert es der 84. Psalm der Bibel.
Auch auf ihren ersten Seiten, in der großen Schöpfungserzählung im Buch Genesis, wird von der Erschaffung der Sonne am vierten Schöpfungstag als einem besonderen Höhepunkt gesprochen.
Natürlich legt der biblische Autor mit seiner Erzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen keine naturwissenschaftliche Reportage vor; er singt ein Loblied auf Gott, dem alles das Dasein verdankt, auch Tag und Nacht, Mond und Sterne – und eben auch die Sonne.
In der Bibel heißt es: „Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. (…) Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten.“ (Genesis 1, 14.16)
Wie wunderbar die Sonne leuchtet, das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich einen Sonnenaufgang erlebe.
Joseph Haydn stellt in seiner „Schöpfung“ einen solchen Anblick mit den Mitteln der Musik dar. Zunächst fügt er das Orchester mit seinen Klängen zu einem musikalischen Bild des Sonnenaufgangs zusammen.
Und dann schildert der Tenor im Gesang den Anblick: „Im vollen Glanze steiget jetzt die Sonne strahlend auf.“
Das Rezitativ setzt sich dann direkt und unmittelbar im jubelnden Choral fort: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament.“
Musik 4: Joseph Haydn, „Die Schöpfung“, Rezitativ „In vollem Glanze steiget jetzt“, CD „Joseph Haydn: Die Schöpfung“. Bach Collegium Stuttgart und Gächinger Kantorei Stuttgart / Helmuth Rilling, Label Hänssler Classic (FA 5249), CD 1/2, Track 12, 03:11 (plus ca. 20 secvon Track 13, fade out.) (ca. 03:31)
Licht ist für uns alle wichtig
Nicht nur unser Körper, sondern auch unser Innenleben kennt die Sehnsucht nach dem Licht. Alles Licht in der Schöpfung ist für mich deshalb eigentlich ein Symbol für Unbeschwertheit, Leben und Freude.
Die „Schöpfungszeit“, die jetzt im September begangen wird, nimmt aber genauso meine ernsten Gedanken auf, die sich einstellen, wenn das Klima sich immer schneller verändert, wenn das Licht eben auch viel zu hell wird, wenn die Sonne runterbrennt, die Gletscher abschmelzen, die Meere sich aufheizen und das Wetter an vielen Orten immer öfter und immer mehr verrücktspielt.
Was kann ich tun, um die Umwelt zu schützen?
Natürlich bleibt da für mich die Frage: Was kann ich eigentlich tun? Ich kann durchaus Gott bitten, dass unter uns Menschen die Achtsamkeit im Umgang mit der Natur immer mehr zunimmt, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ihrer Verantwortung nachkommen, dass wir als Gesellschaft mit immer besseren Ideen etwas tun gegen die „Klimakrise“.
Aber beim Klima, da kommt es auch auf mein eigenes persönliches Tun an! Wenn ich in diesem Jahr während der Schöpfungszeit draußen Gottesdienst feiere oder den Frühherbst mit Ernte und Weinlese genieße, dann ist es für mich auch wichtig, gerade dabei den Klimawandel ernst zu nehmen. Und zwar, ohne Wetter und Klima immer durcheinanderzubringen, wie das manchmal in hitzigen Diskussionen passiert.
Natürlich ist richtig: Ein paar heiße Tage im Hochsommer oder ein besonders regenarmer August in manchen Jahren sind noch keine Krise. Aber die Summe der Entwicklungen zeigt, dass ich nicht wegschauen sollte.
Also: Was kann ich konkret tun? Manchmal fühlt sich das, was mir einfällt, im globalen Maßstab fast lächerlich klein an. Vor allem, wenn ich sehe, wie viele Menschen schon so viel konsequenter unterwegs sind als ich. Aber genau da will ich mich nicht entmutigen, sondern lieber neu inspirieren lassen.
Kleine Schritte helfen bereits
Auch wenn es bei mir noch nicht die ganz großen Würfe sein mögen: Kleine Schritte im Alltag verändern ganz bestimmt schon mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Deshalb versuche ich schon bewusster und passender zu den Jahreszeiten einzukaufen, manche Wege anders zu organisieren, öfter das Auto stehenzulassen und das Fahrrad zu nehmen, mit Strom, Gas und Wasser aufmerksam zu haushalten, Dinge länger zu nutzen und sie, wenn ich sie nicht mehr brauche, lieber weiterzuschenken als wegzuwerfen.
Denn Verantwortung fängt nicht erst bei der Weltpolitik an, sondern bei mir – und bei der Haltung, mit der ich lebe.
Ich hab das Gefühl: Mir wird das in der Schöpfungszeit dieses Jahr sogar Spaß machen, mich immer wieder zu fragen: Was wäre denn jetzt mein nächster kleiner Schritt? Nicht perfekt, nicht heroisch und schon gar nicht verbissen – einfach ehrlich, machbar und mit dankbarem Gottvertrauen. Genau so fängt Veränderung an.
Musik 5: Johann Sebastian Bach: Choralvorspiel „Wo soll ich fliehen hin, oder: Auf meinen lieben Gott“ (BWV 646), CD 11/12 „Bach. The Organ Works” von Helmut Walcha, Label Archiv Produktion (463 723-2), Track 06, 02:03