hr2 ZUSPRUCH
hr2
Ein lächelnder Mann mit Brille und grau meliertem Haar trägt ein hellblaues Hemd. Er hat die Arme verschränkt und sieht freundlich aus. Der Hintergrund ist in neutralen Farbtönen gehalten.

Eine Sendung von
Volker Mantey,
Evangelischer Propst, Marburg

00:00
00:00
Sternenhimmel. In der Bildmitte ist die Milchstraße zu erkennen.

Nicht verloren in der Weite

Es wird Nacht auf dem Schiff. Wir liegen vor einer unbewohnten Sandbank vor Anker, mitten im westfriesischen Wattenmeer. Decken und Schlafsäcke sind an Deck, die Luft wird kühl. Niemand will in seine Kajüte. Über uns spannt sich ein unglaublicher Sternenhimmel.

Sternbilder entdecken: Orientierung am Nachthimmel

Wir entdecken, was wir kennen: den Großen Wagen; Orion; Kassiopeia (das „Himmels-W“); den Schwan. Einer von uns erzählt, wie er einmal auf der Südhalbkugel in den Himmel geschaut hat und völlig verwirrt war. Alles sah anders aus. Die vertrauten Sterne fehlten als Orientierung. Wo ist Norden, wenn der Polarstern nicht mehr zu sehen ist?

Warum Sternbilder eigentlich nur aus unserer Perspektive entstehen

Einer googelt: Die drei Sterne im Gürtel des Orion zum Beispiel sehen für uns aus, als lägen sie nebeneinander. In Wirklichkeit sind sie von uns zwischen 800 und 1.300 Lichtjahren entfernt. Das Bild eines Gürtels entsteht also erst aus unserer Perspektive –  von der Erde aus. Beim Großen Wagen ist es ähnlich. Nur fünf seiner sieben hellen Sterne gehören zusammen und liegen ungefähr 80 Lichtjahre von uns entfernt. 20 Lichtjahre weiter hinten stehen die zwei, die es braucht, um den Polarstern zu finden. Trotzdem ergeben sie für uns ein Bild und helfen uns  bei der Orientierung.

Psalm 8 und die Frage nach dem Platz des Menschen im Universum

„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Diese Frage steht in Psalm 8. Genau dieses Staunen erleben wir in dieser Nacht. Je länger wir in den Himmel schauen, desto kleiner kommen wir uns vor. Einzelne Menschen auf einem Schiff, auf einer kleinen Erde, irgendwo in einem Raum, dessen Größe man nicht denken kann. Und gleichzeitig entdecken wir im Weltall Muster, die wir nicht für einen Zufall halten. 

Psalm 8 verändert die Perspektive. Die Frage lautet: Wie kann es sein, dass Gott in all dieser unvorstellbaren Größe den einzelnen Menschen nicht übersieht? Ich verstehe es so: Obwohl diese Zusammenballungen von Gasmassen, die wir Sterne nennen, so unendlich weit von uns entfernt sind, stehen sie doch in einer Beziehung zu uns. Wie beim Gürtel des Orion: Gott lässt uns ein Muster erkennen, wo naturwissenschaftlich keines ist. 

Orientierung im Leben: Halt finden inmitten der Weite

Mag das Ganze auch wie ein unglaubliches physikalisches Chaos aussehen – mitten in dieser unvorstellbaren Weite gibt es Punkte, an denen man sich festhalten kann. Das glauben wir in dieser Nacht und das soll uns fürs Erste genügen. Und vielleicht auch für morgen.