Windtelefon
Bei einem Spaziergang über den Hauptfriedhof in Kassel entdecke ich am Weg eine Telefonzelle. Sie ist nicht mehr gelb, man hat sie weinrot angestrichen. Windtelefon ist auf dem Schild über der Tür zu lesen. Das macht mich neugierig.
Was steckt hinter dieser besonderen Telefonzelle?
Ein kurzer Text lädt dazu ein, hineinzugehen und den Hörer abzunehmen. Man kann etwas hineinsprechen oder auch nur horchen, ob da etwas ist. In der Telefonzelle liegt auch ein Buch mit weißen Seiten. Man kann etwas aufschreiben. Viele Menschen haben das schon getan. Sie haben darin aufgeschrieben, was sie bewegt oder vielleicht auch in den Hörer gesprochen haben: Was sie traurig macht. Fragen, auf die sie keine Antwort finden, aber auch Worte des Dankes für gemeinsame Jahre. Es finden sich sogar fröhliche Geburtstagsgrüße in dem Buch.
Trauer und Migration: Warum das Windtelefon ein Ort für viele Gefühle ist
In der Nähe des Hauptfriedhofs wohnen viele Menschen, die einen migrantischen Hintergrund haben. Und so findet sich in dem Buch auch die Trauer um die verlorene Heimat. Der Schmerz darüber, sich hier fremd und einsam zu fühlen. Es geht darum, in dieser Telefonzelle seiner Trauer Ausdruck zu geben. Unabhängig davon, ob auf dem Friedhof ein naher Mensch bestattet worden ist.
Die Idee des Windtelefons des japanischen Künstlers Itaru Sasaki geht um die Welt
Diese Idee des Windtelefons gefällt mir. Sie stammt von dem japanischen Künstler Itaru Sasaki. Er stellte sich 2010 ein Windtelefon in seinen Garten, um mit seinem verstorbenen Cousin zu sprechen. Als dann ein Jahr später der Tsunami mit seinen katastrophalen Folgen über Japan hereinbrach, öffnete er sein Windtelefon für alle Trauernden. Aus ganz Japan kamen Menschen, um an diesem Ort Kontakt zu ihren Verstorbenen aufzunehmen. Und so verbreitete sich seine Idee über die ganze Welt.
Innere Gespräche mit Verstorbenen
Für mich hat das nichts mit magischen Vorstellungen zu tun. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich in einen inneren Dialog trete mit meinen längst verstorbenen Eltern. Oder mit einem Freund aus alten Studientagen, der vor einigen Jahren gestorben ist. Oft braucht es nur einen kleinen Anstoß. Dann ist die Erinnerung da. Ich weiß genau, was sie sagen werden. Ich weiß, wie ihr Lachen klingt und ich weiß, worüber sie sich gefreut hätten.
Die Beziehung zu einem Verstorbenen trägt man weiter in seinem Herzen
Unsere Beziehung ist noch nicht beendet. Ich trage sie in mir. Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind, nachdem sie vom Leben in den Tod gegangen sind. Ich hoffe, bei Gott. Aber ein Teil von ihnen ist noch in mir lebendig. Als Erinnerung, als innere Stimme, als ein vertrautes Gefühl. Wir sind noch nicht fertig miteinander. So wie es auch die vielen Einträge beim Windtelefon zeigen. Hinter der Trauer bleibt die Beziehung. Und sie bleibt bestehen, solange ich meine Lieben im Herzen trage.