Das Leben ist kostbar
In dieser Woche habe ich eine Frau beerdigt, die 103 Jahre alt geworden ist. Was hat sie wohl alles gesehen, erlebt, mitgemacht und geschafft? Bis fast an ihr Lebensende war sie weitgehend selbstständig. Selbst der Umzug in ein Pflegeheim vor sechs Jahren war ihre eigene Entscheidung. Als sie starb, war sie bereit zu gehen. Sie hoffte auf ein Wiedersehen mit ihrem längst verstorbenen Mann.
Sie war nicht lebensmüde, sondern lebenssatt. Es war genug. Ich kannte sie ein wenig. Manchmal haben wir uns unterhalten, und noch drei Wochen vor ihrem Tod war sie bei mir im Gottesdienst.
Wenn das Leben langsam zu Ende geht
Bei meiner Arbeit als Seelsorgerin in Alten- und Pflegeheimen bin ich oft mit dem Sterben konfrontiert. Es ist ein wichtiges Thema – auch wenn nur selten offen darüber gesprochen wird. Manche Menschen leben viele Jahre im Heim. Und doch ist es für die meisten die letzte Station ihres Lebens.
Immer wieder werde ich gerufen, wenn Menschen im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Das kann sehr unterschiedlich sein. Manche schlafen friedlich ein. Bei anderen ist es ein langer, schwerer Weg – fast wie ein letzter Kampf. Offenbar ist es nicht immer leicht, das Leben loszulassen.
Die eigene Endlichkeit vor Augen
Solche Begegnungen bringen mich auch dazu, über mein eigenes Leben nachzudenken. Ich wünsche mir, dass ich am Ende versöhnt auf meine Lebensgeschichte zurückblicken kann – auf das Schöne ebenso wie auf das, was ich mir anders gewünscht hätte. Und ich hoffe darauf, bei Gott auf der anderen Seite des Lebens überrascht zu werden.
Natürlich wünsche ich mir, dass dieser Tag noch lange auf sich warten lässt.
Wenn der Tod dich plötzlich aus dem Leben reißt
Vor gut zwei Wochen ist ein Mann aus meinem Jahrgang gestorben, ein ehemaliger Mitschüler aus der Parallelklasse. Kein Unfall, sondern eine Krankheit – und trotzdem ging alles schnell und ohne große Vorwarnung. Wir waren nie eng befreundet. In den letzten Jahren begegneten wir uns gelegentlich auf der Straße. Ein kurzer Gruß, ein Winken – mehr war es meist nicht. Und doch hat mich sein Tod tief getroffen.
Von dem, was ich über ihn weiß, denke ich: Er hat wirklich gelebt. Er war mit vielen Menschen verbunden, engagiert, feierte gern und hatte eine klare Haltung. Viele trauern jetzt um ihn. Er war bestimmt nicht lebenssatt. Er hatte noch Pläne, wollte leben. Sein Tod kam viel zu früh.
Und trotzdem hoffe ich, dass auch er nun versöhnt auf sein Leben schaut – vielleicht sogar mit einem leisen, verschmitzten Lächeln. Das hätte zu ihm gepasst.
Lebe dein Leben bewusst!
Solche Erfahrungen machen mir immer wieder bewusst, wie verletzlich unser Leben ist – und wie kostbar. Sie erinnern mich daran, dass ich mein Leben nicht einfach verstreichen lassen möchte. Ich will nicht irgendwann feststellen, dass ich vieles nur auf später verschoben habe.
Deshalb sage ich mir selbst immer wieder:
Mensch, Andrea, lebe jetzt, was dir wichtig ist. Teile dein Leben mit anderen. Feiere das Leben. Zeige Haltung. Und geh mit offenen Augen durch die Welt.