Eingewachsen
Da ist dieser Baum: Jemand hat vor vielen Jahren ein altes Schild an ihm befestigt: Durchfahrt verboten. Mir fällt auf: die Rinde wächst über das Schild, und zwar von oben und von unten.
Ein langsames Verschlingen
Es sieht so aus, als würde das runde Schild vom Baum verschluckt. Wie Lippen legt sich seine Rinde um das Metall. Feine Linien und Narben haben sich gebildet. Die Rinde wirkt aufgespannt. Es sieht schmerzhaft aus und unverdaulich.
Wie Bäume mit Verletzungen umgehen
Im Internet suche ich nach einer Erklärung. Ich erfahre: es handelt sich um eine Wundreaktion des Baumes. Bäume wachsen sehr langsam. Was sie verletzt, ein Fremdkörper, wird umschlossen, überformt. Ich finde viele erstaunliche Fotografien dazu. Da sind ganze Bänke in Bäume eingewachsen. Steine. Sogar ein Fahrrad, das irgendwann einmal an zwei Bäumen angelehnt war, dort vergessen wurde und nun mit dem Holz verwachsen ist.
Symbole aus Holz und Metall
Ich betrachte die Bilder. Sie erscheinen mir immer mehr als Symbole. Dieses langsame Umschließen. Dass sich offensichtlich etwas verändert. Dass es mir schmerzhaft erscheint. Das kommt mir vertraut vor. Es ist, als zeige dieser Baum, was ich vom Trauern und Getröstet werden weiß.
Spuren, die im Stamm bleiben
Wer an dem Baum vorbeikommt, sieht die Mühe mit dem Fremdkörper. Wie lange das dauert. Eine Verletzung bleibt, eingeschlossen im Stamm.
Weiterleben statt heilen?
Mir kommt es so vor, als zeigte der Baum: Schaut, es geht nicht darum, festzuhalten dass alles „wieder gut“ wird. Vielmehr geht es darum, mit dem weiterleben zu können, was geschehen ist. Auch Trauer lässt sich nicht wegdrängen. Darüber reden, weinen, klagen – auch nach langer Zeit – gehört zu ihr. Auch wenn andere sagen: „Es reicht langsam, das Leben muss weitergehen.“
Überwallung: Wachsen trotz Fremdkörper
In der Botanik nennt man das, was mit dem Baum geschieht „Überwallung". Das klingt nach Aushalten, Erdulden. Aber es ist das Gegenteil: Der Baum arbeitet aktiv daran, den Fremdkörper einzuschließen und so seine Stabilität zu wahren. Er wartet nicht, dass der Schmerz aufhört. Er wächst trotzdem weiter.
Andere als Stützen im Schmerz
Beim Menschen geht das nicht so leicht. Aber ich glaube, andere Menschen können helfen. Wenn sie da sind – auch noch lange Zeit später. Wenn sie zuhören. Mit aushalten, dass es weh tut. Sie können für einen Trauernden Stabilität bieten. Dadurch hört der Schmerz nicht auf. Aber er wird Teil der eigenen Geschichte.
Grün trotz Narben
So wie das Schild ein Teil des Baumes wird. Der steht immer noch an seinem Waldweg. Der Baum hat Blätter, und er ist grün, wenn man an seinem Stamm hinaufschaut. Das Fremde ist eingeschlossen – und der Baum lebt. Mehr lässt sich vielleicht gar nicht sagen.