Erster Morgen ohne Arbeit
Neulich wurde Anna in die Rente verabschiedet. In den Abschiedsreden ging es um den „wohlverdienten Ruhestand“, um die „neue Freiheit“ und darum, „endlich alles tun zu können, was das Herz begehrt“. Das klang nach Sekt und Aufbruch.
Wohin geht es jetzt?
Hinterher, als die Gläser leer waren, saßen wir noch in kleiner Runde zusammen. Ein Kollege fragte: „Na, wohin brichst du denn jetzt auf?“ Anna konterte gelassen: „Das bleibt mein Geheimnis. Ich schick euch eine Postkarte.“
Neue Projekte im Ruhestand
Die Runde hatte noch viele gute Ideen für das neue Projekt „Rente“. Eine sagte: „Mach doch was Ehrenamtliches! Du bist doch sowieso schon so aktiv im Sportverein, die freuen sich, wenn du da jetzt voll einsteigst.“ Oder die Idee mit dem Wohnmobil und der Mitternachtssonne. Anna überlegte auch kurz: „Ja, vielleicht sollte ich mir eins kaufen.“ Aber im nächsten Moment kam die Unsicherheit: „Kann ich mir das überhaupt leisten? Und unabhängig vom Geld: Ich glaub, das passt gar nicht zu mir.“
Der erste freie Tag: Schwerelos oder haltlos?
Während wir gemeinsam die Reste der Feier wegräumten, ließ mich das Thema nicht los. Vor allem das, was Anna am Schluss von ihrem letzten Arbeitstag sagte: „Dieser erste freie Tag morgen: In meiner Vorstellung wird ein Moment epischer Stille. Ich stelle mir vor: Ich sitze dann morgens da mit meiner Tasse und fühle mich plötzlich so unendlich schwerelos, dass ich mich am Tisch festhalten muss.“ Wir lachten alle. Ich habe mich gefragt: Wäre das für mich auch „schwerelos“ in diesem Moment - oder eher „haltlos“?
Wer bin ich ohne Arbeit?
Anna dagegen war souverän. Sie meinte: „So ein Neuanfang ist eben nicht nur Vorfreude. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie hart man da manchmal mit sich selbst konfrontiert wird. Da kommen Fragen auf: Wer bin ich eigentlich, wenn das Vertraute wegfällt? Wer will ich sein – und wer kann ich überhaupt noch sein? Mal abgesehen von so banalen Überlegungen wie: Was kann ich mir überhaupt alles noch leisten?
Leere nach dem Abschied
Ich hörte zu und trocknete still für mich die Gläser ab. Mir schwante: Vielleicht wäre dieser erste Morgen am Küchentisch für mich so gar nicht der Moment der großen Freiheit, sondern der Moment der großen Leere. Und in dieser Leere lauert die bange Frage: Bin ich überhaupt noch jemand ohne meine Arbeit?
Ich bewundere Anna. Auch für ihre Antwort: „Wohin es jetzt geht, bleibt mein Geheimnis.“ Vielleicht meint sie nicht mal ein Reiseziel, sondern: sie nimmt sich das Recht und die Freiheit, es selbst noch nicht zu wissen.
Das Eigentliche kommt danach?
Als wir fertig sind mit Aufräumen, sagt ein Kollege: „Das Eigentliche findet ja immer nach der großen Party statt, oder?“ Wir lachen, verabschieden uns. „Bis ganz bald, Anna. Und vielen Dank für diesen besonderen Abend!“
Ich fahre nach Hause. Unterwegs merke ich, wie wichtig mir dieser Gedanke ist: das trotzige Vertrauen darauf, dass wir Menschen weit mehr sind als unsere Nützlichkeit.
Der erste Morgen im Ruhestand
Dieser „erste Morgen“ im Ruhestand, von dem Anna sprach, dauert in Wirklichkeit bestimmt viel länger als nur einen Tag. Er ist wahrscheinlich auch nicht schwerelos – er ruckelt eher. Heftig. Und das darf er auch. Denn es ruckelt halt im Getriebe, wenn ein Leben sich aus der alten Verankerung löst, um wieder ganz neu in Bewegung zu kommen. Mal sehen, wann Annas Postkarte ankommt und woher.