Bücherlesen in der S-Bahn
Viele Menschen sagen von sich, dass sie gern lesen. Und doch sehe ich in der S-Bahn immer seltener jemanden mit einem echten Buch. Die meisten gucken auf ihr Smartphone. Ich auch. Ich lese Nachrichten oder arbeite. E-Mails und so etwas. Kopfhörer auf und kein Blickkontakt. Bitte nicht stören!
Zeigt ein Buch mehr von mir?
Manchmal habe ich aber auch ein Buch dabei. Und immer wieder erlebe ich dann: Ein Buch ist anders. Wer ein Buch liest, zeigt etwas von sich. Ich finde es immer ganz lustig, wenn ich mitbekomme: die Leute versuchen, herauszufinden, welches Buch das ist. Einen Blick auf den Titel zu werfen – ganz unauffällig natürlich.
Störung willkommen?
Mit einem Buch in der Hand wirkt man offenbar so, als dürfe man gestört werden. Neulich im Vierer-Abteil passierte genau das. Eine Frau sprach mich unvermittelt an: „Das Buch, das Sie da lesen – das hat mir überhaupt nicht gefallen!“ Ich war völlig perplex und tauchte erschrocken aus den Seiten auf. Ich fand das Buch gut – sie fand es schrecklich. Wir diskutierten drei Stationen lang angeregt über die Charaktere und ihre Entscheidungen. Dann musste ich aussteigen. Wir verabschiedeten uns freundlich.
Begegnung durch ein Buch
Dieses Gespräch geht mir nicht aus dem Sinn. Nicht wegen des Buches, sondern wegen der Begegnung. Ohne das Buch hätte diese Frau mich niemals angesprochen. Es war natürlich kein weltbewegendes Gespräch, aber es gab mir doch eine andere Perspektive.
Diskurs im Vorbeifahren
Das Buch in der Öffentlichkeit ist ein Angebot zum Diskurs. Es sagt: „Hier ist ein Thema. Du darfst dazu eine Meinung haben, auch wenn meine anders ist.“ Ich finde: Es braucht solche indirekten Diskursangebote im Alltag. So etwas wie Reibungsflächen. Etwas, das nicht ganz glatt ist. Wie ein Buch. Wir sehen oft nur noch das, was wir ohnehin schon kennen und mögen. Algorithmen und Filterblasen verstärken das noch. Auch Freunde und Bekannte denken oft ähnlich wie wir. Das ist bequem – aber es macht den Blick eng. Man hört irgendwann nur noch die eigene Meinung, ein bisschen lauter. Für unser Zusammenleben ist das ein Verlust.
Gastfreiheit für andere Sichten
Umso wichtiger sind für mich diese kleinen, unerwarteten Momente, in denen es anders läuft – so wie bei der Begegnung in der S-Bahn. Die Möglichkeit dazu ist für mich etwas Wichtiges. In der Sprache des Glaubens ist das eine Form von Gastfreundschaft. Gastfrei zu sein bedeutet nicht nur, jemanden zum Essen einzuladen. Es bedeutet, innerlich Platz zu machen für das, was anders ist als ich. Wo ich mich „stören“ lasse – durch eine andere Geschichte oder ein unerwartetes Gespräch.
Wo ich mich nicht verstecke hinter meinen eigenen Gewissheiten. Da wird das Leben weit und ein bisschen bunter. Da lerne ich: Der andere schaut auf dieselbe Welt – und nimmt doch etwas völlig anderes wahr. Das muss nicht trennen, es kann bereichern. Und ist ein guter Anfang von einer echten Begegnung.