hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Lemmer, André

Eine Sendung von

Katholischer Dechant in der Pfarrei Sankt Elisabeth in Kassel

Das Bild zeigt die Decke eines großen, runden Raums mit einer auffälligen Öffnung in der Mitte. Lichtstrahlen fallen durch das Loch und erzeugen eine helle, lebendige Szene, während die geometrischen Muster der Decke den Raum umrahmen.

Einmütigkeit statt Einstimmigkeit

Es ist dieser besondere Moment in Rom, wenn die Mittagshitze langsam dem weicheren Licht des Nachmittags weicht. Ich sitze hier in einem kleinen Café, die Piazza della Rotonda direkt vor mir, und das Pantheon blickt mit seiner jahrtausendealten Gelassenheit auf das bunte Treiben herab. Vor mir steht ein Glas Frascati – kühl, klar, ein wenig mineralisch, wie die Erde hier. Es ist ein Wein, der nicht aufdringlich ist, aber eine feste Struktur hat. Während ich den ersten Schluck nehme und das Kondenswasser am Glas beobachte, schweifen meine Gedanken zurück zu einem Text, der mich seit Tagen verfolgt: Das dritte Kapitel des Johannesevangeliums.

Jesus und Nikodemus

Es ist die Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus. Ein nächtliches Gespräch, das so viel mehr ist als ein theologischer Austausch. Es ist ein Ringen um Verstehen; ein Aufbrechen alter Krusten. Nikodemus, ein Pharisäer, ein Mitglied des Hohen Rates – ist es gewohnt, in geordneten Bahnen zu denken. Er liebt Regeln und er weiß, wie man bei Abstimmungen Mehrheiten findet.

Er - Nikodemus - kommt zu Jesus; aber er kommt im Schutz der Dunkelheit.
Warum macht er das? Vielleicht, weil er die Einstimmigkeit seines Gremiums nicht gefährden will. Er sucht die Wahrheit, aber er scheut das Licht der Öffentlichkeit, solange er sich seiner Sache nicht absolut sicher ist.

Die Suche nach Einstimmigkeit

„Rabbi“, beginnt er, fast schon schmeichelnd, „wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen.“ Er spricht im Plural – „wir wissen“. Er sucht die Sicherheit der Gruppe, die Deckung der Übereinstimmung. Er möchte Jesus in sein System einbauen. Es ist ein Einordnen in das, was man bereits für wahr befunden hat. Er sucht die Bestätigung einer bereits bestehenden Meinung. Er will die Einstimmigkeit der Vernunft.
Doch Jesus spielt dieses Spiel nicht mit. Er antwortet nicht auf die Schmeichelei, sondern stößt sofort zum Kern vor: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Der Wind des Geistes

Hier am Nebentisch im Café wird gerade lautstark diskutiert – eine Gruppe junger Römer, die Hände fliegen nur so durch die Luft. Es geht um Fußball oder Politik, man unterbricht sich, man lacht, man streitet. Es ist alles andere als einstimmig, aber es ist unglaublich lebendig. Und genau das ist es, was Jesus Nikodemus sagen will: Das Reich Gottes ist kein Paragraphenwerk, über das man abstimmt, bis alle dasselbe sagen. Es ist ein Prozess des Lebens, wie eine Neugeburt.

„Von neuem geboren“

Nikodemus reagiert so, wie wir oft reagieren, wenn unsere festen Strukturen bedroht sind. Er wird buchstäblich: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa wieder in seiner Mutter Leib gehen?“. Er fragt Jesus quasi: „Wie soll das eigentlich gehen?“ Er sucht die logische Abfolge, die technische Machbarkeit. Er möchte die Kontrolle behalten. Wenn wir in unseren Sitzungen nach Einstimmigkeit suchen, tun wir oft genau dasselbe. Wir versuchen, ein Ergebnis so lange zu schleifen, bis keine Kante mehr übrig ist, an der sich jemand stoßen könnte. Wir wollen die totale Kontrolle über den Konsens. Wir verwechseln Einstimmigkeit mit Wahrheit.

Der entscheidende Unterschied

Aber Jesus führt ihn tiefer. Er spricht vom Wasser und vom Geist. Und dann kommt dieser wunderbare Vers 8. Diesen kann ich hier im Wind, der durch die römischen Gassen zieht, fast körperlich spüren: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

Das ist der Moment, in dem wir von der Einstimmigkeit zur Einmütigkeit finden müssen.
Einstimmigkeit ist oft ein starres Gebilde. Sie ist das Ergebnis von Verhandlungen, von Kompromissen, manchmal sogar von sanftem Druck. Wenn wir am Ende einer Sitzung alle die Hand heben, fühlen wir uns sicher. Aber ist das auch einmütig? Einstimmigkeit ist eine Form der Übereinkunft, die oft an der Oberfläche bleibt. Sie ist ein Instrument der Verwaltung. Man kann sie erzwingen, man kann sie durch kluge Taktik herbeiführen. Aber sie hat oft keine Seele. Sie ist wie ein Wein, der im Labor zusammengestellt wurde. Irgendwie schmeckt er jedem, aber eine richtige Bedeutung hat er für keinen.

Vielfalt als Stärke

Einmütigkeit hingegen ist etwas völlig anderes. Wir finden das Wort oft in der Apostelgeschichte. Im griechischen ist es das Wort: homothymadon. Es beschreibt ein „Einssein im Geist“, ein Mitschwingen. Es bedeutet nicht, dass alle dieselbe Meinung haben. Ganz im Gegenteil! In der Einmütigkeit haben die verschiedenen Stimmen Platz. Aber sie sind auf ein gemeinsames Zentrum ausgerichtet.

Wenn ich hier auf die Architektur Roms blicke, auf das Pantheon mit seiner gewaltigen Kuppel: Die Steine da oben halten nicht zusammen, weil sie alle gleich geformt sind. Sie halten zusammen, weil sie alle auf den Schlussstein, das Zentrum, ausgerichtet sind. Das ist Einmütigkeit. Jeder Stein trägt die Last des anderen, auch wenn er eine andere Form hat.

Was wir von Nikodemus lernen können

Einmütigkeit ist das „Sausen des Windes“. Man kann sie nicht beschließen. Man kann sie nur empfangen. Sie setzt voraus, dass wir bereit sind, uns „neu gebären“ zu lassen. So wie es auch Jesus sagt. Das bedeutet: Ich lasse meine festgefahrenen Meinungen, meine strategischen Überlegungen, mein Bedürfnis nach Rechtbehalten ein Stück weit los. Ich öffne mich für das, was der Geist in der Mitte der Gemeinschaft wirken will.

In unseren kirchlichen Entscheidungen jagen wir oft dem Phantom der Einstimmigkeit hinterher. Weil wir Angst haben vor dem Konflikt. Wir denken, Uneinigkeit sei ein Zeichen von Schwäche. Aber wahre Stärke zeigt sich in der Einmütigkeit. Sie hält den Dissens aus. Aber nur weil das Band des Geistes stärker ist als die Verschiedenheit der Ansichten.

Nikodemus war am Ende dieses Gesprächs mit Jesus vermutlich völlig verwirrt. Er ging zurück in die Nacht, aber er war ein anderer geworden. Später im Evangelium sehen wir ihn wieder. Er tritt nun für Jesus ein, er hilft bei seinem Begräbnis. Und er hat die Einstimmigkeit seines Rates verlassen, um die Einmütigkeit mit dem Geist Gottes zu finden. Er hat den Schritt aus der Sicherheit des Gremiums in das Wagnis des Glaubens gewagt.

Mut zur Veränderung: Die Einladung zum Neuanfang

Ich nehme den letzten Schluck aus meinem Glas. Der Frascati hat seine Schuldigkeit getan. Er hat mir geholfen, über den Unterschied zwischen dem Buchstaben und dem Geist nachzudenken. Wenn wir in unseren Gemeinden, in unseren Familien oder auch in der Politik nach Lösungen suchen, sollten wir uns weniger fragen: „Wie bekommen wir alle dazu, dasselbe zu sagen?“ Wir sollten uns lieber fragen: „Wie können wir einmütig werden?“ Wie können wir diesen Geist wehen lassen, der uns nicht gleichschaltet, sondern uns verbindet?

Die Neugeburt, von der Jesus spricht, ist genau das: Die Befreiung von dem Zwang, alles selbst regeln zu müssen. Es ist das Vertrauen darauf, dass der Wind bläst, wo er will. Wir müssen nur die Segel richtig setzen.

Rom lehrt einen Gelassenheit. Hier stehen Ruinen neben modernen Cafés, hier mischt sich Heiliges mit Profanem. Alles ist in Bewegung. Und über allem steht die Einladung an Nikodemus und an uns: Trau dich, neu anzufangen. Trau dich, den Geist wehen zu lassen. Such nicht die billige Einigkeit der Zahlen, sondern die tiefe Einmütigkeit der Herzen. Hier in Rom, bei einem Glas Wein, erschließt sich mir also der Sinn von Entscheidungen, die einmütig getroffen werden.