Prophet im eigenen Land
Es gibt in der Bibel so einige Sprichwörter, die es in unseren alltäglichen Sprachgebrauch geschafft haben, z.B. dieses: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“ Will heißen: Menschen werden in ihrer eigenen Heimat oder ihrem gewohnten Umfeld oft weniger ernst genommen oder geschätzt, als an einem anderen Ort.
Zuerst sind die Menschen von ihm beeindruckt
Und die Bibel erzählt: Selbst Jesus ist es so gegangen. Jesus kommt nach Hause. Dorthin, wo man ihn kennt. Oder glaubt, ihn zu kennen. Er kommt nach Nazareth – seinen Heimatort. Die Menschen gehen mit ihm in die Synagoge, hören ihm zu. Und zuerst sind sie beeindruckt. Woher hat der das alles?
Dann: Das ist doch nur der Zimmermann
Doch die Bewunderung kippt schnell. Denn plötzlich erinnern sie sich: Das ist doch nur der Zimmermann. Der Sohn von Maria. Einer von uns. Und genau das wird zum Problem. Jesus passt nicht mehr in die Schublade, in die sie ihn gesteckt haben. Er ist zu nah. Zu bekannt. Zu gewöhnlich. Man traut ihm nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches zu.
Und Jesus reagiert darauf ziemlich deutlich: „Ein Prophet gilt nirgends so wenig wie in seiner Heimat.“ (Mk-Evangelium 6,4)
Ich war nicht der „Herr Kaplan“, sondern einfach nur „de Norbert“
Vor einigen Jahren habe ich auf einer Tagung einen älteren Mann kennengelernt. Er war katholischer Priester und es stellte sich heraus, dass wir im selben Dorf aufgewachsen sind. Er erzählte mir, dass sein Onkel vor vielen Jahrzehnten dort Pfarrer war. Auch er wurde später Priester und war zeitweise in unserem Heimatort tätig. „Das war gar nicht so einfach“ – sagte er mir. „Die Leute belächelten mich eher, als dass sie mich ernstgenommen haben. Bei den Leuten war ich nicht der „Herr Kaplan“, sondern einfach „de Norbert“. „Tja – der Prophet gilt eben nichts im eigenen Land“. Ich weiß noch, dass unser kurzes Gespräch mit diesem Sprichwort geendet hat.
Jesus geht dorthin, wo er noch nicht in einer „Schublade“ steckte
Die Bibel erzählt dann weiter: Jesus konnte dort in seiner Heimatstadt Nazareth kaum Wunder tun. Nicht, weil ihm die Kraft fehlte – sondern weil der Glaube der Leute dort fehlte. Jesus zieht dann weiter. Er geht dorthin, wo Menschen offen sind. Wo sie erwarten, dass mehr möglich ist als das Offensichtliche.
Wem traue ich eigentlich noch was zu?
Mich fordert diese Geschichte aus der Bibel ein bisschen heraus. Sie fragt mich: Wo habe ich mich festgelegt? Vielleicht festgefahren? Wo habe ich aufgehört, mit Neuem zu rechnen? Und wem traue ich eigentlich noch etwas zu – mir selbst eingeschlossen?
Jemandem zutrauen, die „Schublade“ zu verlassen
Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo ich jemanden nicht länger auf seine Herkunft reduziere. Sondern wo ich jemandem zutraue, mehr zu sein. Und vielleicht überrascht mich dann jemand völlig: Einer, den ich längst eingeordnet hatte – und der dann, wie Jesus damals, Außergewöhnliches bewirkt.