Die Grünkraft des Heiligen Geistes
Ende Mai war ich eine Woche verreist. Als ich zurückkam, stand ich erstmal fassungslos vor meinem Garten. Viel Regen und dazu Hitze hatten dafür gesorgt, dass alles unglaublich gewachsen und gewuchert war.
Die Grünkraft des Heiligen Geistes: Wenn der Pflanzenwuchs im Garten explodiert
Blüten in voller Pracht und Pflanzen, die ich nicht so gerne auf meinen Beeten sehe. Alles mehr als üppig. Mir fiel das Wort der Ordensfrau und Mystikerin Hildegard von Bingen ein, die von der Grünkraft des Heiligen Geistes gesprochen hat. Jetzt konnte ich sehen, was für eine Kraft das ist.
Die Kraft der wilden Erdbeeren
Ganz besonders hatten sich die wilden Erdbeeren ausgebreitet. Was sonst auf den Beeten wächst, wurde unterwandert. Und ehe man sich versieht, sprießen überall zwischen Akelei und Schwertlilien neue Erdbeerpflanzen empor. Selbst vor dem kleinen Tümpel mit Seerosen machen sie nicht Halt. Die Ausleger tauchen ins Wasser ein und bald schon wachsen aus dem Schlamm am Rand die ersten Pflanzen mit ihren weißen Blüten.
Unaufhaltsame Naturkraft
Was für eine Energie! Was für ein Lebenswille! Auch wenn ich sie ausreiße, um die anderen Pflanzen zu befreien, beginnen sie immer wieder von vorn. Treiben Wurzeln, bilden die ersten Blätter und gleich auch Blüten und Früchte. Alles zusammen. Sie lassen sich nicht aufhalten.
Die spirituelle Bedeutung der wilden Erdbeeren in der christlichen Symbolik
Auf mittelalterlichen religiösen Darstellungen kann man solche Erdbeerpflanzen sehen. Sie sollen an den dreieinigen Gott erinnern: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Blätter der Erdbeerpflanze bestehen nämlich aus drei Teilen und die Pflanze bringt ihre drei Gestalten gleichzeitig hervor: die Blätter, die Blüten und die Früchte. Auf einer dieser Darstellungen sitzt Maria in einem Garten auf einer Mauer. Über ihrem Kopf schwebt die Taube als Sinnbild des Geistes. Und unter ihren Füßen wuchern zwischen anderen Pflanzen die Erdbeeren. Die weißen Blüten und die roten Früchte leuchten zwischen den Blättern hervor. So wie in meinem Garten.
Was meint Hildegard von Bingen mit der „Grünkraft“ (Viriditas)?
Betrachte ich die wilden Erdbeeren, habe ich sie vor Augen: Die Grünkraft des Heiligen Geistes. Für Hildegard kommt diese Grünkraft von Gott. Sie ist Lebensenergie, die die ganze Natur belebt und beseelt. Sie durchdringt alles: Die Pflanzen, die Tiere, die Steine und natürlich auch die Menschen. „Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün“ sagt Hildegard.
Durch die Erdbeeren in meinem Beet begreife ich sofort, was sie meint. Die belebende Kraft des Heiligen Geistes kommt unauffällig daher. Beharrlich und unverdrossen. Aber sie wirkt in allem, was lebt. Auch in mir.