hr2 ZUSPRUCH
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Flicker, Steffen

Eine Sendung von
Steffen Flicker,
Schulleiter der katholischen Schule Marianum Fulda und Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda

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Ein kleines Kind mit lockigem, blondem Haar steht im Freien. Es trägt einen blauen Pullover mit farbigen Streifen und hat den Daumen am Mund. Der Ausdruck des Kindes vermittelt Neugier oder Nachdenklichkeit. Der Hintergrund ist unscharf und trägt zur ruhigen Stimmung bei.

Die andere (bessere?) Hälfte

Als meine Tochter vier Jahre alt war, fragte sie mich eines Tages: „Papa, es heißt doch: Ordnung ist das halbe Leben! Aber was ist eigentlich die andere Hälfte?“

Ich muss zugeben: In diesem Moment war ich sprachlos. Dabei sagt man mir sonst eher nach, auf vieles schnell eine Antwort zu haben. Aber diese Frage hat mich überrascht.

Ordnung ist das halbe Leben – aber was ist die andere Hälfte?

Denn tatsächlich: Der Volksmund sagt, Ordnung sei das halbe Leben. Aber woraus besteht dann die andere Hälfte? Meine Tochter merkte wohl, dass sie mich ins Nachdenken gebracht hatte, und machte gleich selbst Vorschläge. „Vielleicht“, sagte sie, „besteht die andere Hälfte aus Spaß und Freude – oder aus beidem zusammen.“

Für eine Vierjährige fand ich diesen Gedanken bemerkenswert. Dieses alte Sprichwort hatte sie beschäftigt und ihre Fantasie angeregt. Und mich hat ihre Gedankenwelt verblüfft.

Was gehört zu einem erfüllten Leben?

Ja, was gehört eigentlich zur anderen Hälfte des Lebens, wenn Ordnung die eine Hälfte ist? Wahrscheinlich würde jeder Mensch darauf eine andere Antwort geben. Für manche ist Ordnung eher mit Mühe und schlechter Laune verbunden. Dann wäre die andere Hälfte vielleicht tatsächlich Freude, Leichtigkeit und Spaß. Für Menschen dagegen, die Ordnung lieben, besteht die andere Hälfte vielleicht eher aus Spontaneität, Überraschungen und ungeplanten Momenten.

Wenn ich darüber nachdenke, was die andere Hälfte meines Lebens ausmacht, fällt mir vieles ein. Und je älter ich werde, desto öfter frage ich mich auch, was die andere Hälfte meiner Lebenszeit wohl noch bereithält – an Neuem, an Spannendem und vielleicht auch an Überraschendem.

Hoffnung und Vertrauen in unsicheren Zeiten

Ich finde es tröstlich, dass wir nicht alles vorhersehen können. Wer weiß schon, was morgen sein wird? Vieles liegt tatsächlich im Auge des Betrachters. Als Christ glaube ich, dass Gott mein Leben begleitet. Dass er mich behütet und meine Wege segnet. Ich weiß nicht, ob alles gut wird – aber ich glaube es. Im Psalm 23 heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unheil; denn du bist bei mir.“ Diese Worte geben mir Vertrauen. Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen, in denen vieles unsicher erscheint, hilft mir diese zuversichtliche Haltung. 

Mit Freude und Fantasie durchs Leben gehen

Vielleicht bedeutet Ordnung im übertragenen Sinn auch, dass unser Zusammenleben verlässliche Regeln braucht. Regeln, die helfen, respektvoll und friedlich miteinander umzugehen. Ordnung ist eben mehr als Sauberkeit oder ein ordentlich eingeräumtes Bücherregal. Und wenn Ordnung tatsächlich nur das halbe Leben ist, dann bleibt zum Glück noch viel Raum: für Kreativität, Freude, Überraschungen und neue Erfahrungen.

Ich wünsche Ihnen die Fantasie und den Mut, diese andere Hälfte des Lebens immer wieder neu zu entdecken – und sich vom Leben überraschen zu lassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.