„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt“
Gestern habe ich es nicht mehr ausgehalten, Frühlingsanfang - und in meinen Balkonkästen waren immer noch die ollen Tannenzweige vom Winter.
Ich habe sie zur Komposttonne gebracht, die Erde gelockert und dann kleine Osterglöckchen gepflanzt, Hyazinthen und Traubenhyazinthen.
Etwas Schönes in schweren Zeiten
Das hat mir so gutgetan, etwas Lebendiges und Schönes zu machen, mit den Händen – in einer Zeit, wo die Nachrichten gefühlt jeden Tag schwerer zu ertragen sind. Seit Wochen tobt im Nahen Osten ein neuer Krieg, Menschen werden getötet, Häuser kaputtgebombt und grüne Landschaften werden zu Staubwüsten.
Wir hier merken den Konflikt ja vor allem an der Tankstelle. Aber ganz abgesehen davon: Ich kann diese ganzen Nachrichten oft kaum noch aushalten - und würde am liebsten abschalten.
Meine Gedanken sind bei den Menschen
Aber ich will mit meinen Gedanken bei den Menschen dort sein und auch meinen Gebeten, wenigstens Anteil nehmen an dem, was sie aushalten müssen.
Und dabei helfen mir, so banal das vielleicht klingt, die lebendigen und schönen Blumen auf dem Balkon. Mir ist ein Gedicht dazu eingefallen, das drückt das genau aus.
Es fängt so an: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“
Versöhnung ist möglich
Das Gedicht stammt von dem jüdischen Schriftsteller Shalom Ben-Chorin. Er hat es mitten im 2. Weltkrieg geschrieben. Als Jude musste er fliehen aus Berlin, und ist nach Jerusalem gegangen, 1935, ins Exil. Und musste dort ohnmächtig miterleben, wie sein Volk von den Nazis vertrieben und so viele ermordet wurden.
Er ist nicht daran verzweifelt oder hat resigniert oder mit Hass zurückgeschlagen. Stattdessen hat er sich eingesetzt: für Versöhnung von Juden und Christen! Er hat darauf vertraut: Liebe und Frieden können Gutes bewirken, trotz aller Gewalt.
Mir macht das Mut: Mich da, wo ich kann, einzusetzen: Für Frieden und Liebe. Und die kleinen Blumen auf dem Balkon, die sind für mich solche Fingerzeige – wie der Mandelzweig im Gedicht: Dass Versöhnung möglich ist, dass die Liebe bleibt. Und ich hoffe, ich bin nicht die Einzige, die der Frühlingsanfang auch dazu ermutigt.