Der Mensch als Statue Gottes
„Die Liebe befreite sich aus den göttlichen Gesetzen, himmelreiner Ordnungen fürchtete nicht das Exil und suchte eine Bleibe in der brüchigen Heimat Mensch. Hier lebt sie, uns aus dem Gesicht geschnitten.“
Dieses Gedicht Wilhelm Bruners erreichte mich durch eine der vielen Weihnachtskarten in den letzten Wochen und hat mich nachhaltig beeindruckt. Das Gedicht trägt den Titel „Himmlische Biografie“ und ist eben das: eine knappe, lyrische und sehr treffende Beschreibung dessen, was Weihnachten ist.
Gott wird Mensch
Gott findet eine „Bleibe in der brüchigen Heimat Mensch“. In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus vollzieht sich die unüberbietbare Begegnung zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Die Fragilität des Menschen wird durch Gott in seiner befreiten Liebe angenommen und durch Tod und Auferstehung schließlich geheilt – ein Heil, das uns allen zuteilwerden soll und das mit Weihnachten, der Geburt des Retters, beginnt. Und Heilung ist sicher nötig. Ein Blick in die Welt und in unser Leben reicht aus, um Heil und Vollendung zu erahnen, die wir selbst doch nicht herstellen können.
Der Mensch als Gottes Ebenbild
Die Schöpfungsgeschichte der Bibel im Buch Genesis spricht davon, dass wir Ebenbilder Gottes sind, dass wir nach seinem Bild geschaffen wurden. In uns lebt also die Liebe, die - wie Bruners Gedicht unterstreicht - „uns aus dem Gesicht geschnitten“ ist. Das hebräische Wort für Bild, „tsalaem“, kann aber am besten mit dem Begriff „Statue“ übersetzt werden. Wir sind also in diesem Sinne als Statue Gottes gedacht. Das gibt der Schöpfungserzählung eine wichtige Verständnisebene hinzu: Eine Statue ist in diesem altorientalischen Kontext die Repräsentanz der Gottheit. Die Statue hat also eine Funktion: Sie soll Gott präsent und sichtbar machen. Sie ist nicht identisch mit ihm, Gott sieht auch nicht genau so aus, aber wenn wir ein Denkmal oder ein Standbild sehen, denken wir an den, den es darstellen soll. Der Gott, von dem man sich kein Bild machen soll, schafft sich selbst ein Denkmal im Menschen. Wer den Menschen sieht, darf an den Schöpfergott denken, den er als seine Statue repräsentiert. Der Gott der Bibel braucht deswegen kein von Menschenhand gemachtes Bild mehr.
Verlorene Gottesrepräsentanz
Doch mit Blick auf den aktuellen Menschen, ja auf die Menschheit insgesamt, ist das Denken an Gott kein Automatismus - ganz im Gegenteil. Warum das so ist, beschreibt die Schöpfungserzählung auch: Durch den Sündenfall haben wir die Funktion der Repräsentanz Gottes verloren. Die Statue, die wir waren, ist zerbrochen und die Bruchstücke der Repräsentanz müssen von uns mühsam wieder zusammengesetzt werden. Doch dem Menschen allein gelingt das nicht. Deswegen wird Gott selbst Mensch in Jesus Christus, in dem Gott nicht nur repräsentiert ist, sondern jetzt wirklich realpräsent ist. Hier ist die „Statue“ selbst Gott und nicht nur eine Repräsentanz. Und diese Statue zerbricht auch nicht mehr und kann daher für uns zur Blaupause unseres Statue-Seins dienen. In der Person Jesu Christi wird die zerbrochene Statue des Menschen wieder zusammengefügt, heil gemacht.
Die „brüchige Heimat Mensch“ wird in der weihnachtlichen Krippe angenommen, um die zerbrochene Schöpfung, unsere zerbrochenen Leben, wieder heil zu machen. Das ist die eigentliche Weihnachtsbotschaft, die uns auch im restlichen Jahr begleiten und stärken darf.