Mut zum Warten!
Steht bei Ihnen eigentlich noch der Weihnachtsbaum? Ja? Dann gehören Sie zu den immer weniger werdenden Menschen, die den Baum auch nach dem Dreikönigsfest noch behalten. Immer mehr Menschen schmeißen ihn bereits direkt nach den Weihnachtsfeiertagen, sozusagen „zwischen den Jahren“, raus.
Weihnachtsbaum ohne Weihnachten
Als ich unseren Baum in diesem Jahr einen Tag vor Heiligabend besorgt hatte, raunte mir der freundliche Verkäufer aus der Rhön verschwörerisch zu: „Sie haben ja doch noch ziemliches Glück, so spät einen so schönen Baum zu finden!“ Verkaufstaktik hin oder her: Er bestätigte den Trend, dass immer mehr Menschen bereits in der ersten Adventswoche den Baum holen und auch zu Hause aufstellen. Der Trend geht zum frühen Weihnachtsbaum. Also zum Weihnachtsbaum ohne Weihnachten.
Damit fügt sich nicht zuletzt der Baum in einen Gesamttrend ein, der die ästhetischen Versatzstücke von Weihnachten und seine behagliche Stimmung vorzieht und die Adventszeit zur säkularisierten Weihnachtszeit umdeutet. Dass Weihnachten nur noch von einer Minderheit der Deutschen auch als kirchliches Fest begangen wird, passt da ins Bild und ist bekannt. Nur noch etwa 20% der Deutschen gehen Weihnachten in eine Kirche. Weihnachten ist vielmehr zu einem Fest der Familie geworden, das eben zu Hause stattfindet - die Christmette nach der Weihnachtsgans ist da eher ein Störfaktor.
Vorbereitung und Besinnung
Aber kein Trend ohne Gegentrend: Mit unseren Kindern haben wir uns als Familie dieses Jahr vorgenommen, den Advent ganz bewusst als Zeit des Wartens und der Vorbereitung zu begehen. An jedem Adventssonntag, an dem wir eine weitere Kerze auf dem Kranz angezündet haben, haben wir ein Adventsstündchen gemacht, mit einer adventlichen Geschichte, mit vorbereitenden Bibeltexten von Johannes oder Jesaja und natürlich wurden auch irgendwann die Wunschzettel fürs Christkind geschrieben. Und Weihnachtslieder waren natürlich auch tabu! Advent ist Advent und eben nicht Weihnachten. Und umso mehr wuchs die Freude auf das Kommen des Herrn, auf das Kind in der Krippe. Den Raum offen zu halten für die Vorfreude, für die Entschleunigung, für das Einüben von Geduld und den richtigen Zeitpunkt - das hat uns alle geprägt und den Blick auf Weihnachten besonders geschärft.
Und deswegen haben wir noch nicht genug von Weihnachten - nicht genug von unserem schön geschmückten Baum, nicht genug von den Weihnachtsliedern, nicht genug von der entscheidenden Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist für unsere Rettung.
Weihnachten als unerwartetes Geschenk Gottes
Und wie die menschliche Erfahrung im Leben zeigt, ist es wichtig, warten zu können, denn erst das Warten gibt vielem Bedeutung und Wert. Was wir sofort haben können und was wir selbst kaufen oder machen können, verliert schnell an Faszination. Das, was wir hoffnungsvoll erwarten können und geschenkt bekommen, ist dagegen unverfügbar und deswegen besonders wertvoll. Und genau das ist die Grundbotschaft von Weihnachten: Gott kommt auf die Welt, nicht weil wir ihn zwingen könnten oder die Menschwerdung selbst machen könnten. Gerade sie ist unverdientes, gnadenreiches Geschenk.
In einer Welt, die nicht mehr warten kann und will, wird das immer unverständlicher. Hier gegen den Trend zu stehen - wie eigentlich immer - ist augenöffnend und noch mehr herzöffnend. Wenn Ihr Weihnachtsbaum also noch steht, erfreuen Sie sich heute besonders an ihm. Und ganz vielleicht - wenn er noch grün ist und Sie ihn gut gegossen haben - können Sie heute bei seinem Anblick noch einmal ganz intensiv an die Hoffnung denken, die Weihnachten als Fest der Menschwerdung Gottes uns allen geschenkt hat.