hr2 ZUSPRUCH
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Becker, Michael

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Singen macht Flügel

Als Kind habe ich manchmal gesungen. Leider oft laut. In der Wohnung oder im Freien. Das gefiel meiner Mutter nicht immer, wie man sich vorstellen kann. Manchmal sagte sie dann zu mir: Ein Caruso wirst Du nicht, so viel steht schon mal fest.

Caruso - das Wort stand bei uns für "gutes" Singen

Caruso - das Wort stand bei uns für „gutes“ Singen. Enrico Caruso, der weltberühmte Tenor. Ihn kannte jedes Kind. Seine Stimme sei einzigartig gewesen, heißt es. Manchmal hörte man ihn damals im Radio. Es rauschte dann immer ein wenig. Die Tonaufnahmen waren noch nicht so gut wie heute. Aber wer was werden wollte mit seiner Stimme, wollte werden wie Caruso. Vor hundert Jahren ist er gestorben (am 2.8.1921). Aber seine Stimme lebt immer noch.

Ein Caruso bin ich nicht geworden, aber ich singe gerne

Meine Mutter hatte Recht. Ein Caruso bin ich nicht geworden. Ich kann noch nicht einmal Noten lesen. Aber ich singe gerne. Zum Glück nicht mehr so laut wie früher. Und auch nicht so unbekümmert. Aber meist von Herzen.

Singen tut gut

Beim Singen muss man Luft holen; tief einatmen. Das tut gut. Es lenkt einen kurz ab. Und es beruhigt. Man ist mit den Gedanken woanders. Bei einer Melodie, die einen an etwas erinnert. Vielleicht an etwas Schönes. Man muss sich ja anstrengen und auf die Melodie konzentrieren. Wer singt, wird ein wenig leichter. Im Herzen. Die Seele kriegt Flügel. Jedenfalls für einen Moment.

Traurige sollten auch singen, wenn irgend möglich

Traurige sollten singen, wenn irgend möglich; oder wenigstens summen. Das hebt einen etwas vom Boden auf. Egal, ob man den Ton trifft oder nicht. Es geht ja nicht ums gut Singen, sondern ums leichter werden. Der Körper schwingt ein wenig mit. Und fühlt sich getragen. Ich war mal auf dem Flur eines Krankenhauses.

Singen schenkt der Seele Flügel

Da hörte ich aus einem Zimmer, wie eine junge Frau leise sang: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit. Das verblüffte sogar Schwestern und Pfleger. Vielleicht sang die junge Frau, weil sie ein wenig leichter werden wollte, Flügel haben wollte, Flügel an der Seele. Es ist so vieles so schwer im Leben. Da hilft ein Moment, in dem man leichter wird. Als trüge einen der Heiland.