Wenn Sehende blind sind – und Blinde sehen
Morgen gehen viele Kinder verkleidet zur Schule. Ich erinnere mich noch genau an einen Rosenmontag; ich unterrichtete Religion an einer Grundschule. Ein Schüler kam als Blinder verkleidet in die Schule. Er hatte eine gelbe Binde mit schwarzen Punkten am Arm, eine dunkle Sonnenbrille auf und einen Blindenstock mit so einer kleinen Kugel unten dran, die sich dreht.
Wie reagieren Kinder auf ungewöhnliche Verkleidungen?
Ich hatte gleich in der ersten Stunde Religion. Es war ein großes „Hallo“ im Klassenraum: Manche hielten ihm die Hand vor die Brille und fragten: „Wie viele Finger sind das?“ Andere knufften ihn in die Seite: „Na, wer war das?“ „Und woher hast Du den Stock?“
Spielerische Annäherung an das Thema Blindheit
Die Stunde wurde interessant. Die Verkleidung des Jungen drängte geradezu dazu, einige Spiele mit den Schülerinnen und Schülern zu machen: Wie lebt es sich als blinde Person? Abwechselnd verbanden sie sich die Augen und führten sich durch den Klassenraum. Statt sich mit Hilfe des Sehens zu orientieren, versuchten sie, Gegenstände und andere Personen durch Fühlen, Riechen oder Hören zu identifizieren.
Was passiert, wenn die anderen Sinne wichtiger werden?
Sie merkten, wie die anderen Sinne wichtiger wurden.
Wir sprachen darüber: Woran erkenne ich meine Freunde? Vielleicht am Geruch? Wann habe ich Angst, reingelegt zu werden? Und wann fühle ich mich sicher, auch wenn ich nichts sehe? Die Mädchen und Jungen haben an diesem Rosenmontag in der vierten Klasse viel entdeckt, auch über ihre inneren Bilder: Was sie sich vorstellen, was da gerade passiert und was die anderen machen.
Musik 1: Alamiro Giamperi, Il Carnevale di venitia
Am Aschermittwoch habe ich in der Klasse das Thema „Blindheit“ vertieft. Zwei Geschichten aus der Bibel habe ich den Kindern erzählt und mit ihnen darüber gesprochen. Sie passen zum Karneval und zum Beginn der Passionszeit.
Was bedeutet „Blindheit“ jenseits des Körperlichen?
In der ersten geht es nicht ums Blindseins als körperliche Einschränkung, sondern dass Menschen manchmal etwas sehen oder ahnen, was andere nicht erkennen. Im Lukasevangelium wird erzählt, wie nur Jesus sieht, was ihm bevorsteht:
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn töten; und am dritten Tag wird er auferstehen.“ (Lukas 18,31-33)
Wenn andere nicht sehen, was einer sieht
Jesus sieht seinen Weg vor sich und will das, was er sieht, mit seinen Freundinnen und Freunde teilen; sie sollen ihn ja auf diesem Weg begleiten. Aber was er gesehen hat, kann er den anderen nicht wie ein Foto zeigen: seht hier, seht da! Deshalb wird erzählt: „Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“(Lukas 18,34)
Ahnungen: Warum machen sie einsam?
Sind sie etwa blind? Ja, in gewisser Weise schon. Jesus kann ihnen nicht zeigen, was er sieht; und sie können es nicht sehen.
Für Jesus ist es ja eher eine Ahnung, die ihn bewegt. Er hat ein inneres Bild über das vor sich, was auf ihn zukommt. So wie wir manchmal eine Vorahnung haben: „Bleib doch heute hier“, sagt die Mutter oder der Freund.
Wie gehe ich mit schwer erklärbaren Gefühlen um?
„Fahr heute Abend nicht weg, ich habe ein ungutes Gefühl!“ Manchmal schleppen wir eine solche Ahnung lange mit uns herum: „Ich glaube, ich bin krank. Der Arzt sagt, es ist alles in Ordnung, aber ich spüre: Irgendetwas stimmt nicht.“
Ahnungen können einsam machen. Sie sind schwer zu erklären. Viele behalten sie deshalb lieber für sich.
Geteilte Sorgen – warum hilft Zuhören so sehr?
Sie wollen ihre Partnerin, ihren Partner oder die Kinder nicht damit belasten. Es ist eben nur eine Ahnung, die ich den anderen nicht zeigen oder beweisen kann. Eine Ahnung, aber oft macht sie nicht nur einen selbst, sondern auch die anderen hilflos.
Dabei wird es Menschen leichter, wenn sie davon erzählen können. So wie bei schlechten Träumen.
Wenn Worte fehlen: blind für die Angst des anderen?
Aber was sage ich, wenn mir ein Freund erzählt: „Der Arzt hat nichts gefunden, aber ich habe das Gefühl: irgendetwas stimmt da nicht.“ Die schnellen Antworten nützen nichts: „Ach, das wird schon wieder.“ „Geh doch noch einmal zu einem anderen Arzt.“ So wie die Jüngerinnen und Jünger Jesus damals sehe ich nicht, was mein Freund sieht: Ich bin dafür blind!
Ein Sehender unter Blinden – eine einsame Rolle
Aber ich merke, wie wichtig es für ihn ist, davon zu erzählen und darüber zu sprechen: „dass du zuhörst, das macht es mir schon leichter.“
Das hat vielleicht auch Jesus gehofft, als er seine Vision von seinem Leiden und Tod seinen Jüngerinnen und Jüngern erzählt hat: „So wird es kommen; macht euch das klar! Dann muss ich diesen Weg nicht allein gehen; dann könnt ihr mir beistehen.“ Aber sie verstehen ihn nicht. Jesus bleibt allein mit den schrecklichen Bildern, die er vor sich sieht – und mit seiner Angst. Ja, sie ziehen gemeinsam weiter, und doch ist Jesus mitten unter ihnen einsam: ein Sehender unter lauter Blinden!
Musik 2: Dario Castello, Sonata settima à due, 1. Satz
Jesus hat seinen Weg ins Leiden vor sich gesehen; seine Freundinnen und Freunden waren blind dafür, obwohl sie doch sehen können. Die zweite Geschichte erzählt von einem Menschen, der wirklich nicht sehen konnte aufgrund seiner körperlichen Einschränkung; und doch sieht er, was die Sehenden nicht sehen. Wir lesen:
Es geschah aber, als Jesus in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als der Blinde aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! (Lukas 18,35-39)
Was erkennt ein Blinder, das Sehende überhören?
Wer nicht sieht, muss umso besser hören! Am Klang der Schritte erkennt der blinde Bettler, wer vorübergeht: Ist es eine Frau, schwer beladen mit Taschen? Oder ein hüpfendes Kind auf dem Nachhauseweg? Oder ein Händler mit seinem Esel? An den Stimmen, am Lachen, am Gang orientiert sich der Blinde. Und sogar an der Stimmung, die in der Luft liegt.
„Heute ist etwas anders!“ – Sensibilität im Dunkeln
Dieser Mann spürt: Heute ist etwas anders! Heute passiert etwas! Das interessiert den blinden Bettler am Straßenrand vor Jericho. Er lebt im Dunkeln; er sieht nicht. Aber er ist aufmerksam, denn er wartet ungeduldig: auf Heilung und auf Rettung, auf den, von dem es in der Bibel heißt: Wenn der kommt „werden die Tauben hören die Worte der Heiligen Schrift und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen und die Elenden werden wieder Freude haben an Gott und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein.“
Wie klingt Hoffnung? Wenn Gottes Verheißung im Ohr bleibt
Diese Worte hat der Blinde im Ohr! Die lassen ihn nicht los! Das hat Gott versprochen! Wird der Menschensohn heute hier vorbeikommen? Es liegt etwas in der Luft! Wer nicht sehen kann, muss hören – und fragen: „Was ist los? He, so antwortet mir doch: was ist los?“
Ist jetzt der Moment der Erfüllung?
Da sagen ihm die anderen: „Jesus zieht vorbei!“ Auf dem Weg nach Jerusalem kommt Jesus durch Jericho! Ist das der Moment, auf den er so lange gewartet hat? Jesus hat in Nazareth gepredigt: „Der Geist Gottes ist auf mir, weil er mich gesalbt hat zu verkündigen das Evangelium den Armen¸ er hat mich gesandt zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen …“ Gilt das auch für ihn?
Musik 3: Dario Castello, Sonata settima à due, 2.und 3. Satz
Wer nicht sehen kann, muss hören, fragen und rufen, wenn die Stunde da ist! Der Blinde hört: Da kommt einer, der von sich sagt: „Ich bin der Menschensohn, den Gott verheißen hat!“ Da kommt einer, der überall, wo er hinkommt, etwas bewegt, Menschen Mut und Hoffnung macht! Der Blinde hört und sieht und schreit: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Warum ist der Ruf des Blinden den anderen so peinlich?
Den anderen ist das peinlich, dieses Geschrei! „Sei doch still! Was willst du denn? Du kannst doch nicht erwarten, dass er dich wirklich gesund macht! Sei still!“ Die, die Jesus sehen, sehen nicht, dass da der Retter der Welt kommt; dafür sind sie blind! Wie sie auf die Welt schauen, da ist kein Platz für Wunder.
Wer sieht hier wirklich klar?
Da geht alles immer so weiter: die Blinden sind eben leider blind und die Tauben leider stumm, die Reichen werden reicher und die Armen bleiben arm – wer die Macht hat, hat das Sagen.
Die, die sehen, sind blind; aber der Blinde sieht, was die Stunde geschlagen hat. Er sieht eine andere Zukunft!
Eine andere Zukunft: Was erkennt der Blinde?
Eine Welt, in der die Mächtigen vom Thron gestoßen werden und die Niedrigen erhöht werden; eine Zukunft, in der es gerecht zugeht; eine Zeit, in der Schluss ist mit der Verachtung der Fremden, der Schwachen, der Armen. Der Blinde sieht und schreit und lässt sich nicht von denen stoppen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist.
„Erbarme dich meiner!“ – Der Ruf, der nicht verstummt
Laut und immer lauter schreit er: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und so heißt es in der Geschichte:
40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näherkam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. (Lukas 18,40-43)
Musik 4: Dario Castello, Sonata settima à due, 4. Satz
Jesus hört das Schreien. Er bleibt stehen. Ein Mensch, ein Blinder hat ihn erkannt. Ein Blinder sieht, was die Jüngerinnen und Jünger nicht sehen und verstehen: Jesus ist der Menschensohn, der gekommen ist, uns zu retten; der sein Leben hingibt für unser Leben. Gerade noch hat Jesus gemerkt, wie einsam er ist – mitten unter seinen Freundinnen und Freunden, die nicht sehen, was er sieht – aber jetzt versteht ihn einer, ein Blinder! Ob ihm das gut getan hat?
Was bedeutet es, ernst genommen zu werden?
Jesus bleibt stehen und fragt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Das ist wichtig: Jesus nimmt den Blinden ernst! Er hilft ihm nicht von oben herab und drückt ihm eine Münze in die Hand. Jesus bleibt stehen und fragt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“
Ein Mensch, kein Objekt der Barmherzigkeit
Er sieht den Blinden nicht als hilfsbedürftiges Opfer, als Objekt unserer Barmherzigkeit; so, als wüssten wir schon, was für den Blinden gut ist. Jesus nimmt ihn als Menschen ernst, der frei ist und für sich und sein Leben verantwortlich. Jesus sieht ihn als Menschen, der in Freude und Leid selbst weiß, was er braucht: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Und der Blinde weiß und sagt klipp und klar, was er will: „Herr, dass ich sehen kann!“
Da sagt Jesus: „Sei sehend! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Und sogleich konnte er sehen und folgte Jesus nach und pries Gott. Und alle, die das sahen, lobten Gott. (Lukas 18,42f)
Musik 5: Dario Castello, Sonata settima à due, 5. Satz
Der Blinde sieht in Jesus den Menschensohn; der macht ihn gesund. Jetzt sieht der Blinde wieder so wie wir: Gesichter, Farben, Häuser, Blumen, Buchstaben, seine Mitmenschen. Aber das andere Sehen, mit den Augen des Glaubens lässt ihn nicht los. Er folgt Jesus, weil er ihm mehr zutraut, als wir mit unseren Augen sehen. Eine neue Welt ist möglich, in Jesus Christus hat sie schon mitten unter uns begonnen.
Was bedeutet dieses neue Sehen?
„Dein Glaube hat dich gerettet.“ Ein Blinder wird zum Urbild unseres Glaubens, mit dem wir in die sieben Wochen der Passionszeit bis Ostern gehen. Zum Abschluss des Unterrichts habe ich damals die Mädchen und Jungen aus der vierten Klasse gefragt: Was könnt ihr, was können wir von diesem Mann lernen? Drei Antworten habe ich noch in Gedächtnis:
Mut in schwierigen Zeiten
Die erste: In schwierigen Lagen nicht den Mut verlieren. Der Blinde hat nicht gesehen, aber umso deutlicher gespürt, dass da etwas Besonderes geschieht. Davon hat er sich nicht abbringen lassen, sondern darum gekämpft, dass die anderen ihn durchlassen und er zu seinem Recht kommt. Mutig ist dieser Glaube. Gott will mutige Menschen; das war für die Klasse die erste Entdeckung.
Niemanden von oben herab behandeln
Das zweite: Nicht herabsehen auf die, die blind sind oder andere Einschränkungen haben. Vielleicht wissen sie besser Bescheid und sehen mehr, als wir denken. Ohne das Geschrei des Blinden hätten alle, die mit Jesus unterwegs waren, dieses Wunder gar nicht erlebt. Was für eine Kraft und was für eine Ermutigung hat der Blinde ihnen geschenkt. Menschen, die Gott vertrauen, behandeln niemanden von oben herab. Sie nehmen andere in ihrer Besonderheit ernst und trauen ihnen viel zu!
Kann ein Blinder Jesus trösten?
Das dritte habe ich erst gar nicht verstanden: „Der Blinde“, hat ein Mädchen gesagt, „der Blinde hat Jesus getröstet; auch der liebe Gott will nicht allein sein und braucht Trost“. Ja, natürlich, ist mir dann klar geworden; deshalb gehört diese Geschichte an den Anfang der Passionszeit: Jesus erlebt, dass ihn seine Freundinnen und Freunde nicht verstehen, weil sie einen starken Gott, einen Sieger erwarten. Dann begegnet er dem Blinden und gewinnt einen neuen Freund, der weiß, wie es ist, einsam zu sein, unter Blindheit zu leiden, Angst vor dem zu haben, was noch kommt. So findet der Menschensohn einen Freund!
Mit diesem Freund gehe ich in die Wochen der Passionszeit! Und hoffe, dass sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine Ausstrahlung mich stärken.
Musik 6: J. S. Bach: „Lasset uns mit Jesu ziehen“, BWV 481, 2‘15“