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Tönges-Braungart, Michael

Eine Sendung von
Michael Tönges-Braungart,
Evangelischer Pfarrer, Bad Homburg

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Eine junge Frau sitzt in einem hellen Raum und hält eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie blickt nachdenklich aus dem Fenster, während es draußen regnet. Ihr Ausdruck vermittelt Entspannung und ein Gefühl von Gemütlichkeit.

Vom Schubladendenken und was dagegen hilft

Musikkonzeption: Kantor Uwe Krause

Wer mal in Friesland Urlaub gemacht hat - vor allem in einer etwas kühleren Jahreszeit - der kennt vielleicht das Getränk mit dem seltsamen Namen: Pharisäer. Ein Kaffee mit Rum und Sahnehaube.

Herkunft und Bedeutung: Woher kommt der Name?

Dieser seltsame Name hat eine Vorgeschichte, die weiterreicht als nach Friesland – und die schwer wiegt. Heute will ich ihr nachgehen:

Historischer Hintergrund: Eine Geschichte aus Nordfriesland

Die Überlieferung erzählt, dass im 19. Jahrhundert auf der nordfriesischen Insel Nordstrand ein besonders streng-gläubiger Pastor lebte. Der wetterte vor allem gegen das Trinken. Bei den Friesen hatte es sich daher eingebürgert, in seiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken. Man wollte keine Moralpredigt riskieren.

Wie entstand der „Pharisäer“-Kaffee?

Beim Kaffeetrinken nach der Taufe seines Kindes griff der Bauer Peter Johannsen aber zu einer List. Er servierte seinen Gästen den Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Rum. Obendrauf kam eine große Sahnehaube. Die sollte verhindern, dass der Rum im heißen Kaffee verdunstete und es nach Alkohol roch. Der Pastor bekam einen „normalen“ Kaffee mit Sahne, aber natürlich ohne Alkohol.

Entlarvung und Reaktion: Warum „Pharisäer“?

Aber vollends ließ sich der Pastor doch nicht hinters Licht führen. Er kam den Feiernden auf die Schliche und soll sie angefahren haben mit den Worten: „Oh, ihr Pharisäer“. Damit hatte der friesische Kaffee seinen Namen.

Was steckt hinter dem Begriff?

Mit dem Wort „Pharisäer“ meinte der Pastor damals so etwas wie Heuchler, Scheinheilige. Damit stand er in einer jahrhundertelangen judenfeindlichen Tradition. Die geht zurück auf ein Zerrbild von einer jüdischen Gruppe zur Zeit Jesu. Dieses Zerrbild von den Pharisäern hatte eine verhängnisvolle Wirkung und hat immer wieder dem Antisemitismus Vorschub geleistet.
Zu diesem Zerrbild gehört der Vorwurf, die Pharisäer wöllten sich durch das Befolgen von religiösen Regeln bei Gott beliebt machen. Mehr noch: sie würden Regeln predigen, sich selbst aber nicht daran halten – scheinheilig eben.

Eine theologische Einordnung

Insbesondere das Christentum hat dieses Zerrbild konstruiert und über Jahrhunderte verbreitet. Wenn ich als Christ nun über Pharisäer spreche, möchte ich mich bemühen, ihnen wirklich gerecht zu werden und ihre Anliegen ernst zu nehmen und zu respektieren.

Wer waren die Pharisäer wirklich?

Die Pharisäer waren eine Gruppe im Judentum, für die die Gesetze Gottes den ganzen Alltag durchdringen sollten, sodass der Alltag geheiligt wird. Dabei ging es ihnen nicht nur um die Zehn Gebote, sondern auch um viele andere Vorschriften, wie sie im Tanach, in der jüdischen Bibel, überliefert sind. Für sie hieß glauben: leben – Gottes Willen sichtbar machen, in dem, was man isst, wie man feiert, wie man miteinander umgeht.

Ziel und Hoffnung der Pharisäer

Das haben sie ernst genommen und erwarteten dasselbe auch von den anderen Jüdinnen und Juden. Dahinter stand die Hoffnung, so dem Messias, dem von Gott versprochenen Erlöser, den Weg zu bereiten. Es ging ihnen um nicht mehr und nicht weniger als um das Wohl und das Heil ihres Volkes. 

Musik 1: Giovanni Gabrieli, Canzone La Spiritata, Renaissance - Berliner Saxophon Quartett (Berliner Saxophon Quartett)

Warum Vorurteile entstehen 

Wenn Menschen eine Sache besonders ernst nehmen und dafür auch öffentlich einstehen, dann schaut man genauer hin: Halten sie selbst dem hohen Anspruch stand, den sie an andere stellen? Und natürlich gibt es immer ein paar, bei denen Anspruch und Wirklichkeit, Reden und Handeln nicht so ganz übereinstimmen.

Eine Übertragung auf heute

Das reicht dann oft schon, um einer ganzen Gruppe Heuchelei vorzuwerfen. Auch in der Politik lässt sich dieses Muster beobachten. Da sucht man nahezu genüsslich die Inkonsequenzen beim politischen Gegner und macht sie öffentlich, sobald man etwas gefunden hat. Und auch im ganz alltäglichen Miteinander erlebe ich das. 

Wie kann man Schubladendenken erkennen

Schnell werden Menschengruppen nach dem Fehlverhalten von Einzelnen verurteilt und in Schubladen gesteckt. So war es auch bei den Pharisäern. Bestimmt gab es auch unter ihnen solche, bei denen Reden und Handeln, Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmten. Aber gewiss nicht mehr als bei anderen.

Biblische Perspektive

Trotzdem setzen schon frühe christliche Schriften Pharisäer mit Heuchlern gleich. Schublade auf, Schublade zu, fertig. Die Bibel erzählt, dass Jesus oft mit den Pharisäern diskutiert hat. In den Erzählungen versuchen die Pharisäer immer wieder mal, Jesus auf die Probe zu stellen mit schwierigen theologischen oder ethischen Fragen.

Gleichnis im Lukasevangelium

Manchmal war Jesus mit ihnen einer Meinung, öfter hat er aber ihre Positionen in Frage gestellt. Aber immer hat er sie als Diskussionspartner ernst genommen. In der Bibel, im Lukasevangelium, erzählt Jesus eine Geschichte. Scheinbar bedient diese Geschichte das Klischee von den Pharisäern als Prototypen für Heuchelei.

Pharisäer und Zöllner im Tempel

Aber ganz so einfach ist es nicht. Hier also die Geschichte:

Jesus „sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Lukas 18, 9-14)

Zwei Figuren im Vergleich

Zwei Typen stehen einander gegenüber. Hier ein Pharisäer mit dem hohen Anspruch an sich selbst und an andere. Einer, der es mit seinem Glauben an Gott ernst meint und der sich bemüht, sein ganzes Leben danach auszurichten – und das mit bewundernswerter Konsequenz.

Und auf der anderen Seite ein Zöllner. Zur Zeit Jesu waren die in den Augen der jüdischen Bevölkerung das allerletzte. Zöllner kooperierten mit der verhassten römischen Besatzungsmacht und trieben für sie Steuern und Zölle ein. Sie waren keine Beamten, sondern Zollpächter auf Zeit – unterbezahlt. Sie mussten schauen, dass am Ende der Pachtzeit genug für sie selbst herauskam. Also schlugen sie ihren Eigenanteil drauf auf die Steuern und Abgaben und knüpften den Menschen hohe Beträge ab.

Was die Geschichte zum Schubladendenken sagt 

Auf den ersten Blick bedient die Geschichte doch ganz klar das bekannte Schubladendenken:

Hier der Pharisäer als selbstgerechter Heuchler, der vor Gott auf seine Leistungen pocht – und dort der Zöllner als reuiger Sünder, der ganz auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit vertraut. Judenhass und Antisemitismus machten den Pharisäer zum Prototyp des jüdischen Gläubigen, den Zöllner wiederum zum Prototyp des Christen.

Aber damit wird man dieser Geschichte nicht gerecht. Im Gegenteil.

Musik 2: Antonio Vivaldi, Chamber Concerto In G Minor, RV 106 - 1. Allegro, Wie schon leuchtet der Morgenstern (Flautando Köln)

Eine Deutung ist schwierig?

Es ist fast unmöglich, sich zu dieser Geschichte zu verhalten, ohne gerade das zu tun, wogegen sie sich wendet: andere gering zu achten, Menschengruppen pauschal zu verurteilen und in Schubladen zu stecken. Da ist es eigentlich egal, ob man nun Zöllner schlecht macht, die angeblich alle betrügen. Oder ob man Pharisäer verleumdet und sie Heuchler nennt. 

Und noch etwas anderes ist an dieser Geschichte schwierig. Scheinbar werden hier Menschen sortiert: Der eine ist gerechtfertigt, der andere nicht. Dieses Sortieren, dieses Einteilen der Menschen in Gute und Böse, Fromme und Heuchler, Selbstgerechte und reuige Sünder, das ist doch eigentlich gerade das, was Jesus nicht wollte; was er immer sorgfältig vermieden hat.

Was kann ich daraus lernen?

Ich möchte daraus lernen: Ich habe nicht das Recht, jeden vorschnell einen Heuchler zu nennen, der seinen Glauben ernst nimmt. Menschen bemühen sich, nach bestimmten Grundsätzen und Normen auch wirklich zu leben. Das ist doch eigentlich beachtlich. Sie von vorneherein als Heuchler zu verdächtigen, das ist billig. Weil es davon ablenkt, dass ich selbst nicht bereit oder willens bin, so konsequent zu sein.

Umgekehrt gilt das genauso für den Zöllner: Auch seine Demut und Bescheidenheit darf ich nicht als falsch und heuchlerisch abqualifizieren, als würde er damit nur seine Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Geboten rechtfertigen. Auch das ist billig, weil es davon ablenkt, dass ich selbst nicht bereit oder nicht willens bin, so demütig und bescheiden zu sein.

Musik 3: Chick Corea, Children’s Song 9, Striking a Balance (Colin Currie Percussion Sam Walton Marimba Robin Michael Piano)

Die zwei Seiten in mir

Ich entdecke noch einen weiteren Zugang zu dieser Geschichte: Ich denke, dass der Pharisäer und der Zöllner nicht zwei Menschen oder zwei Typen sind, sondern zwei Seiten in mir selbst. Deshalb teilt Jesus mit dieser Geschichte auch nicht die Menschen ein in diejenigen, die gerechtfertigt sind, und andere, die es nicht sind. In Selbstgerechte und reuige Sünder. In Heuchler und solche, die es von Herzen ernst meinen.

Persönliche Anwendung: Was hat das mit mir zu tun?

In der Geschichte geht es um mich selbst. Ich kann mich in beidem wieder erkennen. Zum einen der Satz: „Ich bin nicht wie die anderen“. Der Pharisäer stellt hohe Forderungen an sich selbst. Er gibt sich nicht zufrieden mit Mittelmäßigkeit und Gleichgültigkeit. Ehrlich gesagt: Wenn jemand zu mir sagen würde: „Du bist nicht wie die anderen“ – das wäre für mich ein Kompliment. Das würde mir gefallen.

Vorbild und Anerkennung

Zum zweiten: Von der Lebensart und dem Glauben der Pharisäer könnte ich mir auch etwas abschauen: wie ernst sie Gottes Gebote nehmen und versuchen, danach zu leben. Wie sie sich das – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – auch etwas kosten lassen. Davon könnte ich mir durchaus eine Scheibe abschneiden.

Schließlich: In der Erzählung sucht der Pharisäer Anerkennung: vor Gott und den Menschen. Das ist in der Geschichte zweifelsohne zugespitzt. Aber darin steckt eine Wahrheit: ohne die Anerkennung anderer Menschen kann ich nicht leben; kein Mensch kann das. Es wäre verlogen, wenn ich behaupten würde: „Es ist mir gleichgültig, was andere von mir denken.“ Sicher will ich nicht jedem gefallen. Aber respektiert werden und ernst genommen. Und Menschen, deren Meinung mir wichtig ist – die sollen auch eine gute Meinung von mir haben.

Die Zöllner-Seite

Aber da ist auch eine andere Seite in mir, die Zöllner-Seite sozusagen. Ich verhalte mich nicht immer richtig. Mir ist z.B. der Umwelt- und Naturschutz wichtig – aber oft nehme ich dann doch das Auto, obwohl ich auch mit dem Fahrrad oder dem Bus fahren könnte. Manchmal schäme ich mich sogar dafür.

Das ist die Zöllner-Seite in mir, eine Schattenseite. Wenn ich diese Seite in mir anschaue, dann muss ich eingestehen: Ich bin darauf angewiesen, dass ich nicht allein danach beurteilt werde, was ich tue oder lasse. Nicht von anderen Menschen und auch nicht von Gott.

Musik 4: Fazil Say, Kumru op 12/2, Fazil Say plays Fazil Say (Fazil Say)

Was bedeutet die biblische Geschichte?

Die biblische Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner handelt also nicht von der Einteilung der Menschen in Gruppen und Typen, sondern von zwei Seiten in mir selbst. Und dann betrifft auch der letzte Satz der Geschichte mich. Er lautet: „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Das bedeutet: Wenn ich meine Stärke ausspiele, wenn ich so von mir überzeugt bin, dass mir nichts mehr etwas anhaben kann, wenn ich auf andere herabsehe: dann kommt der Fall. Da ist eine Grenze, die mir zeigt: eigentlich bin ich selbst schwach.

Und wenn ich mich zu meiner Schwäche stehe, zu meiner Inkonsequenz und zu meinem Versagen – nicht aus Berechnung oder Koketterie, sondern weil mir das wirklich zu schaffen macht: dann gilt mir Gottes Zusage: ich bin mehr als ich selbst glauben kann.

Was kann man gegen Schubladendenken tun?

Wahrscheinlich ist das die beste Antwort auf jedes Schubladendenken. Menschen einteilen geht schnell. Eine ganze Gruppe nach dem Verhalten einzelner beurteilen geht oft noch schneller. Aber es wird niemandem gerecht.

Pharisäer und Zöllner – die gehören beide nicht in Schubladen. Es sind zwei Seiten in mir selbst, die ich beide kenne. Und mit beiden will ich leben. Nicht, indem ich eine verleugne oder die andere hochhalte, sondern indem ich beide aushalte, so wie sie sind. Das ist es am Ende, was gegen jedes Schubladendenken hilft: nicht mehr sortieren, sondern hinschauen – bei anderen und bei mir selbst. Dann spricht Gott mir zu: Du bist etwas wert, ganz so, wie ich bin.“ Dann spricht Gott mir zu: Du bist etwas wert!

Musik 5: Giovanni, Gabrieli, Canon Seconda, Renaissance - Berliner Saxophon Quartett (Berliner Saxophon Quartett)