hr2 MORGENFEIER
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Eine Sendung von
Martin Berker,
Katholischer Pfarrer, Pfarrei Sankt Josef in Neu-Isenburg

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Ein Holz-Kreuz mit der Darstellung von Jesus Christus ist im Mittelpunkt des Bildes zu sehen. Der Hintergrund zeigt bunte Glasfenster und eine goldene Decke. Die Wand ist in rötlichen Farbtönen gehalten, was eine ruhige und meditative Atmosphäre schafft.

Das Kreuz, das Orientierung gibt

„Keinen Schritt weiter!“ Mitten auf dem Bergpfad blieb unser Wanderführer stehen. Wir schauten ihn überrascht an. Eben noch hatte die Sonne über den Gipfeln gestanden, doch innerhalb weniger Minuten war dichter Nebel aufgezogen. Die Felsen waren nur noch schemenhaft zu erkennen, der Weg verlor sich im Grau. „Warum bleiben wir stehen?“, fragte einer. „Der Weg ist doch derselbe!“ Der Bergführer nickte. „Ja, der Weg ist derselbe, aber im Nebel verliert man leicht die Orientierung und dann kann selbst ein guter Weg gefährlich werden.“ Für einen kurzen Augenblick zeichnete sich hoch oben das Gipfelkreuz im Nebel ab. „Daran halten wir uns“, sagte er. „Nicht an unserem Gefühl, nicht an unserer Angst, sondern an dem Kreuz, das uns Orientierung gibt.“

 Erfahrungen, bei denen ich nicht mehr weiter weiß

Dieser Satz von unserer Bergtour damals ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Vielleicht deshalb, weil ich glaube, dass viele Menschen solche Nebelerfahrungen kennen - nicht nur beim Wandern in den Bergen, sondern mitten im Leben. Erfahrungen, bei denen ich die Orientierung verliere und nicht mehr weiter weiß.

Da ist der Anruf, der alles verändert. Eine Diagnose, mit der niemand gerechnet hat. Der Abschied von einem geliebten Menschen. Manchmal ist es auch gar kein persönliches Schicksal. Es sind die Nachrichten, die uns Tag für Tag erreichen: Kriege, Gewalt, wirtschaftliche Unsicherheit, Spannungen in unserer Gesellschaft. Manche Menschen haben das Gefühl, dass Verlässliches ins Wanken geraten ist. Es ist, als läge Nebel über unserer Zeit. Am vergangenen Montag hat die katholische Kirche das Fest Kreuzerhöhung gefeiert. Mir gibt das Kreuz – wie damals am Berg – immer wieder Orientierung und Halt.“ 

Musik 1  Crux fidelis (König João IV v. Portugal, 1604-1656)

Oxford Camerata, Ltg: Jeremy Summerly

Ein verstörendes Zeichen wird zum Zeichen der Hoffnung

Für mich ist das Kreuz ein Zeichen, das mich tagtäglich begleitet und trägt. Und ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen aus diesem Kreuz Hoffnung geschöpft haben. Aber ich kann auch verstehen, dass andere ihre Probleme damit haben. Das Kreuz ist ja auch ein Zeichen unmenschlicher Brutalität.

Vielleicht haben sich deshalb auch die ersten Christen gescheut, den Gekreuzigten zu zeigen. Die ältesten Jesus-Darstellungen zeigen den guten Hirten. Das Erkennungszeichen der ersten Christen war der Fisch. Erst später, als die Kreuzigung nicht mehr als Form der Hinrichtung praktiziert wurde, hat man begonnen, das Kreuz darzustellen und eine Kreuzestheologie zu entwickeln, die über die bloße Grausamkeit hinausgeht. 

Das hat sich erst nach und nach geändert

Bis heute sorgt das Kreuz immer wieder für Diskussionen. Es wird darüber gestritten, ob und wo es im öffentlichen Raum hängen darf. 

In einer Kirche dagegen erscheint uns das Kreuz ganz selbstverständlich. Wir sehen es am Altar, an den Wänden oder auf Bildern. Es gehört für uns einfach dazu. Vielleicht ist es gerade deshalb so vertraut geworden, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Aber für die ersten Christen war das eben nicht so. Sie haben andere Symbole benutzt und das Kreuz eher vermieden. Das hat sich erst nach und nach geändert. Aus einem Zeichen der Schande wurde ein Zeichen des Glaubens, der Hoffnung und des Lebens.

 Es bleibt auch heute noch eine Provokation

Aus dieser Übergangszeit stammt zum Beispiel das so genannte „Spott-Kruzifix“: Es ist eine Art antike Karikatur und findet sich in Rom auf dem Palatin, und es stammt aus der Zeit um 200 nach Christus. Am Kreuz hängt ein Mann. Aber sein Kopf ist ein Eselskopf. Es trägt die krakelige Inschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an.“ Gott am Kreuz? Dieser Gott ist ein Esel und wer ihn anbetet, muss auch einer sein - so spotteten die Kameraden.

Das Zeichen des Kreuzes war damals und bleibt heute eine Provokation. Es ist ein höchst ambivalentes Symbol. Es ist zugleich Zeichen des Todes und der Folter, aber auch der Erlösung und der Auferstehung, des Todes und des Lebens. 

Musik 2  Ecce lignum crucis (Gesang zur Kreuzerhebung in der Karfreitagsliturgie)

Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Ltg: Godehard Joppich

Ein Zeichen, das aufrichtet

Zum Fest Kreuzerhöhung gibt es einige spannende Legenden, sie gehen zurück auf das vierte Jahrhundert. Im hohen Alter reiste Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, auf eine Pilgerreise ins Heilige Land. Sie wollte die Orte aufsuchen, an denen Jesus gelebt und gelitten hatte.

In Jerusalem ließ sie auf Golgota nach dem Kreuz Jesu suchen. Dort stand ein heidnischer Tempel, den Helena abtragen ließ. Bei den anschließenden Grabungen wurden der Überlieferung nach drei Kreuze gefunden: das Kreuz Jesu und die Kreuze der beiden Männer, die mit ihm gekreuzigt worden waren. Doch welches war das Kreuz Jesu? Die Kreuze wurden zu einer schwer kranken Frau gebracht. Als sie eines von ihnen berührte, wurde sie plötzlich gesund. Für die Menschen war dies das Zeichen: Das wahre Kreuz Jesu war gefunden.

Die Menschen werden ungeduldig

Nach der Überlieferung wurde das aufgefundene Kreuz Jesu in Jerusalem aufbewahrt. Weil viele Menschen es sehen und verehren wollten, hob der Bischof von Jerusalem das Kreuz vor dem versammelten Volk empor. Daher kommt der Name „Kreuzerhöhung“.

Am Fest der Kreuzerhöhung wird heutzutage in den Gottesdiensten folgende Geschichte aus dem Alten Testament gelesen: (Num 21,4–10)

Das Volk Israel ist auf dem Weg durch die Wüste. Es ist ein langer und mühsamer Weg. Die Begeisterung des Anfangs ist verschwunden. Die Menschen werden ungeduldig. Sie sehen nur noch, was ihnen fehlt. Aus Vertrauen wird Misstrauen, aus Hoffnung Angst. Die Bibel erzählt, dass giftige Schlangen unter das Volk kommen.

Alles andere verschwindet aus dem Blick

Es ist gar nicht die entscheidende Frage, ob diese Erzählung historisch genauso geschehen ist. Denn auf den ersten Blick wird deutlich: Es gibt Gifte, die nicht durch einen Schlangenbiss in unser Leben kommen und doch das Herz vergiften können. Angst kann ein solches Gift sein, ebenso Neid, Bitterkeit, Hass oder Resignation. Wer sich von ihnen bestimmen lässt, sieht irgendwann nur noch das Dunkle. Alles andere verschwindet aus dem Blick.

Die Geschichte erzählt weiter: Mose bekommt von Gott einen ungewöhnlichen Auftrag. Er soll eine Schlange aus Bronze machen und sie an einer Stange aufrichten. Wer von einer Schlange gebissen wurde und zu diesem Zeichen aufblickt, soll am Leben bleiben.

Wir sehen nur noch das, was uns bedroht

Das klingt für uns heute zunächst fremd, vielleicht sogar ein wenig nach Magie. Genau darum geht es nicht. Die Menschen sollen ihren Blick heben. Sie sollen nicht nur auf die Gefahr schauen, nicht nur auf die Schlangen vor ihren Füßen und auf ihre Angst. Sie sollen nach oben schauen und darauf vertrauen, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Wer nur auf die Gefahr vor seinen Füßen schaut, sieht irgendwann nichts anderes mehr. Angst und Sorgen können unseren Blick eng machen. Wir sehen dann nur noch das, was uns bedroht. Die Geschichte von Mose sagt: Hebt den Blick. Schaut nicht nur auf das, was euch Angst macht, sondern rechnet auch mit Gott, rechnet mit Hoffnung.

Der Tod hat nicht das letzte Wort

Jesus greift genau dieses Bild später auf. Er sagt einmal: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ (Joh 3, 14-15)

Jesus spricht vom Kreuz. Damit bekommt die alte Geschichte eine neue Bedeutung. So wie die Menschen in der Wüste ihren Blick heben sollten, so soll sich auch unser Blick auf das Hoffnungsvolle, das Leben richten, für Christinnen und Christen auch auf das Kreuz Christi.

Das Kreuz war ursprünglich ein Zeichen des Scheiterns und des Todes. Dennoch wird gerade dieses Zeichen für Christinnen und Christen zum Zeichen der Hoffnung. Am Kreuz ist nicht alles vorbei. Der Tod hat nicht das letzte Wort.

“Ich will dich aufrichten und dir Hoffnung geben”

Darum finden wir Kreuze an so vielen erhöhten Orten: über dem Altar einer Kirche, auf Kirchtürmen, an Wegen und auf Berggipfeln. Sie ziehen unseren Blick nach oben. Vielleicht geschieht dabei noch etwas anderes: Wer nach oben schaut, richtet sich auf. Aus einer gebeugten Haltung wird langsam eine aufrechte Haltung. Genau das kann der Blick auf den Gekreuzigten bedeuten. Christus sagt mir gewissermaßen: Ich kenne das Leiden. Ich kenne Schmerzen, Verlust und Einsamkeit, aber ich bin darin nicht untergegangen. Deshalb musst auch du nicht untergehen. Ich will dich aufrichten. Ich will dir Hoffnung geben.

Eine Liebe, die selbst im Leiden nicht aufhört

So verändert sich der Blick auf das Kreuz. Es ist nicht mehr nur ein Zeichen der Niederlage. Es wird zum Zeichen einer Liebe, die selbst im Leiden nicht aufhört.

Vielleicht ist das die Einladung dieses Festes, nicht ständig nach unten zu schauen. Nicht nur auf das, was uns Angst macht, nicht nur auf das, was gerade schiefläuft – im eigenen Leben oder in unserer Gesellschaft. Den Blick heben, auf Christus schauen, auf Hoffnung schauen, und darauf vertrauen: Es gibt mehr als das, was gerade vor unseren Füßen liegt. Es gibt eine Hoffnung, die uns aufrichtet.

Musik 3  O crux ave, spes unica (Cristóbal de Morales, ca. 1500-1553) 

The Hilliard Ensemble

Hinschauen statt wegschauen

Größe wird oft mit Macht und Erfolg verbunden. Menschen, die sich durchsetzen, Einfluss haben und in der Öffentlichkeit stehen, finden besondere Beachtung. Erfolg und Stärke gelten in unserer Gesellschaft als erstrebenswert.

Das Kreuz setzt dazu einen deutlichen Gegensatz. Es zeigt einen Menschen, der nach menschlichen Maßstäben gescheitert scheint: Jesus wird verspottet, verurteilt und schließlich ans Kreuz geschlagen. Gerade darin zeigt sich eine andere Art von Stärke: nicht die Stärke des Mächtigen, der sich durchsetzt, sondern die Kraft der Liebe, die auch im Leiden nicht aufgibt. Wo alles verloren scheint, setzt Gott ein Zeichen der Hoffnung.

Er will uns auf die aufmerksam machen, die erniedrigt und abgewiesen werden in unserer Welt. Das erhöhte Kreuz sagt mir: Schau hin auf dieses Leid! Wende dich nicht ab, sondern schau hin, wo immer Menschen ausgegrenzt und ungerecht behandelt werden, wo sie Leid und Angst, Todesangst erleben müssen. Sorge mit dafür, dass auch sie geheilt werden, dass auch sie wieder leben können, ohne Angst. Das Kreuz soll sichtbares Zeichen sein für Mitleid, Heil und Heilung. 

Vielleicht ist das heute wichtiger denn je

Wenn ich manche Debatte und Diskussion höre – zum Beispiel über Flüchtlinge oder Bürgergeldempfänger, dann denke ich: Auch hier geht es doch um Menschen, um Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, Menschen, deren Leben von unumgänglichen Entscheidungen betroffen ist. Mich lädt das Kreuz auch dazu ein, aufmerksam zuzuhören, sorgfältig abzuwägen und Verantwortung nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung wahrzunehmen. Vielleicht ist das heute wichtiger denn je. Nicht die lauteste Stimme hat immer recht, nicht jede einfache Antwort löst auch schwierige Probleme. Das Kreuz Christi lehrt mich Geduld, Wahrhaftigkeit und den Respekt vor der Würde jedes Menschen.

Was fragt mich das Kreuz Christi?

Der Glaube, das Kreuz, das Evangelium, sie erinnern mich daran, kein Mensch darf zuerst nach seiner Herkunft, seiner Leistung beurteilt werden. Jeder Mensch besitzt eine unverlierbare Würde, weil Gott Ja zu ihm gesagt hat. Wer sein Kreuz auf den Stimmzettel setzt, mag zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen, aber das Kreuz Christi erinnert mich daran, dass jede Entscheidung dem Leben dienen soll, der Gerechtigkeit und dem Frieden und dass Angst niemals der beste Ratgeber ist.

Bei einer Wahl frage ich mich: Wem gebe ich meine Stimme? Das Kreuz Christi fragt mich noch grundsätzlicher: Wofür gebe ich meine Stimme? Wofür stehe ich ein? Welchen Weg will ich gehen?

Jesus hat seinen Weg gezeigt und gelebt: den Weg der Menschlichkeit, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, den Weg des Friedens, den Weg zu denen, die unsere Hilfe benötigen.

Schritt für Schritt durch den Nebel

Wenn ich an die Geschichte unserer Bergwanderung im Nebel denke, von der ich am Anfang erzählt hatte, dann erinnere ich mich auch, der Nebel hat sich damals nicht sofort gelichtet. Wir mussten den Weg Schritt für Schritt gehen und konnten immer wieder einmal das Kreuz entdecken durch die Wolken und den Nebel. Der Bergführer wusste, woran wir uns orientieren konnten. So ist es auch in meinem Glauben: das Kreuz nimmt mir die Unsicherheit nicht ab. Es erspart mir keine schweren Entscheidungen und bewahrt mich nicht vor allem Leid, aber es zeigt mir den, der den Weg kennt, weil er ihn selbst gegangen ist. 

Das größte Geschenk von Gott an uns Menschen 

Darum darf ich den nächsten Schritt wagen – nicht, weil ich alles im Griff hätte, sondern weil ich weiß, dass Christus mir vorausgeht. Manchmal ist genau das das größte Geschenk, das Gott uns Menschen machen kann. Die Zusage: Du bist nicht allein. In diesen Gedanken habe ich schon oft Trost gefunden und ich weiß, dass es auch anderen Menschen so geht. 

Das Kreuz richtet meinen Blick auf das, was mich trägt: auf Menschen, die bei mir sind, auf die Kraft, die manchmal erst mit dem nächsten kleinen Schritt wächst, und auf die Hoffnung, dass Dunkelheit und Leid nicht das letzte Wort haben.

Musik 4  Per crucem  (Taizé)