hr2 MORGENFEIER
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Lang, Paul

Eine Sendung von
Dr. Paul Lang,
Katholischer Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion, Amöneburg

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Der Bildinhalt zeigt eine Traubenrebe mit dichten Bündeln reifer, blauer Trauben, umgeben von grünen Blättern. Im Hintergrund sind weitere Weinreben sichtbar, was auf ein Weinbaugebiet hinweist. Das Bild vermittelt eine klare Vorstellung von der Erntezeit.

Erntedank – „Mord im Weinberg!“

Erntedank feiern wir heute. Viele Kirchen, und nicht nur die, sind dazu festlich geschmückt. Das Brauchtum zu Erntedank ist überreich: Es gibt Erntetische und -körbe. Manche Regionen kennen Erntekronen. Sie werden aus Getreide gebunden. Es gibt Ernteräder, in denen die Zwischenräume der Speichen dekoriert werden. Früchteteppiche ziehen viele Besucher an: Das sind kunstvolle Motive und Bilder, die aus Samen- und Getreidekörnern, getrockneten Beeren und Früchten gelegt werden. 

Erntedank: Brauchtum, Landschaft und eigene Erfahrung

Heute wird vieles von dem, was unsere Gärten und Felder in den vergangenen Wochen und Monaten hervorgebracht haben, ansprechend ausgestellt. Anlass, Danke zu sagen. An meiner Hauswand wachsen seit etlichen Jahren einige Weinstöcke. Der heiße Sommer, die vielen Sonnenstunden haben ihnen gutgetan. Sie waren bei mir dieses Jahr sehr ertragreich. Etliche Liter Traubensaft habe ich Anfang September aus den Trauben pressen können. Saft aus dem eigenen Garten, selbst gekeltert – das ist etwas Besonderes: Sehen und schmecken, was vor meinen Augen auf wundersame Weise gewachsen und gereift ist.

Weinberge. Sind sie nicht wunderschön?! Das Anbauen von Trauben und Reben an steilen Hängen, wie das in vielen Regionen in unserem Land üblich ist, gestaltet Landschaft. Weinberge erfordern allerdings auch eine Menge Arbeit; mehr als meine wenigen Weinstöcke am Haus. Etliche Weinberge selbst in traditionellen Weingegenden liegen heute brach. Und es werden immer mehr. Sie sind zu steil, die Arbeit zu mühsam. Importweine sind preiswerter. Eine Krise hat begonnen, wie schade.

Weinberge in Israel: Vertrautes Bild für Jesu Gleichnisse

Weinberge gab es in Israel zur Zeit Jesu, nicht anders als heute, in Hülle und Fülle. Weil sie seinen Zuhörern ein vertrautes Arbeitsfeld waren, gestaltete Jesus mit ihnen gerne seine Erzählungen. Weinberge erscheinen in seinen Gleichnissen und Parabelreden. Eine davon ist besonders drastisch, finde ich. Da geht es um einen Mord im Weinberg. 

„Es war ein Gutsbesitzer,“ - erzählt Jesus - „der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie.

Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.“ 

Musik: Johann Sebastian Bach - Kantate 101 - Collegium Vocale Gent unter Philippe Heerreweghe - "Du treuer Gott“ 

Mord im Weinberg

Ein Mord im Weinberg! Eine schaurige Erzählung. Unrealistisch? Der Besitzer erhebt die ihm zustehende Pacht, die Pächter aber wollen nicht zahlen. Stattdessen werden sie übergriffig, sogar gewalttätig. Um was geht es den Pächtern eigentlich? Ist es Habgier, wollen sie einfach nur ihren Profit vergrößern? Wir erfahren es nicht: Die Erzählung bleibt viele Details und Antworten schuldig. 

Bei den bildhaften Geschichten, die Jesus erzählt, ist das oft so. Sie verlangen von ihren Zuhörern, auch von uns, selbst herauszufinden, um was es geht, den Vergleichspunkt zu erkennen. Auf den ersten Blick erschließt sich oft nicht, was Jesus sagen will. Das macht allerdings auch den Reiz mancher seiner Geschichten und seines Erzählens aus.

Eine schaurige und lehrreiche Erzählung

Da ist ein Gutsbesitzer: Er hat alles angelegt, geschaffen, ihm gehört es, aber dann hat er es anderen anvertraut. Er selbst ist nicht sichtbar, nicht greifbar, sondern irgendwo in der Ferne. Offensichtlich ist dieser Gutsbesitzer ein Bild für Gott: Er ist der Schöpfer, der, der alles trägt und hält. Aber er ist nicht sicht- und greifbar.

Wenn der Gutsbesitzer Gott ist, dann sind die Pächter des Weinbergs wohl am ehesten die Zuhörer Jesu. Damals nicht anders als heute. Die Pächter wollen ihre Pacht nicht zahlen. Irgendwie kommen sie mit ihrer Rolle nicht zurecht. Wer sie daran erinnert, das Personal des Gutsbesitzers etwa, der erlebt sie als übergriffig, gewalttätig.

Keine Verpflichtungen haben, sondern eigenständig, eigenmächtig sein. Die Pächter wollen frei über ihren Besitz verfügen. Eine Ursehnsucht, die uns Menschen zu eigen ist und die uns prägt, klingt in dieser Inszenierung an: Besitz. Besitz schenkt Sicherheit, Unabhängigkeit. 

Gutsbesitzer und Pächter: Bilder für Gott und uns Menschen

Manchmal schränkt Besitz unsere Perspektive allerdings auch ein. Auf einem alten Fachwerkhaus in der Schwalm, in Treysa, habe ich einmal diesen Hausspruch gelesen: 

„Dies Haus ist mein und doch nicht mein. / Dem Zweiten wird es auch nicht sein! / Dem Dritten wird es übergeben, / doch er wird auch nicht ewig leben. / Den Vierten trägt man auch hinaus. / Nun sag‘ mein Freund: Wem gehört das Haus?“

Den Pächtern in der Geschichte Jesu geht es aber nicht nur um Besitz. Ihnen geht es auch und vielleicht vor allem um Macht: Eigenmächtig sein. Keinem anderen verpflichtet. 

In diesem Sommer konnte ich eine ganze Reihe von jungen Paaren trauen. Der Ritus der Eheschließung, der kirchlichen Trauung, stellt den Brautleuten vor ihrem Ja-Wort mehrere Fragen. Eine davon lautet: „Seid Ihr bereit, Mitverantwortung in Kirche und Welt, in der Gesellschaft zu übernehmen?“ 

Wir leben als Menschen nicht in einem luftleeren Raum. Als Einzelne wie als Paar sind wir eingebunden in ein dichtes Beziehungsgeflecht. Wir tragen Verantwortung füreinander. Sich in die Pflicht nehmen lassen. Das ist unsere DNA als Menschen, das ist unser Platz in der Schöpfung. Die Erzählung Jesu erinnert mich daran. Sie fordert mich auf, möglicherweise Korrekturen in meinem Wertesystem vorzunehmen. 

Musik: Dom Sebastian Wolff OSB - Chorale Prelude on „Te beata sponsa Christi“

Besitz und Macht – Ursehnsucht nach Unabhängigkeit

Besitz und Macht sind starke Kräfte. Das verdeutlicht die Parabel vom Mord im Weinberg, die Jesus erzählt. Doch die Geschichte Jesu hat noch eine Fortsetzung:

„Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?“ Die Zuhörer zögern nicht lange mit der Antwort: „Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.“

Immerhin: Es handelt sich um kapitale Verbrechen. Ein gesunder Sinn für Gerechtigkeit lässt da wohl kaum Spielraum. Und Jesus? Statt zuzustimmen oder zu widersprechen, stellt er eine weitere Frage: 

Der neue Eckstein …. 

„Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden?“

Die Erwiderung Jesu ist überraschend. Und sie verwirrt. Den Jüngern, die klare Vorstellungen von Strafe und Gericht, von der „richtigen“ Machtausübung haben, wie wir vermutlich auch, stellt er ein ganz anderes Bild vor Augen: den Eckstein. Als Eckstein bezeichnet man an einem antiken Gebäude den klug gesetzten Stein, der die Fluchtlinien und Winkel eines Gebäudes bestimmt. Er ist verantwortlich für den Zusammenhalt und die Stabilität des Ganzen. Er ist Zentrum und Maßstab.

Den Eckstein setzt Jesus als neues Bild an die Stelle des von den Winzern getöteten Sohnes: Der Sohn ist der verworfene Stein; der, den die Winzer nicht gelten lassen wollten, der ihrem Streben nach Besitz und Macht im Weg war. Hier setzt Jesus an: Dieser Stein lässt sich nicht verwerfen, herausreißen. Das bedeutet nichts weniger als: Dieser Sohn ist nicht tot zu bekommen!

Auferstehung durchbricht alte Ordnungen

Jesus rollt die Geschichte neu auf: Der Parabel vom Mord im Weinberg unterstellt er eine logische Schwäche: Der Mord am Sohn des Gutsbesitzers kann so, wie die Parabel es darstellt, nicht geschehen.

Der von den Winzern getötete Sohn ist für das Evangelium Christus selbst. In Christus wird Gott Mensch, ein Mensch wie der Sohn des Gutsbesitzers. Wie er lässt er sich misshandeln, sogar töten. Statt aber eine Spirale von Strafe und Rache in Gang zu setzen, wendet Christus Unheil und Tod. Aus seinem Tod wird Leben, Auferstehung. Das feiern Christen an jedem Sonntag. Sonntag ist in christlicher Zählung der 8. Tag! Er überbietet die „alte Ordnung“, den Sabbat, den letzten Tag der Schöpfung. Es beginnt etwas Neues ...

Damit ist alles in Frage gestellt, was bisher galt: In der Mitte der Botschaft Jesu vom neuen Reich Gottes steht Widerspruch: „Ich aber …, ich aber sage euch: liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen …“

Der ermordete Sohn im Blick der Redaktion des Evangelisten stellt die Gesetze von Rache und Vergeltung auf den Kopf. Auferstehung bedeutet Bruch mit den alten Regeln, Auferstehung ist die Einführung einer neuen Gerechtigkeit. Besitz und Macht werden unwichtig. Der Weinberg gehört künftig anderen, nein, nicht nur anderen: allen! Die Sehnsucht, die Macht und Besitz in den Schatten stellt, ist Liebe. 

Musik: Anne Quigley: „There is a Longing in Our Hearts“ - deutsch von Eugen Eckert: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ - Konping-Chor Pianoforte Bassenheim 

Erntedank plus: Arbeit als Gabe und Auftrag

Heute feiern wir also Erntedank. Viele Menschen bei uns, vermutlich die allermeisten, arbeiten in ganz anderen Bereichen als in Garten und Landwirtschaft. An manchen Orten werden deshalb auch Ergebnisse aus Handwerk und Industrie bei den Gaben vor den Altären und in den Kirchen ergänzt.

Das gefällt mir gut. Es hält den Blick und das Bewusstsein in mir wach, dass ich mit all meinem Sein und Tun eingebunden bin in größere Bezüge. Es stellt mir vor Augen, dass meine Arbeit, mein Tun, egal wo und wie das geschieht, nicht allein meine Leistung, nicht allein mein Besitz ist, nicht mich allein angeht. Arbeit hat Würde. 

Jede und jeder hat ganz unterschiedliche Talente, Fähigkeiten. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich eine Bitte ablehnen will, einfach weil ich keine Lust habe oder es mir wichtiger ist, meine Zeit mit eigenen Anliegen und Aktivitäten zu füllen. Das ist natürlich zulässig und wichtig. Es geht nicht darum, zum Workaholic zu werden. Aber es ist eben auch nicht in Ordnung, wenn ich nur noch oder überwiegend für mich und meine eigenen Interessen Zeit habe. 

„Herr, wir bringen in Brot und Wein unsere Welt zu dir“

Erntedank: Das richtet meinen Blick neben den Ernteerträgen und den Resultaten von Wirtschaft, Handwerk, Industrie auch auf meine eigene Arbeit, mein Tun. Was habe ich mit meinen Möglichkeiten im vergangenen Jahr gemacht? Denke ich daran, dass sie mir nur auf Zeit anvertraut sind? Arbeit als Mitarbeit im Weinberg Gottes. Ihr Resultat ist eine Gabe, für die ich dankbar sein kann.

Dieser Blick bewahrt mich davor, dass ich – wie die Pächter des Weinbergs in Jesu Parabel – vergesse oder verdränge, dass da ein anderer ist, der Leben und Wachstum schenkt, dem ich verpflichtet, auf den ich hingeordnet bin – und der mich bei alldem unendlich liebt. 

Ein neues geistliches Lied bringt das ansprechend ins Wort. Die Textvorlage stammt von Huub Oosterhuis, die deutsche Fassung von Hans Bernhard Meyer. 

Herr, wir bringen in Brot und Wein / unsere Welt zu dir. / Du schenkst uns deine Gegenwart / im österlichen Mahl.

Groß ist der Herr, wir wollen ihn preisen. / Sein ist die Erde und was auf ihr lebt. / Seine Geschenke sind unsere Gaben.

Unsere Hände und Becher sind leer. / Mit Brot und Wein füllt sie der Herr, / denn er ist Gabe und Geber zugleich.

Was er uns gibt, das gibt er für alle, / damit wir es teilen mit allen Menschen: / So sind wir Freunde an seinem Tisch.

Herr, wir bringen in Brot und Wein unsere Welt zu dir. / Du schenkst uns deine Gegenwart im österlichen Mahl.

Musik: Dom Sebastian Wolff OSB - „Carillon“ (Hommage à Mulet et Vierne) - Richard Lea: Processional

Musikauswahl: Schul- und Kirchenmusiker Paul Lang, Amöneburg