Die Freiheit der Heiligen
Heute ist der 1. November, Allerheiligen. Es geht also nicht nur um eine oder einen bestimmten Heiligen, wie den heiligen Martin oder die heilige Elisabeth. Die haben demnächst ihre eigenen und einzelnen Gedenktage im November. Heute geht es um alle Heiligen, um all die vielen bekannten und unbekannten Menschen, die in der katholischen Kirche durch die Jahrhunderte hindurch als Heilige verehrt wurden. Man könnte übrigens deswegen auch sagen: Heute haben wir alle Namenstag – herzlichen Glückwunsch! Alle Heiligen, das sind nicht nur sehr viele Menschen, es sind auch sehr unterschiedliche Menschen, allein deswegen, weil sie zu ganz verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gelebt haben. Aber was verbindet eigentlich all diese Menschen? Was macht einen Heiligen aus?
Freie Menschen
Ich glaube mittlerweile, Heilige sind vor allem eins: Sie sind unglaublich freie Menschen. Das klingt vielleicht erst einmal ein bisschen banal – frei, das bin doch auch, im Großen und Ganzen. Ich bewege mich frei, kann frei entscheiden, was ich mache und sage. Und doch: Wenn ich es genauer betrachte, sind da auch ziemlich viele Zwänge. Sachzwänge, Alltagszwänge, Bequemlichkeiten. Viele Dinge, die mich dazu bringen, dass ich nicht frank und frei das tue, was ich will oder für richtig halte. Sondern immer wieder auch das, was gerade besser passt. Und womit ich nicht allzu sehr auffalle.
Ich brauche deinen Reichtum nicht!
Heilige sind fast immer aufgefallen. Und erst mal selten nur positiv. Das zeigt sich schnell, wenn ich Heiligengeschichten lese. Zum Beispiel die von Franz von Assisi: Familienzwänge sind ihm egal. Er wirft dem Vater all sein Erbe vor die Füße – und geht zu den Armen. Ich bin so frei – ich brauche all deinen Reichtum nicht. Freiheit und Freimut verbinde ich mit diesem heiligen Franz und mit vielen Heiligen. Ich möchte heute in der hr2 Morgenfeier von diesen freien und mutigen Heiligen erzählen – und davon, was sie mir für mein Leben bedeuten können. Für die Musik hab ich Motetten von Johann Sebastian Bach mitgebracht. In ihnen höre ich viel vom Geist der Freiheit und Furchtlosigkeit.
Musik 1: aus Johann Sebastian Bach: Motette „Fürchte dich nicht“ Nr. 1 (CD: J.S. Bach, Motets, La Chapelle Royale, Paris, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe, Track 2, ca. 3.00 min).
Verzicht auf höfischen Prunk
Eine ähnlich freie und mutige Haltung wie der heilige Franz von Assisi hatte auch die heilige Elisabeth von Thüringen. Beide haben im Mittelalter gelebt und in ihrer Zeit zu den Reichen oder Superreichen gehört. Der eine war Sohn eines reichen Kaufmanns, die andere Tochter eines Königs und später Landgräfin. Und beide haben sie sich – aus tiefer christlicher Überzeugung - von diesem Reichtum, von Besitz und Vermögen losgesagt und sich um Arme und Benachteiligte gekümmert. „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben“, so sagt es Jesus einmal im Evangelium (Matthäus-Evangelium 25,35), das hat Heilige wie Franz und Elisabeth geprägt. Auch die heilige Elisabeth hatte Ärger mit ihrer Familie, weil sie sich in besonderer Weise den Armen zugewendet hat. Schon als Kind soll sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt haben. Später hat sie als junge Landgräfin in Thüringen den höfischen Prunk auf der Wartburg abgelehnt. Ihre kostbare Kleidung und ihren Schmuck hat sie verkauft und mit dem Erlös Bedürftige und Kranke versorgt.
Das „Rosenwunder“
Von ihrer Liebe zu den Armen erzählt auch die berühmteste Legende über sie, das so genannte „Rosenwunder“: Eines Tages war Elisabeth auf dem Weg in die Stadt, um dort wieder den Armen Brot zu bringen, in einem Korb, den sie bei sich hatte. Allerdings war ihr das unter Strafe verboten. Und nun kam ihr auf diesem Weg ausgerechnet die Mutter ihres Ehemannes entgegen. Ihre Schwiegermutter fragt sie prompt, was sie da in ihrem Korb habe. Elisabeth antwortet: Das sind Rosen. Daraufhin bittet die Schwiegermutter sie: Dann zeig mir doch mal diese Rosen! Und Elisabeth muss den Korb öffnen. Aber siehe da: Es sind tatsächlich keine Brotlaibe darin, sondern eben: wunderbar leuchtende und duftende Rosen.
Steuer für Reiche?
Schon bald nach ihrem Tod wurde Elisabeth heiliggesprochen und von den Menschen verehrt. Aber zu Lebzeiten gab es eben auch viel Unverständnis: Warum bloß genießt sie nicht ihren Reichtum und all die adelige Pracht? Warum gibt sie so viel von ihrem Vermögen an die Armen ab? Auch heute bekommen Menschen so etwas zu hören, die Millionen von ihrem Vermögen spenden. Oder die sich gar einsetzen für eine Steuer für Reiche, tax the rich. Es braucht viel Mut und innere Freiheit, sich von familiären und gesellschaftlichen Idealen und Zwängen zu lösen. Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen haben sich freigemacht.
Freiheit und Gerechtigkeit
Mich inspiriert solch eine Freiheit, gerade mit Blick auf das Thema Armut und Reichtum. Wo kann ich mich einsetzen für mehr Gerechtigkeit, im Großen wie im Kleinen? Heilige sind im katholischen Sinne immer auch Vorbilder. Und die Freiheit einer Elisabeth von Thüringen ist mir so ein Vorbild.
„Weg mit allen Schätzen! Weg ihr eitlen Ehren!“ So singt der Chor in der Motette „Jesu, meine Freude“ von Johann Sebastian Bach.
Musik 2: Johann Sebastian Bach: Motette „Jesu meine Freude“, Nr. 7 „Weg mit allen Schätzen“ und Nr. 8 „So aber Christus in euch ist“ (CD: J.S. Bach, Motets, La Chapelle Royale, Paris, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe, Track 3, ca. 3.05 min).
Die Freiheit, Kritik zu üben
Eine innere Freiheit, eine Art heilige Freiheit: Die finde ich oft in den Geschichten von Heiligen. Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen haben vor allem eine Freiheit von Reichtum und Besitz gelebt. Einen anderen Aspekt von Freiheit entdecke ich bei den heiligen Frauen Teresa von Avila oder Hildegard von Bingen: Sie haben in großer Freiheit Kritik geübt an den Mächtigen ihrer Zeit. Und sie haben in aller Freiheit ihre Träume und Pläne durchgezogen, gegen alle Widerstände, nicht zuletzt die Widerstände männlicher Kirchenoberen.
Hildegard von Bingen: eine Vision wird wahr
Die heilige Hildegard zum Beispiel: Wenn es nach den Männern ihrer Zeit gegangen wäre, wäre aus ihr nie eine „Hildegard von Bingen“ geworden. Ihr Klosterleben begonnen hat sie nämlich auf dem Disibodenberg. Das ist ein Hügel bei Bad Sobernheim, zwischen Mainz und Trier gelegen. Es gab dort damals im 12. Jahrhundert zwei Klöster nebeneinander: eines für Männer und eines für Frauen. Und natürlich hatte der männliche Vorsteher, Abt Kuno, das Sagen auf dem Hügel. Vielleicht auch deswegen hatte Hildegard eines Tages die Vision: Wir ziehen mit den Frauen weg von dort, hinüber nach Bingen, und bauen uns dort ein neues, unabhängiges Kloster auf. Abt Kuno allerdings war von der Idee weniger begeistert. Hildegard nämlich hatte schon eine gewisse Berühmtheit erlangt zu der Zeit, und ihr Glanz strahlte auch auf seine Abtei ab. Der Abt verlangt, Hildegard soll auf dem Disibodenberg bleiben - und er spricht ein entschiedenes Nein zu ihren Plänen. Aber Hildegard gibt nicht klein bei. Zwei Jahre lang streitet sie mit den Männern auf dem Disibodenberg. Sie sichert sich Unterstützung zu, von einer einflussreichen Markgräfin und vom Erzbischof von Mainz. Und schließlich setzt sie ihre Vision durch und zieht mit ihren Mitschwestern auf den Hügel bei Bingen. Frei und mutig handelt diese Frau und wird auch deshalb zur Heiligen.
Teresa von Avila: Keine Angst!
Freiheit statt Unterordnung: Auch die spanische Heilige Teresa von Avila hat das im 16. Jahrhundert gelebt. Immer wieder bekommt sie bei ihren Plänen und Reformen Gegenwind von den Kirchenoberen. Sie wird sogar gewarnt vor der Inquisition. Aber sie soll darüber nur gelacht haben. „Ich fürchte mich nicht!“ sagt sie. Auch ihre Mitschwestern im Kloster fordert sie dazu auf, keine Angst zu haben. Sie schreibt: „Also, Töchter, lasst diese Ängste fahren! … Lasst ab von Ängsten, wo es nichts zu fürchten gibt. Wenn jemand sie euch einflössen will, dann erklärt ihm in aller Demut den Weg.“ (WV, Kapitel 36, Abschnitt 6) „Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst und bei deinem Namen gerufen“, so heißt es in der Motette von Johann Sebastian Bach.
Musik 3: aus Johann Sebastian Bach: Motette „Fürchte dich nicht“ Nr. 2 (CD: J.S. Bach, Motets, La Chapelle Royale, Paris, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe, Track 2, ca. 2.15 min).
Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen
Seid frei von der Angst! Fürchtet euch nicht! So hat es einst die heilige Teresa von Avila gesagt. Sie steht damit für diese große Freiheit, die ich bei Heiligen früherer Zeiten immer wieder entdecke und bewundere. Es sind aber nicht nur die katholischen Heiligen, die die Freiheit des Christenmenschen besonders gepredigt und gelebt haben. An Allerheiligen und einen Tag nach dem Reformationstag denke ich auch an Martin Luther, den großen Reformator. Die Freiheit aus dem Glauben war etwas, was er im Laufe seines Lebens neu entdeckt hat: Ich soll mich nicht knechten lassen von meinem Schuld- und Sündenbewusstsein, vom Ablasshandel, von der Unfreiheit, die mir Kirchenobere einreden wollen. Als Christ weiß ich: Gott hat mir Gnade und Größe und Freiheit verliehen. Die darf ich und die soll ich auch leben und nutzen.
Hier stehe ich!
„Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Obwohl Martin Luther das vermutlich gar nicht gesagt hat vor dem Reichstag in Worms: Diese berühmten Sätze kennzeichnen seine Haltung: Ich lasse mich nicht einschüchtern, ich rede frank und frei, wovon ich überzeugt bin!
Zur Freiheit befreit!
Entdeckt hat Martin Luther diese Freiheit vor allem beim heiligen Paulus in der Bibel. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5,1) schreibt dieser Apostel Paulus im Brief an die Gemeinde in Galatien. Und im Brief an die Gemeinde in Rom heißt es: „Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Römer 8,2) Für Paulus war klar: Enge und Angst, die von kleinlichen Vorgesetzten und falsch verstandenen Gesetzen eingeflößt werden, sind mit Christus vorbei. Mit Christus kommt der Geist der Freiheit.
Musik 4: Johann Sebastian Bach: Motette „Jesu meine Freude“, Nr. 3 „Unter deinen Schirmen“ und Nr. 4 „Denn das Gesetz“ (CD: J.S. Bach, Motets, La Chapelle Royale, Paris, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe, Track 3, ca. 2.15 min).
Heilige Freiheit heute
Der Reformator Martin Luther und Heilige wie Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila: Sie haben für mich auf beeindruckende Weise Freiheit gelebt. Und von dieser Freiheit möchte ich mir auch heute eine Scheibe abschneiden. Es ist ja bis heute gar nicht so leicht, in aller Freiheit das zu tun, wovon ich überzeugt bin. Mal hab ich Angst vor den Reaktionen der Leute. Mal bin ich einfach nur zu bequem, um mich für meine Überzeugungen und Träume zu engagieren.
Alltagsheilige in Schule und S-Bahn
Aber es gibt sie ja auch heute noch: Die vielen heiligen Menschen, die ihre Überzeugungen und Visionen leben. Alltagsheilige. Leute, bei denen ich denke: Wow, wie frei die reden und handeln! Wie furchtlos sie tun, was sie für richtig halten. Die Lehrerin zum Beispiel, die sich einsetzt für einen schwierigen Schüler. Andere sagen: Das ist völlig sinnlos und bringt nur Ärger. Aber sie nimmt sich die Freiheit zu tun, was sie für richtig hält. Oder der ältere Herr, der in der S-Bahn freundlich widerspricht, als jemand rassistische Sprüche von sich gibt. Andere ducken sich weg, er hält dagegen. Oder die junge Frau, die sich für den Klimaschutz engagiert, mit so viel Energie und Zeit und Kraft. Sie hält Vorträge, sie gibt Tipps dazu, wie unsere Städte grüner werden können und unsere Mobilität umweltfreundlicher. Und sie muss einiges an Beschimpfung und Bedrohung aushalten. Auch all diese Menschen sind für mich Vorbilder der Freiheit und in gewisser Weise: Heilige.
Heilige: Menschen hier und heute
Heilige mitten unter uns: Davon spricht schon der Apostel Paulus. In seinen Briefen redet er die Gemeinden manchmal so an, da heißt es zum Beispiel: „An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen.“ (Römer 1,7) Oder so: „An die Kirche Gottes, die in Korinth ist – die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen.“ (1 Korinther 1,2) Heilige sind also nicht nur die Ausnahmegestalten der Geschichte – es sind auch Menschen hier und heute.
Wie kann ich Freiheit leben?
Heilige Freiheit wird da gelebt, wo Menschen sich trauen, zu sich selber und zu ihren Werten zu stehen. Wo sie sich nicht verbiegen oder fürchten vor Reaktion. Sondern das tun, was ihnen ihr Gewissen sagt. Oder: ihre innerste Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Ich könnte auch sagen: Gottes Stimme. Die Geschichten der Heiligen von früher und heute erzählen mir davon, wie das geht. Wie ich Freiheit leben kann. Und ich möchte mich davon inspirieren lassen. Und immer mehr diese Freiheit entdecken – diese göttliche Freiheit, die Freiheit der Heiligen.
Musik 5: Johann Sebastian Bach: Motette „Jesu meine Freude“, Nr. 5 „Trotz, trotz dem alten Drachen“ (CD: J.S. Bach, Motets, La Chapelle Royale, Paris, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe, Track 3, ca. 2.20 min).