Wahlen und Wunder
Es ist Wahlsonntag - nicht bei uns in Hessen, aber ich vermute: auch viele Hessinnen und Hessen werden aufmerksam beobachten, was da in Sachsen-Anhalt heute passiert. Wie wird heute Abend oder in den nächsten Tagen das Ergebnis sein? Viele Menschen blicken mit Sorge in die Zukunft. Was wird aus unseren Dörfern und Städten? Haben die Kleinsten noch eine gute Schule, die Älteren noch eine Pflegekraft, die erreichbar ist? Werden die Ressourcen noch knapper – das Geld, das Personal, die Infrastruktur?
Wenn Ressourcen knapp werden
Wo Ressourcen schwinden, breitet sich schnell Angst aus. Reicht es für alle? Und wenn nicht, wie dann mit dem Mangel umgehen? Wer verteilt am Ende die Ressourcen, so dass es gerecht zugeht? Die Sorge, selbst zu kurz zu kommen, lässt oftmals den Blick eng werden. Sie führt nicht selten dazu, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden: Alt gegen Jung, Alteingesessene gegen Zugewanderte, Stadt gegen Land.
Menschenwürde als Fundament
Ich bin davon überzeugt: Die Kirchen haben in dieser Situation einen Auftrag, auch meine katholische Kirche. Sie dürfen nicht wegschauen, sie müssen hinschauen. Nicht, um Partei für eine bestimmte politische Richtung zu ergreifen, sondern um das Fundament unseres Zusammenlebens zu verteidigen. Das Fundament heißt: Menschenwürde.
Wofür wir einstehen
Gerade in Wahlsituationen muss ich als Christin klar formulieren, wofür Christinnen und Christen einstehen müssen. Das Bistum Magdeburg hat mit einer Initiative die Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, bewusst zu wählen. Der Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, hat es auf den Punkt gebracht. Er sagt: „Was Menschenwürde, Menschenrechte und Gerechtigkeit betrifft, also das Zusammenleben von uns Menschen, da kann und darf Kirche nicht schweigen.“ Das sagt einer, der in der ehemaligen DDR selbst ein Unrechtssystem erlebt hat. Und er weiß die deutschen Bischöfe hinter sich. Sie haben im Februar 2024 eine sehr grundlegende Erklärung veröffentlicht, die den Menschen helfen soll, sich zu orientieren. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, sagen die Bischöfe. Und: „Die Menschenwürde ist der Glutkern des christlichen Menschenbildes und der Anker unserer Verfassungsordnung.“
Darf die Kirche sich einmischen?
Es gibt Menschen, die fragen: Darf die Kirche das? Sich so äußern? Sollte die Kirche sich nicht auf ihre eigenen Probleme konzentrieren? Hat die Kirche nicht genug zu bearbeiten und aufzuräumen?
Ich bin sehr froh, dass sich die Bischöfe geschlossen und schnell auf dieses klare Statement vereinbart haben. Der Text ordnet ein: Ein völkischer Nationalismus, der Menschen nach Herkunft oder Status in „wertvoll“ und „weniger wertvoll“ einteilt, ist mit der Bibel schlicht unvereinbar.
Welche Räume wollen wir schaffen?
Deswegen finde ich es wichtig, bei gesellschaftlichen Entscheidungen wie Wahlen zu fragen: Welche Räume wollen wir schaffen: Räume der Ausgrenzung oder des Respekts? Räume, in denen Angst und Neid vorherrschen, oder in denen es Mut, Hoffnung und den Willen gibt, Lösungen miteinander zu suchen. Lassen wir zu, dass Angst uns spaltet, oder setzen wir uns dafür ein, dass Würde unteilbar ist?
An Wahlsonntagen wie diesem in Sachsen-Anhalt stehen immer auch ganz grundlegende Werte auf dem Spiel. Die unbedingte Würde jedes Menschen darf nicht in Frage gestellt werden – auch wenn eine Gesellschaft mit knapper werdenden Mitteln auskommen muss.
Wenn es nicht für alle reicht
Dabei ist das kein neues Problem. Schon in der Bibel finde ich Geschichten, in denen Menschen befürchten, es werde nicht für alle reichen.
Ich denke an eine Geschichte, in der Jesus auf wundersame Weise Brot vermehrt. Da wird erzählt: Viele Menschen suchen die Nähe Jesu. Sie folgen ihm auf Schritt und Tritt, hören das, was er sagt. Eine riesige Menschenmenge hat sich versammelt - die Rede ist von 5000 Männern und noch dazu Frauen und Kindern. Es wird spät, die Menschen sind hungrig. Und was ist die erste Reaktion der Jünger? Sie sagen zu Jesus: „Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!“ Mit anderen Worten: Wir haben nicht genug, das Problem soll sich bitte woanders auflösen. Dafür können wir keine Verantwortung übernehmen.
Jesus aber antwortet überraschend ganz anders. Er sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Teilen statt festhalten
Das Scheitern scheint vorprogrammiert. Die Jünger haben fünf Brote und zwei Fische. Man muss nicht gut rechnen können, um zu sehen: Das reicht nicht. Aber als die Jünger das Wenige an die vielen Leute verteilen, passiert das Überraschende: Es reicht eben doch, es bleibt sogar noch etwas übrig. Am Ende werden alle satt. Ein Wunder, das Jesus vollbracht hat? Ich glaube: Das eigentliche Wunder geschieht genau an dem Punkt, an dem das Wenige, das die Menschen haben, nicht verängstigt festgehalten, sondern eingebracht wird. Es beginnt damit, dass Menschen ihre Ressourcen miteinander teilen - und offenbar sind da mehr als die fünf Brote und zwei Fische.
Das Netz, das unsere Gesellschaft zusammenhält
Ich finde: Dieses Bild aus der Bibel kann eine enorme Kraft entfalten für unsere heutige Demokratie. Wenn Kommunen, der Staat und wir alle vor der Herausforderung stehen, mit weniger Mitteln soziale Dienste aufrechtzuerhalten, stehen wir genau an dieser Weggabelung: Schicken wir die Schwachen weg, aus Angst, dass es nicht reicht? Oder bringen wir das, was wir haben, solidarisch ein?
Vielleicht wendet der ein oder die andere jetzt ein: Die Kirche macht es sich aber etwas zu einfach mit dieser Botschaft. Ich denke, nein, denn Kirche und Caritas wissen, wovon sie reden. Daher müssen sie in Zeiten wie diesen immer wieder deutlich machen, wie unverzichtbar die Finanzierung sozialer Infrastruktur ist. Ob in der Pflege, in den Kitas oder in der Beratung: Dienste am Menschen sind keine Luxusausgaben, die man streichen kann, wenn das Geld knapp wird. Sie sind das Netz, das uns als Gesellschaft zusammenhält, weil jede und jeder einmal schwach und hilfebedürftig werden kann.
Heute ist Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt, auf den sicherlich auch viele Hessinnen und Hessen mit Spannung schauen. Wie geht es dort weiter, wie in unserem Land und in der Welt? Was wird aus der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit als Grundpfeiler? Unsere Demokratie lebt ja von dem Zutrauen, dass wir Herausforderungen gemeinsam bewältigen können, ohne die Schwächsten zurückzulassen.
Einfache Antworten sind keine Lösung
Wenn Ressourcen knapper werden, wächst die Versuchung einfacher Antworten. Es sind jene Parolen, die versprechen, man müsse nur bestimmte Gruppen ausschließen, um den Wohlstand der anderen zu sichern. Doch dieses Versprechen ist eine Illusion. Sie zerstört das Band der Solidarität, das eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält.
Die Würde als Maßstab
Gerecht verteilt sind Chancen erst dann, wenn nicht der Lauteste oder der Stärkste den Zuschlag erhält, sondern wenn die Würde den Maßstab bildet.
Das braucht sicher auch Klarheit und Konsequenz Menschen gegenüber, die - aus welcher Richtung auch immer -, die Würde von Menschen mit Füßen treten. Eine Demokratie zeigt ihren Wert aber gerade darin, wie sie mit den Rändern umgeht – mit den Kranken, den Älteren, den Menschen am Rande der Gesellschaft.
Wählen heißt Verantwortung
Deshalb ist der Gang zur Wahlurne heute in Sachsen-Anhalt – und überall, wo demokratische Entscheidungen anstehen – weit mehr als eine formale Pflicht. Er ist ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis dazu, wie wir miteinander umgehen wollen.
Wählen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Nicht aus Protest alles einzureißen, sich nicht von der Logik des Mangels lähmen zu lassen, sondern im Dialog nach Lösungen zu suchen, die dem Wohl aller dienen.
Fünf Brote, zwei Fische und alle wurden satt
Mir gefällt das Bild aus der biblischen Geschichte von den fünf Broten und zwei Fischen, die alle satt machen. Es erinnert mich daran: Wenn ich anderen mit Respekt begegne, wenn ich soziale Verantwortung nicht als Last, sondern als Auftrag begreife, dann reicht das, was wir haben, für ein menschenwürdiges Miteinander.
Ich bete heute um mutige Entscheidungen für das Zusammenleben in unserem Land.