hr2 MORGENFEIER
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Kropf-Brandau, Sabine

Eine Sendung von

Evangelische Pröpstin, Sprengel Hanau-Hersfeld

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Kind sein - Verheißung oder Zumutung?

Einen gesegneten 2. Weihnachtstag wünsche ich und ich hoffe, ein schöner Heiliger Abend klingt noch nach.

Spannungen und Disharmonien an Weihnachten

Manchmal ist es aber trotz liebevoller Vorbereitungen am Heiligabend so: Die Wohnung ist festlich geschmückt, der Duft von Tannenzweigen liegt in der Luft, die Kerzen brennen, das Essen vorbereitet – und doch ist da eine gewisse Spannung im Raum. Wir haben uns Mühe gegeben, alles schön zu machen. Und trotzdem: ein falsches Wort, ein schiefer Blick, eine alte Erinnerung – und schon ist die Harmonie dahin.

Fühlen Sie sich an Weihnachten manchmal wieder in der Kinderrolle?

Dabei ist Weihnachten das Fest der Liebe – leider manchmal auch das Fest der alten Wunden. Wenn Familien zusammenkommen, kommen ja auch die alten Rollen zurück. Da sind wir plötzlich wieder „die Tochter“, „der Sohn“, „das Kind“ – obwohl wir schon längst erwachsen sind. Haben vielleicht schon selbst Kinder, oder gar Enkel, tragen Verantwortung im Beruf, treffen täglich Entscheidungen – und doch fühlen wir uns am Heiligabend manchmal wieder wie als zwölfjährige.

Musik: „Du lieber, heil’ger frommer Christ“ (ohne Strophe 2 und 5)

Eine Frau erzählte mir einmal: „Ich bin 58, habe zwei erwachsene Kinder, leite eine Abteilung – aber wenn ich bei meinen Eltern Weihnachten feiere, bin ich wieder das Kind, das nichts entscheiden darf. Ich werde gefragt, ob ich warm genug angezogen bin, ob ich genug gegessen habe – und am Ende bin ich die, die den Tisch abräumt.“

Kind sein kann schön sein, es kann aber auch bedeuten, nicht ernst genommen zu werden

„Kind sein“ – das kann schön sein, wenn es bedeutet: sich geborgen und behütet zu fühlen, vertraute Nähe zu spüren., Aber es kann auch bedeuten: nicht ernst genommen werden, klein gemacht werden, abhängig bleiben.

Alleine an Weihnachten, da es Konflikte in der Familie gibt

Und dann gibt es auch Menschen, die an Heiligabend ganz allein waren. Nicht, weil sie niemanden haben, sondern weil es Konflikte gibt. Zwischen den Generationen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Erwartungen und Enttäuschungen. Deshalb haben sich manche bewusst entschieden, nicht zu feiern. Andere wurden ausgeladen, oder haben sich nicht getraut, sich einzuladen. Da bleibt der Tisch leer, das Telefon still, die Kerzen brennen nur für sich.
Auch das ist Weihnachten – für viele Menschen. Ein Fest, das traurig macht, weil die Nähe fehlt. Weil die Liebe, die sie sich wünschen, nicht da ist.

“… dass wir Gottes Kinder heißen sollen”

Nun gibt es in der Bibel einen Vers, der in vielen Gottesdiensten am 2. Weihnachtstag verlesen wird. Er steht im 1. Johannesbrief, 3. Kapitel: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.“ (1. Joh 3,1)

Gottes Kinder sein - eine Zumutung?

Der Verfasser dieses Verses schreibt es den damaligen Menschen als Zusage, als ein tröstendes Wort. Aber ich frage mich, ist es nicht auch für einige eine Zumutung? Denn: Viele von uns wollen nicht mehr „Kind“ sein. Wir wollen ernst genommen werden, selbstständig sein, unser Leben gestalten. Wir wollen nicht zurück in eine Rolle, die uns kleinhält.

Religiöse Bevormundung oder ein Geschenk?

Und: Gerade an Weihnachten, wenn wir das Kind in der Krippe betrachten, stellt sich für mich diese Frage neu: Was bedeutet es, Kind Gottes zu sein? Ist das eine religiöse Bevormundung – oder vielleicht doch ein Geschenk?

Musik: Johann Sebastian Bach: Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, BWV 64, 1. (Chor)

Ein Kind Gottes sein - ist das nun eine schöne Zusage oder eine Zumutung? Zu dieser Frage fällt mir folgende Geschichte ein: Sie trägt den Titel: „Wer den Sohn nimmt, bekommt alles.“

Eine tiefe Liebe zwischen Vater und Sohn 

Ein wohlhabender Mann lebte mit seinem einzigen Sohn in einem herrschaftlichen Anwesen. Beide verband die Liebe zur Kunst. Sie reisten gemeinsam durch Europa, besuchten Galerien, ersteigerten Gemälde, diskutierten über Farben, Formen, Stile. Ihr Haus war ein Museum – mit Werken von Rembrandt, Monet, van Gogh. Doch es war nicht nur Reichtum, der sie verband – es war eine tiefe, stille Liebe zwischen Vater und Sohn. Sie lachten viel, stritten manchmal über Kunstgeschmack, aber sie versöhnten sich schnell. Der Vater war stolz auf seinen Sohn – nicht nur wegen seines Talents, sondern wegen seiner Haltung, seiner Güte und Leidenschaft.

Der Sohn fällt im Krieg

Dann kam der Krieg. Der Sohn wurde eingezogen. Der Vater verabschiedete ihn mit einem Kuss auf die Stirn und einem Gebet im Herzen. Wochen später kam die Nachricht: vermisst. Kurz darauf: gefallen – beim Versuch, einen verwundeten Kameraden zu retten.

Ein einsames Weihnachten

Der Vater war erschüttert. Weihnachten nahte – und mit ihm eine große Leere. Die Räume, einst erfüllt von Gesprächen und Lachen, waren still. Die Gemälde an den Wänden wirkten plötzlich leblos. Der Vater saß oft allein vor dem Kamin, starrte ins Feuer, sprach mit niemandem.

Ein unverhofftes Geschenk 

Am Morgen des Heiligen Abend klopfte es an der Tür. Ein junger Soldat stand davor. In den Händen ein Paket. „Ich bin der Mann, dem Ihr Sohn das Leben gerettet hat“, sagte er leise. „Ich bin Künstler – kein großer, aber aus Dankbarkeit habe ich ein Porträt Ihres Sohnes gemalt. Ich möchte es Ihnen schenken.“

Der Vater öffnete das Paket – und sah das Gesicht seines Sohnes. Nicht perfekt gemalt, aber voller Leben. Die Augen blickten ihn an, als wollten sie sagen: „Ich bin da. Ich liebe dich.“

Der größte Schatz des Vaters

Er war tief bewegt. Das Bild bekam einen Ehrenplatz über dem Kamin. Alle anderen Werke – so wertvoll sie auch waren – rückten in den Hintergrund. Dieses Porträt wurde sein größter Schatz.

Musik: Johann Sebastian Bach: Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, BWV 64, 5. (Sopran-Arie) 

Die Versteigerung der Kunstsammlung an Weihnachten

Einige Monate später starb der Vater. In seinem Testament verfügte er, dass seine gesamte Kunstsammlung am nächsten Weihnachtsfest versteigert werden sollte – genau ein Jahr, nachdem er das Porträt seines Sohnes erhalten hatte.

Das erste Bild: Das Porträt des Sohnes

Die Auktion begann. Sammler aus aller Welt waren angereist. Sie warteten auf die großen Namen: van Gogh, Matisse, Picasso. Doch das erste Bild, welches der Auktionator anbot, war nicht auf der Liste: das Porträt des Sohnes.

„Wer bietet darauf?“ fragte der Auktionator. Stille. „Das ist doch nur ein Bild von einem Sohn“, murrte jemand. „Rufen Sie endlich die echten Schätze auf!“

Zehn Dollar zum Ersten …

Ein alter Freund des Verstorbenen hob die Hand: „Ich kann nur zehn Dollar bieten. Aber ich kannte den Jungen. Ich nehme das Bild gern.“ „Zehn Dollar zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – verkauft!“, sagte der Auktionator. Dann legte er den Hammer nieder. „Die Auktion ist beendet.“

„Wer den Sohn nimmt, bekommt alles.“

Die Empörung war im Saal greifbar. „Was ist mit den anderen Bildern?“ Wann werden die versteigert? "Es war der Wille des Vaters“, sagte der Auktionator. „Wer den Sohn nimmt, bekommt alles.“

Eine Parabel über Liebe, Verlust und einem Vermächtnis

Diese Geschichte hat mich sehr bewegt. die Geschichte eines Vaters, dessen größter Schatz sein Sohn war. Sie ist nicht nur eine Erzählung, sie ist eine Parabel Sie erzählt von Liebe, von Verlust, von einem Vermächtnis. Und sie erinnert uns an Weihnachten – an den Vater im Himmel, der uns seinen Sohn schenkt. Nicht als Besitz, nicht als Kunstwerk – sondern als Mensch, als Retter, als Bruder.

Die Weihnachtsbotschaft zusammengefasst in einem Satz

„Wer den Sohn nimmt, bekommt alles.“ Für mich ist in dieser Erzählung die Weihnachtsbotschaft in einem Satz zusammengefasst.

Denn Weihnachten ist nicht nur das Fest der Lichter, der Geschenke und der Lieder. Es ist das Fest, an dem Gott selbst Mensch wird. Ein Kind in der Krippe – verletzlich, klein, aber voller göttlicher Liebe. Ein Sohn, der gekommen ist, um uns zu zeigen: Du bist geliebt. Du bist gewollt. Du bist ein Kind Gottes.

“Gottes Kind sein” - eine Zusage, keine Zumutung

Und hier ist dieses „Kind Gottes sein“ ist keine Zumutung, es ist kein Zurück in eine Rolle, die uns klein macht. Es ist eine Zusage, wie sie in vertrauten Verhältnissen gesprochen wird: Sie bedeutet: Du bist nicht allein. Du bist gehalten. Du bist wertvoll.

Gottes Liebe macht uns nicht klein, sondern groß

Mit solch einer liebevollen Zusage lösen sich die Vorbehalte auf- – besonders das Gefühl, klein gemacht zu werden, nicht ernst genommen zu sein.  Sie lösen sich auf, weil wir erkennen können: Gott nennt uns nicht „Kind“, um uns zu kontrollieren. Er nennt uns „Kind“, weil wir ihm unendlich kostbar sind. Seine Liebe macht uns nicht klein, sondern groß.

Musik: Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium, BWV 248, „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“ (Collegium Vocale Gent)

Gottes Liebe macht uns nicht klein, sondern groß. Da denke ich auch an einen Mann, der mir sagte: „Ich habe viele Fehler gemacht. Aber wenn ich in der Kirche sitze und höre, dass ich Gottes Kind bin, dann spüre ich: Ich darf trotzdem leben. Ich bin trotzdem geliebt.“

Gottes Liebe macht uns nicht abhängig, sondern frei

Gottes Liebe macht uns nicht abhängig –im Gegenteil! Sie macht uns frei und befähigt uns, unser Leben verantwortlich zu gestalten: Anderen Liebe zu schenken. Erwachsen zu sein und zu werden – mit einem liebevollen Herzen. 

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.“

Der Zusage Gottes vertrauen und wir bekommen alles

Ich glaube: Wenn wir dieser Zusage vertrauen,– geht es uns wie dem alten Freund in der Geschichte: Wir bekommen mehr, als wir je erwartet hätten. Wer den Sohn nimmt bzw. annimmt, bekommt alles! Ja, mit der Geburt von Jesus - Gottes Sohn - bekommen auch wir alles.

Heute können wir beginnen, anders zu leben!

Und das beginnt – heute. Nicht irgendwann, nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Heute – am 2. Weihnachtstag – können wir anfangen, anders zu leben. Nicht perfekt, aber mit einem neuen Blick.

Vielleicht war Ihr Heiligabend nicht so, wie Sie ihn sich gewünscht haben. Vielleicht gab es Streit, Enttäuschung, Schweigen. Vielleicht waren Sie allein – weil es Konflikte gibt, weil die Verbindung zu den Kindern oder Eltern abgerissen ist, weil Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Aber heute ist ein neuer Tag. Ein Tag, an dem Sie sich erinnern dürfen: Ich bin Gottes Kind. Nicht, weil ich alles richtig mache. Sondern weil ich von ihm geliebt bin –bedingungslos.

Aus dieser Zusage kann etwas Konkretes erwachsen

Und aus dieser Zusage kann etwas wachsen. Etwas ganz Konkretes.

Vielleicht rufen Sie heute jemanden an, mit dem Sie lange nicht gesprochen haben. Vielleicht schreiben Sie eine Nachricht, die ein erster Schritt ist, um sich wieder miteinander zu versöhne.t. Vielleicht sagen Sie heute einem Menschen: „Ich bin froh, dass es dich gibt.“ Oder Sie nehmen sich selbst einmal in den Arm und sagen: „Ich bin Gottes geliebtes Kind. Ich darf da sein.“

Musik: „Ihr Kinderlein, kommet“ instrumental, Strophen 1 und 2

Mit einem neuen Blick durchs Leben gehen

Gehen Sie heute doch mal mit einem anderen Blick durch die Straßen, durch Ihr Zuhause, durch Ihr Leben. Nicht als jemand, der alles allein schaffen muss. Sondern als jemand, der getragen ist. Als jemand, der liebt – und geliebt ist.

Denn gerade in dieser bedrängenden Weltsituation brauchen wir diese Botschaft mehr denn je.

Die Welt ist nicht heil, aber Weihnachten leuchtet hinein

Die Welt ist unruhig. Kriege erschüttern Länder und Herzen. Die Klimakrise bedroht unsere Zukunft. Spaltungen gehen durch Gesellschaften, durch Familien, durch Freundeskreise. Viele Menschen fühlen sich überfordert, erschöpft, orientierungslos. Die Nachrichten sind voll von Konflikten, Katastrophen, Krisen. Und auch in unserem persönlichen Umfeld spüren wir: Die Welt ist nicht heil.

Und mitten in diese Dunkelheit hinein leuchtet Weihnachten. Nicht laut, nicht grell – sondern still und klar. Ein Kind in der Krippe. Ein Gott, der sagt: Ich bin da. Für dich. Mit dir.

Das ist kein billiger Trost. Das ist eine Einladung zum Handeln.

Wo wir uns selbst als geliebte Kinder Gottes sehen, nehme ich auch andere als Geschwister wahr. Da bauen wir Brücken, wo Mauern stehen. Da säen wir Hoffnung, wo Angst herrscht. Da stiften wir Frieden – im Alltag, im Heute.

Unser größter Schatz: Wir selbst sind ein Geschenk

Vielleicht ist das der größte Schatz, den wir heute mitnehmen können: Nicht die Geschenke unter dem Baum, sondern die Gewissheit, dass wir selbst ein Geschenk sind – für andere. Dass wir etwas beitragen können zu einer Welt, die menschlicher wird. Nicht ohnmächtig, sondern getragen und befähigt.

„Wer den Sohn nimmt, bekommt alles.“ Nicht Reichtum, nicht Ruhm – sondern Sinn, Würde, Hoffnung.

Das ist Weihnachtsbotschaft für heute, für mich und Dich!

Musik: Orchester James Last, Weihnachten 2011, Johann Sebastian Bach: „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ instrumental, Strophe 1