Narrenfreiheit
Heute ist der höchste Feiertag der Närrinnen und Narren, Rosenmontag. Auch ich feier heute auf den Straßen mit als Narr. „Du Narr“ – außerhalb der 5. Jahreszeit ist das eher eine Beleidigung - einer, der nichts versteht oder sich seltsam verhält. In der Fastnachtszeit ist das eine stolze Selbstbezeichnung.
Der Narr durfte unbequeme Wahrheiten aussprechen
Ursprünglich war der Narr einer, der für das Weltliche steht. Das Weltliche im Gegensatz zur guten göttlichen Ordnung. Er hat alles auf den Kopf gestellt. Später war der Narr derjenige, der auch unbequeme Wahrheiten aussprechen durfte. Der Hofnarr durfte den Herrscher kritisieren, ohne dafür bestraft zu werden. Mit dieser Narrenfreiheit hat er die Hierarchie auf den Kopf gestellt.
Die Narren halten der Welt, der Politik auch heute den Spiegel vor
Und genau das machen auch die Narren im Karneval oder der Fastnacht. Sie legen den Finger in die Wunde. Sie spotten über das, worüber wir uns das ganze Jahr über ärgern. Machen sich über die lustig, die Macht haben und manchmal auch ihre Macht missbrauchen. Viele empfinden die Zeiten, in denen wir gerade leben, als schwierig. Die Narren halten der Welt, der Politik und der Gesellschaft den Spiegel vor. Ich empfinde das gerade jetzt als wohltuend und wichtig. Es ist wie ein Überdruckventil. Und dass es verstanden, oder eben nicht verstanden wird, zeigt ja der Prozess gegen den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer in Moskau. Die russische Justiz wirft ihm „Verunglimpfung der Staatsorgane“ vor. Der Narr ist also gerade jetzt derjenige mit dem gesunden Menschenverstand.
Narren stellen Hierarchien auf den Kopf
Für die Narren gibt es kein „oben“ und „unten“, kein „besser“ und „schlechter“. Alle sind gleich. Das ist das Prinzip des Karnevals. Und das befreit.
Und dieses Befreiende erlebe ich jedes Jahr beim Rosenmontagszug in Mainz. Ich liebe die Stimmung dort und die Begegnungen am Zugrand. Wildfremde Menschen feiern miteinander, teilen mitgebrachtes Essen und Getränke, kommen miteinander ins Gespräch.
Sich frei und gleich fühlen und respektvoll miteinander umgehen
Alle fühlen sich als Närrinnen und Narren. Frei und gleich, und respektvoll im Umgang miteinander. Ich genieße diese Gemeinschaft und gehe dann ganz beseelt nach Hause. Dieses Gefühl nehme ich mit – auch in die Zeit nach Fastnacht.