Liebt einander – auch nervige Leute
In meinem Pfarreigebiet im Westerwald hängen seit Jahresbeginn riesige Transparente. Bunt und unübersehbar. Auffordernd. Darauf zu lesen: Sätze, die provozieren. Die zum Nachdenken anregen. Die hängen bleiben – im Kopf, manchmal auch im Herzen. Mein Lieblingssatz: „Liebt einander – auch nervige Leute.“ Und ganz ehrlich: Der Satz sitzt. Er trifft einen Nerv. Denn lieben – das klingt zunächst schön. Warm. Harmonisch.
Da wird es unbequem
Aber dann kommen sie ins Spiel: die nervigen Leute. Die, die zu laut sind. Die, die alles besser zu wissen glauben. Die, die sich Zeit lassen, wenn ich es eilig habe. Oder die, die einfach ganz anders denken, fühlen, leben als ich. Und genau da wird dieser Satz unbequem.
Ist das Zumutung – die auch eine Einladung ist?
Jesus sagt nicht: Liebt einander – solange es euch leichtfällt. Er sagt auch nicht: Liebt nur die, die so denken wie ihr. Er sagt: Liebt einander. Punkt. Das ist kein romantischer Kalenderspruch. Das ist eine Zumutung. Aber zugleich eine Einladung.
Vielleicht fängt Nächstenliebe genau da an
Denn mal ehrlich: Für irgendwen bin ich ziemlich sicher auch nervig. Mit meinen Macken. Mit meinen Meinungen. Mit meiner Art, die Dinge „richtig“ sehen zu wollen. Vielleicht fängt Nächstenliebe genau da an: Nicht beim großen Gefühl, sondern beim kleinen Aushalten. Ich rolle dann eben nicht die Augen, wenn mir einer auf die Nerven geht. Ich höre meinem Gegenüber zu, statt innerlich schon die Gegenargumente zu sortieren. Ich schärfe meinen Blick dafür, was an der Person, die nervt, liebenswert oder einfach menschlich ist.
Mich selbst mal zurücknehmen
Vielleicht bedeutet Liebe manchmal auch: sich selbst zurückzunehmen. Nicht, um sich klein zu machen – sondern um den anderen groß zu lassen. Um eine Brücke zu bauen, wo ich vorher nur Mauern gesehen habe.
Die Aufforderungen sollen im Herzen hängen bleiben
Die Transparente, die jetzt in unserem Pfarreigebiet hängen, sollen provozieren. Sie sollen hängen bleiben. Nicht nur im Vorbeigehen – sondern im Gedächtnis. Und vielleicht auch im Herzen.
Dieser Weg braucht Geduld – und Humor
„Liebt einander – auch nervige Leute.“ Das ist kein fertiger Anspruch. Das ist ein Weg. Ein Weg, der Stolpern, Scheitern und immer wieder neue Versuche erlaubt.
Ein Weg, der Geduld fordert. Der Humor braucht. Der manchmal einen tiefen Atemzug erfordert.
Auch wenn du nervig bist, bist du mir nicht egal
Und vielleicht ist es genau das, was Jesus meint: Nicht perfekt zu lieben – sondern immer wieder neu damit anzufangen. Liebe heißt nicht: Du bist nicht nervig. Liebe heißt: Du bist nervig – und trotzdem bist du mir nicht egal.