hr1 ZUSPRUCH
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Baumgarten, Eva-Maria

Eine Sendung von

Katholische Gemeindereferentin im PV St. Michael Hohe Rhön, Hilders-Eckweisbach

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Handy auf einem Stativ, das ein Bild vom Gottesdienstbeginn zeigt

Einfach wegdrücken

Neulich abends war ich zum Gottesdienst in unserer Pfarrkirche. Kurz nach den Fürbitten hörte man das melodische Handy-Klingeln aus der Sakristei. Schmunzeln in der Gemeinde und ein wissender Blickwechsel zwischen dem Pfarrer und mir. 

Klingeling im Gottesdienst

“Das ist meins. Einfach wegdrücken!”, so die kecke Reaktion unseres Pfarrers und die Aufforderung an die Küsterin, dem vermeintlich störenden Anruf ein Ende zu bereiten. Mir bleibt das für den Rest des Gottesdienstes im Kopf und ich hänge diesem Wort nach: Einfach wegdrücken ...! 

Wen würde ich denn gerne wegdrücken?

Wenn ich abends im Gottesdienst bin, ist mein Kopf meist voller Gedanken und mir fällt es schwer, wirklich dem Geschehen zu folgen. Mich beschäftigen die Momente, die den Tag geprägt haben; Dinge, die ich heute nicht geschafft habe; Dinge, die noch zu tun sind; wem ich heute begegnet bin; was vielleicht ganz anders lief, als ich es geplant habe. Einfach wegdrücken, das Gedankenkarussell ausschalten und ganz einzutauchen in die Stille - das wäre großartig. 

Wenn das Gedankenkarussell kreist

Mit einem ehrlichen Blick auf meinen Alltag muss ich leider eingestehen, dass ich mich manchmal sogar bei dem Gedanken erwische, Menschen, die in einem unpassenden Moment mit einem Anliegen zu mir kommen, einfach wegdrücken zu wollen. Wie wäre es, mein Gegenüber stummzuschalten, um Ruhe zu haben? 

Ich denke, ich bin zu anständig, um das zu tun. Vielmehr versuche ich, es möglichst vielen Menschen recht zu machen und die Anliegen meiner Mitmenschen zu bedienen. Mit dem Blick ins heutige Evangelium bin ich in guter Gesellschaft.

Niemand wird stummgeschaltet

Jesus scheint sich auch ab und zu nach Ruhe und Stille zu sehnen, denn er zieht sich mit seinen Jüngern an den See zurück. Wenig erfolgreich, denn aus der ganzen Gegend kommen die Menschen in Scharen. Sein einziger Rückzugsort ist ein Boot, das er sich mit seinen Jüngern ergattert, um angesichts der Menschenmenge nicht erdrückt zu werden. Doch es wird an dieser Stelle nicht berichtet, dass er das in Anspruch nimmt und einfach davonsegelt. Im Gegenteil: Er bleibt und heilt unermüdlich die Kranken und wendet sich den Leidenden zu. Niemand wird “weggedrückt”. 

Für heute will ich mir das vornehmen: Niemanden wegdrücken und auch den geduldig ertragen, der mir querkommt, der mich stört oder von dem ich denke, dass er mir die Ruhe nimmt. Vielleicht ist jemand dabei, für den ich heute heilsam sein kann.