Kepler und der Kosmos
Manchmal schaue ich abends in den Himmel, so richtig, mit Muße. Dann staune ich jedes Mal wieder. Dieser weite Sternenhimmel, ausgebreitet wie ein riesiges Zelt. Tausende kleine leuchtende Lichter, die schon da waren, lange bevor ich geboren wurde. Dieser Himmelsblick erdet mich. Ich werde innerlich ruhiger. Alles wirkt kleiner, aber auf eine gute Weise.
Der Astronom Johannes Kepler kannte dieses Staunen auch. Vor über 400 Jahren hat er versucht, die Ordnung des Himmels zu verstehen - die Bahnen der Planeten, den Kosmos. Und je mehr er forschte, desto klarer wurde ihm: Das alles ist kein Zufall. Deshalb soll er gesagt haben: „Ich dachte Gottes Gedanken nach.“
Ich finde diesen Satz besonders. Kepler gilt als Mitbegründer der modernen Naturwissenschaften. Doch für ihn war damals auch klar: hinter unserem Universum, hinter dem Berechenbaren, liegt noch eine andere, unberechenbare Kraft. Gottes Kraft. Und all das, was um uns ist: ein genialer Gedanke Gottes.
Johannes Kepler wollte so viele dieser Gedanken nachdenken wie möglich. Gleichzeitig ahnte er: wir Menschen werden nie alles verstehen.
Heute können wir vieles wissenschaftlich erklären. Wir kennen die Welt immer besser. Aber manches bleibt ungewiss. Da tut es gut, in den Himmel zu schauen und zu spüren: Das ist alles so viel größer als ich.
Es entlastet zu erkennen, was ich nicht weiß. Es bewahrt vor Hochmut. Und: es hält meine Neugier wach, meinen offenen, interessierten Blick. Für ein Staunen, das nicht sofort Erklärungen braucht. Das mir die Augen öffnet: Die Welt ist so großartig und genial – und ich bin ein kleiner Teil davon. Ein Teil von Gottes genialen Gedanken, die meine weit übersteigen.
Und trotzdem: Wie Johannes Kepler will ich verstehen. Ich bleibe neugierig, suche das Gute dieser Welt. Und schaue nach oben. Vielleicht auch heute Abend. Nur einen Moment. Und spüre die Weite - die mich so wunderbar erdet.