Was macht mich aus?
Vor einer Woche: Lars freut sich auf einen Fußballabend mit seinen Freunden. Weltmeisterschaft, das erste Spiel der Deutschen, gegen Curacao. Lars lehnt sich in seinem Sessel zurück, Getränk in der Hand, Fernseher an. Neben ihm auf dem Sofa sitzen seine alten Freunde Markus und Thomas.
„Na, wenn wir die nicht verhauen, ist was falsch"
„Na, wenn wir die nicht verhauen, ist was falsch", sagt Thomas und lacht. Lars nickt – aber irgendetwas stimmt nicht. Curacao. Er versucht, sich die Insel vorzustellen. Karibik, Sonne, türkisblaues Wasser. Und wie viele Menschen leben dort?
180.000 Einwohner: Ein Land kleiner als Kassel
Er greift zum Handy. 180.000 Einwohner. Lars muss kurz schlucken. Das gesamte Land hat weniger Einwohner als die Stadt Kassel! Und hier sitzen hier drei Männer in einem Wohnzimmer und fiebern diesem ungleichen Spiel entgegen.
Worum geht es beim Fußball eigentlich wirklich?
Lars kommt ein Gedanke, den er nicht mehr loswird. Er fragt: „Worum geht es da eigentlich?" Markus schaut ihn irritiert an: „Was meinst du?" „Na – das hier. Das Spiel. Was hat das mit mir zu tun? Muss ich mich schämen, wenn die Deutschen heute schlecht spielen, weil ich Deutscher bin? Und bin ich irgendwie besser, wenn Deutschland gewinnt?"
Besser drauf sein ist nicht dasselbe wie besser sein
Thomas dreht sich um. „Natürlich bist du dann besser drauf." Lars schüttelt den Kopf: „Besser drauf, ja. Aber besser?" Eine kurze Stille. Dann sagt Markus: „Ich schon, denn ich bin stolz, Deutscher zu sein. Pünktlich, ehrlich, fleißig – das sind keine Klischees, das sind gute deutsche Tugenden. Dazu kommt: Wir können vieles besonders gut, auch Fußball. All das bedeutet mir viel und dafür stehe ich auch persönlich ein."
Deutschland als normales Land: Thomas sieht es anders
Thomas schüttelt den Kopf. „Das sehe ich anders. Deutschland ist doch inzwischen eher ein normales Land mitten in Europa. Und darüber bin ich ganz froh: weder besonders grausam wie in der NS-Zeit, noch besonders vorbildlich wie im Wirtschaftswunder. Sondern einfach ziemlich normal. Von den Nachbarn weder gehasst noch bewundert. Damit fühle ich mich ganz wohl. Deshalb: Stolz – nein. Das Wort klemmt bei mir."
Was bleibt vom deutschen Selbstbild?
Markus antwortet: „Bei mir klemmt es bei etwas anderem. Ich mache mir Sorgen, dass alles schwächer wird, worauf ich als Deutscher stolz bin. Wir machen vieles besser als andere, und ich finde: Das soll auch so bleiben." Thomas sagt: „Da bin ich skeptisch. Aber, selbst wenn es so wäre: Für mich als Person würde das wenig ausmachen. Wenn ich überlege, wer ich bin, denke ich erst einmal an meine Familie und die Arbeit. An meine Werte, meine Haltung. An das, wofür ich morgens aufstehe."
Das Spiel beginnt – und die Frage bleibt offen
Das Gespräch bricht ab, denn das Spiel fängt an. Lars ist gespannt, wie es laufen wird. Aber er weiß nicht mehr genau, warum. Geblieben ist ihm die Frage, was ihn eigentlich ausmacht – als Menschen, als Deutschen, als Lars.
Gespräche beim Frühstück am nächsten Morgen
Am Morgen nach dem Spiel sitzt Lars mit seiner Frau Gaby und Tochter Lisa beim Frühstück. Der Kaffee dampft. Lars erzählt von dem Abend, von Markus und Thomas, von seiner Frage. Was macht mich eigentlich aus? Und was bedeutet dabei das Deutsch-Sein?
Alle Menschen sind vor Gott gleich wertvoll
Gaby hat mit solchen Fragen schon oft zu tun gehabt. Seit vielen Jahren gestaltet sie in ihrer Kirchengemeinde die Kindergottesdienste mit. Da geht es immer wieder um die großen Fragen: Wer bin ich? Was zählt an mir? Deshalb sagt sie: „Das Deutsch-sein finde ich nicht so wichtig. Wichtiger finde ich, was Jesus dazu gesagt hat. Alle Menschen sind vor Gott gleich. Nicht gleich im Sinne von identisch – sondern gleich wertvoll. Nationalitäten, Ethnien, Pässe – das spielt für Gott keine Rolle. Was zählt, ist der einzelne Mensch. Wie er lebt. Was er glaubt. Wie er mit anderen umgeht und mit sich selbst."
Lisas Taufe: Gott ruft jeden Menschen beim Namen
Lars nickt langsam. Dann mischt sich ihre Tochter Lisa ein. Sie ist vor ein paar Wochen konfirmiert worden und hat sich kurz davor taufen lassen. Sie sagt: „Bei meiner Taufe hieß es doch: ‚Fürchte dich nicht! Ich, Gott, habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir'. Das fand ich stark. Damit war in diesem Moment nur ich gemeint. Und klar, das gilt auch für die anderen. Das ist doch das Wichtigste: Dass Gott mich kennt – mich: nicht: die Deutschen?"
Jeder Mensch hat Wert – unabhängig von Leistung und Herkunft
Lars schaut seine Tochter an. Verblüfft über so viel Nachdenklichkeit. Lisa fährt fort: „Wir haben darüber in der Konfi-Stunde gesprochen. Jeder Mensch hat seinen Wert nicht durch das, was er leistet oder woher er kommt. Sondern weil Gott ihn gedacht hat – mit seinem Charakter, seinen Stärken, sogar seinen Macken."
Was kein Fußballergebnis geben oder nehmen kann
Gaby legt die Hand auf den Tisch und ergänzt. „Genau das ist der Punkt. Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Hautfarbe und nicht an seinem Geschlecht. Er hängt daran, dass Gott ihn kennt. Dass er gewollt ist. Das kann dir niemand nehmen. Und das kann dir ein Fußballergebnis weder geben noch nehmen."
Warum spielen Mannschaften bei der WM gegeneinander?
Lars nickt dazu schweigend. Lisa stellt eine Frage, die ihr Vater bestimmt abwegig finden wird: „Papa, wenn wir zuhause abends ein Spiel machen, will jeder von uns gewinnen. Trotzdem spielen wir miteinander. Bei der WM ist das anders. Da spielen die Mannschaften gegeneinander. Warum? Eigentlich soll das doch Spaß machen und nicht so nationalistisch verbissen sein."
Schweigen beim Kaffee
Lars verdreht die Augen sagt: „Lisa…" Dabei denkt er an seine Freunde und ihre Leidenschaft bei den gemeinsamen Fußball-Abenden. Kurze Stille am Frühstückstisch. Gaby freut sich insgeheim über ihre Tochter und lächelt. Lars trinkt einen Schluck Kaffee und sagt nichts. Doch er merkt: Die Frage, was ihn eigentlich ausmacht, ist nicht vorbei. Sie geht mit ihm weiter.
Gedanken kommen in Bewegung
Am nächsten Tag läuft Lars seine Morgen-Runde durch den Wald. Die Luft ist noch kühl, die Vögel laut, die Gedanken klar. Die Frage der letzten Tage läuft mit: Was macht mich eigentlich aus? Lars merkt: da spielt vieles mit hinein - sein Körper, dem er gerade beim Laufen etwas Gutes tut. Seine Gene, sein Gesicht, seine Gesundheit. Sein Beruf, seine Hobbies. Seine Werte. Sein Charakter: Ist er geduldig? Meistens. Ist er gerecht? Er hofft es.
Ein Satz mit Tiefgang
Und dann ist dieser Gedanke wieder da, den Lisa gestern so einfach ausgesprochen hat: ‚Gott hat sich dich ausgedacht'. Dieser Satz hat etwas sehr Schönes. Nicht: „Du musst dich anstrengen, um wertvoll zu sein." Sondern: „Du bist es schon. Von Anfang an."
Was wäre, wenn Wert nicht verhandelt werden müsste?
Lars läuft an einer Lichtung vorbei. Die Sonne bricht durch die Bäume. Was wäre, wenn der Wert eines Menschen gar nicht verhandelt werden müsste? Wenn er einfach da wäre – nicht, weil man ihn sich verdient hat, sondern weil Gott an ihn gedacht hat.
Identität stärken, ohne andere kleiner zu machen
Oft erlebt Lars das anders: Da misst man sich an anderen. Nach dem Motto: Ich bin besser, wenn andere schlechter sind. Aber ich stärke meine Identität nicht, indem ich andere kleiner mache. Nicht: „Ich bin besser als andere" Sondern: „Ich bin ich – weil ich diese Persönlichkeit habe, diese Menschen um mich herum, diese Lebenserfahrungen."
Das Deutschsein: Eine Farbe im Bild, nicht das ganze Bild
Das Deutschsein gehört dazu. Wie eine Farbe im Bild. Aber es ist nicht das ganze Bild. Lars denkt an Lisas Frage, warum bei der WM die Mannschaften gegeneinander spielen und nicht miteinander. Er hatte erst die Augen verdreht. Jetzt, nach drei Kilometern und einem klaren Kopf, findet er den Gedanken klug.
Fußballprofis leben vor, was Gemeinschaft bedeutet
Natürlich gibt es dabei Gewinner und Verlierer. Aber das Miteinander-Spielen – das ist doch das eigentliche. Die Spieler wissen es längst. Jetzt, bei der WM stehen sie sich auf dem Platz zwar gegenüber. Aber danach spielen sie wieder international gemischt in ihren Vereinen. Sie kennen sich als Teamkollegen, sie respektieren sich, sie feiern auch gemeinsam.
Nächstenliebe beginnt dort, wo man aufhört zu vergleichen
Lars biegt auf den Heimweg ein. Er hat keine fertige Antwort auf die Frage, wer er ist. Aber er spürt: Schon die Frage selbst ist gut. Und wer dabei nicht sofort auf sein Land, seine Wirtschaft oder sein Ergebnis zeigt, ist auf dem richtigen Weg. Vielleicht fängt Nächstenliebe genau dort an. Wenn man aufhört, den eigenen Wert auf Kosten anderer zu berechnen.