Von Banias nach Rom: Wenn aus einem Fischer ein Fels wird
Manchmal bleibt von einer Reise ein ganz bestimmtes Bild zurück. Bei mir ist es eine Felswand. Vor einigen Jahren war ich mit einer Gruppe von Priestern im Heiligen Land unterwegs. Wir kamen nach Caesarea Philippi, dem heutigen Banias, ganz im Norden Israels, am Fuß des Hermon. Schon die Landschaft ist beeindruckend. Eine mächtige Felswand ragt vor einem auf. In ihren Nischen und Höhlen verehrten Menschen vor zweitausend Jahren den Hirtengott Pan. Ein antikes Heiligtum lag hier, wo sich Fels und Wasser begegnen.
Eine bedeutungsvolle Felswand in Banias
Und dann das Wasser. Aus dem Quellgebiet kommt der Banias. Einer der Quellflüsse des Jordan. Kein Rinnsal, sondern ein kräftiger Fluss, der sich durch ein grünes, bewaldetes Tal seinen Weg bahnt. Wir sind damals am Wasser entlanggewandert. Ich erinnere mich an das Plätschern und Rauschen, an das Licht, das durch die Blätter fiel, an die Felsen am Weg und an die kühle Luft in der Nähe des Wassers. Und während wir dort gingen, habe ich mir vorgestellt, wie Menschen hier vor fast zweitausend Jahren unterwegs waren. Auch Jesus war hier.
Der Evangelist Matthäus erzählt, dass Jesus mit seinen Jüngern gerade in dieser Gegend von Caesarea Philippi unterwegs ist. Und dort stellt er ihnen eine ungewöhnliche Frage: Was sagen eigentlich die Leute über mich? Die Jünger nennen verschiedene Antworten.
Die entscheidende Frage Jesu am Fels
Aber Jesus möchte mehr wissen. Er fragt sie: „Und ihr – für wen haltet ihr mich?“ Simon antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und dann sagt Jesus zu ihm: „Du bist Petrus.“ Petrus – das bedeutet: Fels.
Und ich stelle mir vor, wie Jesus dabei vielleicht auf diese gewaltige Felswand hinter ihnen geschaut hat. Vielleicht hat er einfach ein Bild aufgegriffen, das vor ihren Augen lag: dieser Fels. Unübersehbar. Fest. Beeindruckend. Und dann schaut Jesus diesen Simon an und sagt: Du bist Petrus. Du bist Fels.
Ich finde dieses Bild faszinierend. Denn Simon selbst wirkt zunächst gar nicht wie ein Fels. Er ist Fischer. Ein ganz normaler Mensch. Einer, der Jesus begeistert folgt und manchmal nicht versteht, was Jesus eigentlich will. Einer, der mutig sein kann und dann wieder Angst bekommt.
Vom Fischer zum Felsen: Was Gott in uns sieht
Einer, der große Worte macht und später versagt. Und trotzdem gibt Jesus ihm diesen Namen. Vielleicht weil Jesus in Simon etwas sieht, das Simon selbst noch nicht sehen kann. Vielleicht ist das überhaupt eine besondere Fähigkeit Gottes. Er sieht in einem Menschen nicht nur das, was jetzt ist. Er sieht auch, was werden kann.
Ich denke dabei an diesen Ort in Banias zurück. An die Felswand. An das Wasser. Und an diesen Gedanken: Wie oft sehen wir eigentlich nur den Anfang einer Geschichte – und nicht das, was daraus einmal werden kann?
Musik
Wenn ich an Petrus denke, sehe ich ihn nicht zuerst in Rom. Ich sehe ihn am See Genezareth. Dort beginnt sein eigentliches Leben. Ein Fischer, der den See kennt, die Boote, die Netze, die mühsamen Nächte, in denen kaum etwas im Netz ist.
Petrus am See Genezareth – Der Anfang seiner Berufung
Und dann kommt Jesus. Das Leben dieses Fischers bekommt eine neue Richtung. Aus Simon wird Petrus. Fels. Aber dieser Mensch Petrus ist nicht perfekt. Er glaubt und zweifelt. Er versteht und missversteht. Er kann mutig ein und bekommt dann Angst. Er steht zu Jesus und verleugnet ihn später. Und trotzdem hält Jesus an ihm fest. Jesus sieht in diesem Menschen mehr, als Petrus selbst sehen kann.
Ich musste Jahre später wieder an diesen Petrus denken. Da stand ich im Petersdom in Rom. Man betritt diese Kirche und fühlt sich fast ein wenig verloren. Alles ist gewaltig. Die Säulen. Der Marmor. Die Höhe. Und dann schaut man hinauf in diese riesige Kuppel.
Die Inschrift unter der Kuppel
Und dort oben stehen in gewaltigen Buchstaben genau die Worte, die Jesus damals zu Petrus gesagt hat: „TU ES PETRUS ET SUPER HANC PETRAM AEDIFICABO ECCLESIAM MEAM“ - „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“
Ich habe diese Worte natürlich gekannt. Aber plötzlich standen sie in einem völlig anderen Zusammenhang vor mir. Denn unter dieser gewaltigen Kuppel befindet sich das Grab des kleinen Fischers vom See Genezareth - das Grab des Petrus.
Und ich sehe ich den Weg vor mit: Rom. - Petrus. - Der See Genezareth. - Der Jordan. - Und ganz oben im Norden: Banias. - Eine Felswand. - Ein Quellfluss. - Ein Ort, an dem ich selbst einmal gestanden habe.
Von Banias nach Rom - ein unscheinbarer Anfang wird Geschichte
Was für ein Weg! Und wie unscheinbar dieser Anfang eigentlich war. Ein Fischer. Ein Boot. Ein paar Netze. Ein Mensch, dem Jesus einen neuen Namen gibt. Wir möchten oft schon am Anfang wissen, was daraus einmal wird. Das gilt für einen Beruf. Für eine Freundschaft. Für eine Begegnung. Und manchmal auch für einen Menschen.
Ich erlebe das selbst bei Vorstellungsgesprächen, wenn jemand als Erzieherin in unserem Kindergarten anfangen möchte oder für eine Aufgabe in unseren Kirchengemeinden zu mir kommt. Man liest einen Lebenslauf, spricht über Erfahrungen und Vorstellungen.
Menschen neu sehen – was könnte aus ihnen werden?
Aber manchmal entdeckt man in diesem Gespräch mehr als nur die Frage: Passt dieser Mensch zu der Aufgabe? Man bekommt einen kleinen Einblick in einen Menschen. Und manchmal denkt man: Da steckt mehr drin. Vielleicht ist das eine gute Weise, Menschen anzuschauen. Nicht nur zu fragen: Was kann dieser Mensch schon? Sondern auch: Was könnte aus diesem Menschen werden?Denn genau so scheint Jesus Simon anzuschauen.
Musik
Vielleicht erleben wir solche Momente viel häufiger, als wir denken. Auch in meinen Gesprächen als Dechant mit Frauen und Männern im pastoralen Dienst geht es immer wieder nicht nur um Aufgaben und Arbeitszeiten. Es geht um Freude und um Enttäuschungen.
Gespräche über Leben und Möglichkeiten
Um das, was jemand gerne tut. Und manchmal auch um die Frage: Wo liegen eigentlich die Möglichkeiten, die in diesem Menschen stecken? Aber dafür muss man miteinander ins Gespräch kommen. Man muss zuhören.
An diesem Sonntag wird das für mich ganz konkret. Eine meiner Pfarrgemeinden feiert Pfarrfest. Wenn ich an solche Feste denke, sehe ich nicht zuerst das Festprogramm - ich sehe Menschen.
Ein Pfarrfest so bunt wie die Menschen, die es möglich machen
Schon am Morgen werden Tische und Bänke aufgestellt Die Grillstation wird aufgebaut, in der Küche wird vorbereitet, Kuchen werden gebracht, Getränke werden geschleppt. Später wird ausgeschenkt, gekocht, bedient und wieder aufgeräumt und zwischendrin wird gelacht. Menschen kommen miteinander ins Gespräch.
Manche, die sich bisher nur vom Sehen kennen, lernen einander plötzlich näher kennen. Vielleicht entdecken man dabei eine Seite an einem Menschen, die man bisher gar nicht wahrgenommen hat. Auch das sind kleine Anfänge.
Ein Einfaches: „Wie geht es Dir?“
Und genau daran muss ich denken, wenn ich eine Begegnung aus meinem Alltag vor Augen habe. Da arbeitet eine Frau seit Jahren in einem Betrieb mit anderen zusammen. Ein Kollege ist in letzter Zeit immer stiller geworden. Er sitzt in der Mittagspause allein. Die anderen bemerken es auch. Aber jeder denkt: Das geht mich nichts an. Bis sie sich eines Tages zu ihm setzt. Keine große Rede. Nur ein Satz: „Wie geht es dir eigentlich?“ Es kommt zuerst nur: „Gut.“ Aber dann, nach einer Weile: „Eigentlich nicht.“ Und plötzlich beginnt ein Gespräch. Vielleicht verändert dieses Gespräch noch nicht die ganze Welt. Aber vielleicht ändert es den Tag dieses Menschen. Und wer weiß, vielleicht sogar sein Leben. Das ist vielleicht das Spannende an jedem Anfang: Wir wissen nicht, was daraus werden kann.
Ich denke noch einmal an Banias. An die Felswand. An das Wasser, das dort aus dem Quellgebiet kommt und seinen Weg beginnt. An den Jordan. An den See Genezareth. An Simon, den Fischer. An Petrus, den Felsen. Und schließlich an die gewaltige Kuppel in Rom. Dazwischen liegen Jahrhunderte. Und trotzdem gehört alles zu einer Geschichte.
Gott sieht, was aus uns werden kann
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig sein mit unserem Urteil über Menschen. „Der ist eben so.“ „Die kann das nicht.“ „Aus dem wird nichts.“ Vielleicht sehen wir manchmal nur das, was gerade ist. Gott sieht vielleicht schon, was werden kann.
Und vielleicht gilt das auch für uns selbst. Vielleicht gibt es in unserem Leben gerade einen unscheinbaren Anfang. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Eine Aufgabe. Ein Mensch, dem wir eine Chance geben. Oder einfach ein kleines Ja.
Wir wissen nicht, wohin es führt. Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht wissen. Petrus wusste damals am See Genezareth auch nicht, wohin sein Weg führen würde.
Kleine Schritte – große Wirkung
Und niemand hätte damals ahnen können, dass sein Name einmal in riesigen Buchstaben unter der Kuppel des Petersdoms stehen würde.
Vielleicht ist das die Einladung dieses Sonntags: Schauen wir einander nicht nur danach an, was wir heute sind. Schauen wir ein wenig danach, was aus uns werden könnte. Und unterschätzen wir die Anfänge nicht. Denn manchmal beginnt etwas Großes ganz unspektakulär. Mit einem Gespräch. Mit einem Menschen, der uns etwas zutraut. Mit einem ersten Schritt. Oder einfach mit einem kleinen Ja. Wir wissen nicht, was daraus werden kann. Aber Gott weiß es ganz sicher …