hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Woernle, Hannah

Eine Sendung von
Hannah Woernle,
Evangelische Pfarrerin in Alsbach/Bergstraße

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Eine schwangere Frau steht in einem blühenden Feld. Sie trägt ein rotes Kleid mit Blumenmuster und lächelt sanft. Ihre Hände legen sich auf ihren runden Bauch, während sie in die Kamera blickt. Der Hintergrund zeigt eine sanfte, grüne Landschaft.

Mit Gott durch die Kinderwunschzeit

Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze im Schlafanzug auf dem Teppich im Wohnzimmer und bin noch nicht ganz wach. Währenddessen ist mein kleiner Sohn schon putzmunter. Er baut Türme aus bunten Bauklötzen und schmeißt sie voller Elan wieder um. Zwischendurch strahlt er mich an und klatscht fröhlich in die Hände, als wollte er sagen: „Guck mal, was ich schon kann!“

Ein langer Weg zum Wunschkind 

Was für ein Segen, dass es dieses Kind gibt, denke ich bei mir. Das ist nicht selbstverständlich. Der Weg dahin war nämlich schwer. Mehrere Jahre haben mein Mann und ich gehofft und gebetet, dass ich endlich schwanger werde.

Unerfüllter Kinderwunsch: Viele fühlen sich allein

Wir fühlten uns damit alleine. Bei so vielen Freunden schien es problemlos zu klappen. Manche haben sich bewusst gegen Kinder entschieden und sind glücklich damit. Aber andere Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch? Denen begegneten wir kaum. 

Dabei weiß ich eigentlich: Das Thema betrifft viele Menschen. Gleichgeschlechtliche Paare, die über Adoption oder eine Samenspende nachdenken. Alleinstehende, die sich nach Kindern sehnen. Frauen, die Fehlgeburten erlebt haben. Paare, bei denen es einfach länger dauert, bis sie schwanger werden. Und Paare wie uns, bei denen es nur mit medizinischer Unterstützung klappt. 

Wenn gut gemeinte Ratschläge zusätzlichen Druck machen

Ich glaube, es hätte mir damals gutgetan, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Aber die wenigsten sprechen offen über ihren unerfüllten Kinderwunsch. Auch ich habe das damals nur mit ganz engen Freundinnen geteilt. Ich hatte Sorge, von anderen mitleidige Blicke zu ernten. Oder noch schlimmer: Gut gemeinte Ratschläge, wie: „Du musst dich nur entspannen!“ Solche Empfehlungen haben mir nur noch mehr Druck gemacht.

Was mir stattdessen geholfen hat: Freundinnen, die mich ganz offen gefragt haben: „Was brauchst du gerade? Willst du erzählen, wie bei euch der Stand ist? Oder ist dir eher nach Ablenkung?“ Das tat gut.

Glaube und Kinderwunsch: Gott trotz Zweifel vertrauen

Auch mein Glaube hat mir geholfen. Obwohl ich in dieser Zeit manchmal mit Gott gehadert habe. Ich habe mich gefragt: „Warum passiert mir das? Warum kann ich nicht so einfach schwanger werden, wie viele andere Frauen in meinem Umfeld? Wird Gott mir jemals ein Kind schenken? Oder muss ich mich von diesem Lebenstraum verabschieden?“

Hagar in der Wüste: „Du bist ein Gott, der mich sieht“

Eine Geschichte aus der Bibel ist mir in dieser Zeit wichtig geworden. Von einer Frau - Hagar heißt sie. Auch ihre Zukunft ist ungewiss. Sie erwartet zwar ein Kind, aber sie kann sich nicht richtig freuen. Denn Hagar ist eine Sklavin mit wenig Rechten. Und sie fürchtet, dass die Frau, für die sie arbeitet, ihr das Kind wegnehmen wird.

Sie flieht deswegen in die Wüste. Dort trifft sie einen Engel Gottes. Vielleicht hofft Hagar, dass er sie an einen sicheren Ort führt, wo sie ihr Kind unbesorgt großziehen kann. Aber stattdessen sagt der Engel: „Geh zurück zu deiner Herrin.“ Hagar ist besorgt. Sie weiß nicht, was sie und ihr Kind dort erwartet. Aber sie geht trotzdem zurück in dem Vertrauen: Gott hat ein Auge auf mich. Und sie sagt zu ihm: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mose 16,13)

Musik

Hagars Überzeugung berührt mich. Gott gibt ihr keine Garantie, dass für sie und ihr Kind alles gut wird. Trotzdem findet sie das Vertrauen: Gott sieht mich und bleibt an meiner Seite. Egal, wie der Weg weitergeht.

Kinderwunsch und Enttäuschung: Monat für Monat hoffen

In der Kinderwunschzeit wusste ich auch nicht, wie unser Weg verlaufen würde. Es gab keine einfachen Lösungen. Stattdessen Monat für Monat dieselbe Enttäuschung: Es hat wieder nicht geklappt. Das war schwer auszuhalten. Hagars Glaube war da auch für mich ein Trost: Du bist ein Gott, der mich sieht. Mein Mann und ich gehen diesen Weg nicht alleine. Auch, wenn wir am Ende kinderlos bleiben sollten: Gott denkt an uns und bleibt uns nah. 

Kinderwunschklinik und medizinische Unterstützung

Diese Hoffnung war für mich auch dann wichtig, als mein Mann und ich in eine Kinderwunschklinik gegangen sind. Das war kein leichter Schritt. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Aber dort wurde uns geholfen. Nach einigen Behandlungen war ich tatsächlich schwanger. Neun Monate später haben wir unser Kind bekommen.

Kinderwunschbehandlung: Dankbarkeit nach einem langen Weg

Mittlerweile kenne ich viele Eltern, die einen ähnlichen Weg hinter sich haben. Als Pfarrerin begegnen mir Menschen, die davon erzählen. Aber auch auf Spielplätzen und in der Krabbelgruppe stelle ich fest: Im Nachhinein sprechen viele offen darüber, wie lang der Weg zum eigenen Kind war. Wie viel Kraft er damals gekostet hat. Und wie groß die Dankbarkeit ist, wenn sich der Kinderwunsch auf dem einen oder anderen Weg dann doch erfüllt hat.

Künstliche Befruchtung: Lenas achtjähriger Kinderwunsch

Lena zum Beispiel erzählt: Acht Jahre hat es gedauert, bis sie endlich schwanger war. Acht Jahre und sieben künstliche Befruchtungen. Ich staune. Was für ein harter Weg! Schließlich weiß ich: So eine künstliche Befruchtung ist nicht ohne. Die Behandlungen sind belastend - körperlich und emotional.

Ich frage Lena: „Wie konntest du so lange die Hoffnung behalten, dass es noch klappen würde?“. Sie sagt: „Naja, ehrlich gesagt war da nicht mehr viel Hoffnung. Nur noch ein letzter Versuch, das war der Plan. Dass ich dann tatsächlich schwanger geworden bin: Das ist eigentlich ein Wunder.“ Ich beobachte unsere beiden Kinder, die gerade miteinander spielen, und stimme ihr aus tiefstem Herzen zu: „Ja, was für ein Wunder!“ Denn das empfinde ich genauso. 

Wenn ein langer Kinderwunsch doch noch erfüllt wird

Lena und ich haben beide erfahren, dass sich Kinder nicht einfach planen lassen. Das liegt nicht in unserer Hand. Die moderne Medizin hat uns beiden zwar auf dem Weg geholfen – aber auch sie kann nicht dafür garantieren, dass am Ende tatsächlich ein Baby geboren wird. Wenn es dann doch passiert, dann bleibt das ein Wunder. Gott hat uns diese Kinder geschenkt. Auch, wenn sie auf besonderem Wege zu uns gekommen sind. 

Musik

Lena und ich sind unglaublich dankbar für unsere Kinder. Gleichzeitig wissen wir: Nicht für alle erfüllt sich der Traum vom Kind. Auch ich habe mich oft gefragt: Was, wenn wir am Ende trotz allem kinderlos bleiben?

Kinderlosigkeit: Wenn der Lebenstraum nicht erfüllt wird

Hoffnung haben mir da Paare wie Heike und Bernd gemacht. Wir kennen uns schon lange und treffen uns hin und wieder auf einen Kaffee. Heike zeigt mir ein Foto auf ihrem Handy. Darauf sind die beiden zu sehen, zusammen mit einem kleinen, blonden Mädchen. Es trägt eine Krone aus Stoff auf dem Kopf. Darauf ist eine große 4 genäht. 

Heike und Bernd: Ein erfülltes Leben ohne eigene Kinder

Heike lacht: „Das war vielleicht ein trubeliger Kindergeburtstag! Die Kleine kam aus dem Strahlen gar nicht mehr raus.“ Das Kind auf dem Foto ist die Enkelin von Freunden. Heike und Bernd haben weder eigene Kinder noch Enkelkinder. Sie freuen sich, dass sie die Familien ihrer Freunde wachsen sehen und zu manchen Feiern eingeladen werden. 

Heike erzählt: „Das war nicht immer so. Lange habe ich darunter gelitten, dass alle eine Familie gründen konnten – nur wir nicht. Dabei haben Bernd und ich uns so sehr Kinder gewünscht. Aber es sollte nicht sein. Wir haben gelernt, damit umzugehen.“

Familie kann viele Formen haben

Auch heute gibt es manchmal Momente, in denen sich Heike fragt, wie ihr Leben mit eigenen Kindern wohl aussehen würde. Aber sie sagt auch: „Gott hat mir die Augen dafür geöffnet, dass es so viele Weisen gibt, ein gutes Leben zu führen.“

Bernd geht in seinem Job als Berufsschullehrer auf. Er trägt so dazu bei, dass junge Menschen auf einen guten Weg kommen. Und Heike engagiert sich neben ihrem Beruf in der Kommunalpolitik. Beide haben Wege gefunden, wie sie andere Menschen positiv prägen und zu einem guten Leben beitragen. 

Freundschaften, Patenschaften und ein anderes Familienleben

Und ich denke an das Foto von dem Kindergeburtstag: Heike und Bernd haben auch ohne eigene Kinder eine Familie. Sie haben ein enges Netz aus Freundschaften und Patenschaften. Das trägt und erfüllt sie. Auch, wenn sie früher von einer anderen Art Familie geträumt haben.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das ist kein Versprechen, dass jeder Lebensplan aufgeht. Aber eines, dass Gott Menschen wahrnimmt und begleitet, egal wie das Leben verläuft. Gott sieht die Zuversicht, die Heike und Bernd trotz allem gefunden haben, als sie ihren Kinderwunsch aufgeben mussten. Er sieht die Freude über Kinder wie die von Lena und mir, die lange ersehnt wurden. Und er sieht die Hoffnung von den Menschen, die sich gerade ein Kind wünschen. Gott geht mit – wo auch immer der Weg hinführt.