Ein Ort für Sternenkinder
Weiße Hortensien, weiße Geranien, weiße Rosen und Ox-eye Daisy, auf Deutsch Wiesenmargeriten. Weiße Blüten, wohin ich schaue. Ich sitze auf einer Bank im „Weißen Garten“. Er gehört zum Friedhof von Folkestone in Südengland. Eine Tafel am Eingang erzählt seine Geschichte. Der Garten wurde vor vier Jahren gepflanzt und erinnert an „born sleeping babies“, an schlafend geborene Babys.
Eltern bleiben Eltern
Medizinisch spricht man von Abort, Fehlgeburt oder Totgeburt. Einige Eltern nennen ihr tot geborenes Baby „Sternenkind“. Es war da. Es hat Wochen, vielleicht Monate im Bauch der Mutter gelebt. Seine Eltern waren Eltern auch schon in der Schwangerschaft. Sie haben sich mit dem Gedanken vertraut gemacht: Bald werden wir unser Kind in den Armen halten. Aber es kam, um zu gehen. Es ist wieder zu den Sternen geflogen. Sternenkind.
Die Geschwister, die fehlen
Meine Mutter hatte zwei Fehlgeburten. Meine Eltern dachten schon, sie könnten keine Kinder bekommen. Der Arzt hat zu ihnen gesagt: „Machen Sie sich keine Sorgen! Ich kenne viele Paare, die erst Fehlgeburten hatten und dann Kinder bekommen haben.“ So kam es glücklicherweise dann auch: Wir sind vier Geschwister. Und doch hat es mich als Kind beschäftigt, als meine Eltern uns erzählt haben: Wir hätten eigentlich noch zwei weitere Geschwister. Wer waren sie? Sie wären drei, vier Jahre älter als ich. Wie sähen sie aus? Hätte ich mich mit ihnen verstanden?
Trauer braucht Zeit und einen Ort
Die Tafel im Weißen Garten auf dem Friedhof in Folkestone erzählt auch: Früher wurden still geborene Babys manchmal gleich weggenommen, bevor die Mutter und der Vater ihr Kind im Arm halten und sich verabschieden konnten. Heute weiß man, wie wichtig es ist zu trauern. Trauer hat mit Begreifen zu tun. Mit Berühren und Anfassen. Dem Kind Zeichen der Liebe mitgeben, auch wenn es nur ganz kurz gelebt hat. Wahrnehmen, dass da ein kleiner Mensch war. Dass seine Eltern Eltern sind – und es bleiben. Auch in Deutschland hat sich vieles verändert. Früher wurden Fehl- und Totgeburten entsorgt. Inzwischen haben Eltern ein Bestattungsrecht, unabhängig davon, in welcher Phase der Schwangerschaft ihr Kind gestorben ist. Klinikseelsorger und Pfarrerinnen gestalten mit den Eltern Trauerfeiern für ihre Sternenkinder.
Erinnerungsgarten in Folkestone - Raum fürs Gebet
Und es gibt Orte wie den Weißen Garten in Folkestone. Ehrenamtliche haben ihn für trauernde Eltern angelegt. Ein Erinnerungsgarten für alle, die eine Weile auf der Bank sitzen wollen mit ihren Gedanken und Gefühlen. Vielleicht mit einem Gebet für ihr Sternenkind. Weiße Hortensien, weiße Geranien, weiße Rosen und Wiesenmargeriten. Für die, die da waren. Die unser Leben für immer berührt haben, auch wenn es nur kurz war.