U2: I Still Haven’t Found What I’m Looking For
Musik 1
Habe ich schon das gefunden, wonach ich suche?
Ich stehe mitten im Leben, gerade 30 geworden und glaube, ich habe schon wichtige Meilensteine erreicht. Ich bin verheiratet mit einer wundervollen Frau, habe eine unbefristete Arbeitsstelle. Also von außen gesehen alles perfekt. Wenn ich auf die nächsten 30 Jahre blicke, stelle ich mir aber schon die Fragen: Was will ich erreicht haben in meinem Leben? Werde ich gesund bleiben? Werden wir in Sicherheit und einem gewissen Wohlstand leben können?
Ein ehrliches Eingeständnis
Ich merke, dass ich unsicher bin, Zweifel habe: Wer weiß schon, was in 30 Jahren sein wird?
Dazu passt für mich der Song „I still haven’t found what I’m looking for“ von U2. Der Sänger von U2, Bono, hat dieses Lied in einem Interview: die „Hymne des Zweifels“ genannt, einen Gospelsong mit ruhelosem Geist. Ich finde, der Song ist ein ehrliches Eingeständnis: Ich bin unterwegs. Ich hab’s noch nicht „fertig“. Das spüre ich gerade in der ersten Strophe, in der es heißt: „Ich bin auf die höchsten Berge geklettert, über Felder gerannt, hab Mauern überwunden, nur um bei dir zu sein.“
Musik 2
"Ich bin auf die höchsten Berge geklettert,
bin über die Felder gerannt,
nur um bei dir zu sein.
Ich bin gerannt, gekrochen,
hab alle Mauern der Stadt überwunden,
nur um bei dir zu sein."
Der Song ist 1987 erschienen, auf dem Album „The Joshua Tree“ von U2. Die Band kommt aus Dublin, drei der vier haben eine intensive christliche Prägung und waren in einer charismatischen Gemeinschaft, kannten Bibel und Gebet also in- und auswendig. Sie wollten aber nie eine fromme Nischen‑Band sein, sondern mitten in der Rockmusik von Gott, Gerechtigkeit und Zweifel singen.
Ich stelle mir vor: Als Rockstar hat Bono mit seiner Band oft auf der Bühne gestanden. Hat auf Menschenmassen heruntergeschaut, die ihm zugejubelt haben. Aus meiner Sicht haben sie mit dieser musikalischen Leistung schon so einige Berge erklommen.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
1987 war Bono übrigens schon seit 5 Jahren mit seiner Frau verheiratet. Jahre später beschreibt er die damalige Situation mit den Worten: „Wir waren Partner auf Augenhöhe in einem Abenteuer, was wir noch nicht ganz begriffen hatten.“
Ich kann mir das gut vorstellen: Auf der einen Seite das Ideal einer Partnerschaft, in der ich viel Zeit miteinander verbringe. Auf der anderen Seite die Karriere, die mich immer wieder zu neuen Orten und je nachdem auch weg von meinem Partner führt. Als junge Rockstars war für Bono und seine Band Vieles in Bewegung und nichts so ganz sicher.
Die Bandgeschichte von U2 erzählt: Sie hatten eine Krise, wollten sich trennen. Aber dann haben sie als Band doch neu angefangen und aus dieser Spannung heraus sind viele ihrer stärksten Lieder entstanden.
Für mich zeigt sich die Unsicherheit besonders im Refrain. Da ist dieses Suchen, dieses Fragen. Das sind keine fertigen Antworten, die ich einfach nur abspielen muss: Ich habe noch nicht gefunden, wonach ich gesucht habe. Und die große Frage ist: Weiß ich eigentlich, wonach ich suche?
In der zweiten Strophe sucht der Sänger nach Partnerschaft, Nähe und Liebe. Bono macht hier für mich die Frage auf: Hab ich Menschen gefunden, die mein Herz höher schlagen lassen?
Musik 3
"Ich hab’ honigsüße Lippen geküsst,
hab die heilende Wirkung ihrer Fingerspitzen gespürt,
Es hat gebrannt wie Feuer,
diese brennende Begierde"
Ich habe Honiglippen geküsst, heilende Fingerkuppen berührt, brennendes Verlangen gespürt.
Mit Bono begebe ich mich auf diese Sinnsuche: Klar, in meiner Jugend habe ich auch eher das Glück in allem gesucht, was man anfassen oder besitzen konnte. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Monate, in denen ich richtig verknallt war. Da war auch dieses brennende Verlangen.
Da bin ich auch wie Bono über Mauern gesprungen, stundenlang gefahren oder sogar nachts ins Schwimmbad, nur um mit meiner Flamme zusammen zu sein. Mittlerweile sind diese starken, brennenden Gefühle abgeflaut und einer - ich würde sagen „erwachsenen“ - Liebe gewichen.
Musik 4
"Ich hab mit Engelszungen gesprochen,
hab die Hand eines Teufels gehalten"
Es stecken so viele biblische Bezüge in dem Song:
Die Engelszungen zum Beispiel: Die erinnern mich an den 1. Korintherbrief in der Bibel, wo es lang um die Liebe geht, oft wird die Stelle auch bei Hochzeiten gelesen: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“ (1 Kor 13,1 EÜ) Wenn alles glatt geht meiner Beziehung, wir geduldig miteinander sind, dann ist alles super. Bono spricht hier von den schönen Seiten einer Beziehung. Wenn ich den andern einfach verstehe.
Das höchste der Gefühle
In charismatischen Kreisen – in denen Bono aufgewachsen ist – werden die Engelszungen gerne im Kontext von intensiven Glaubenserfahrungen genannt. Also auch hier: das höchste der Gefühle, was er beschreibt.
Dann heißt es da im Song: Ich hab die Hand des Teufels gehalten. Der Teufel steht in der christlichen Tradition für die Versuchung oder auch das Böse. Momente, in denen ich falsch gehandelt habe, andere Menschen verletzt habe oder auf falsche Versprechungen reingefallen bin.
Musik 5
"Es war warm in der Nacht
Ich war kalt wie ein Stein."
Warm und kalt: Für Bono kann sogar beides gleichzeitig sein. Dieser komische Widerspruch: Es ist nachts warm, aber er fühlt sich kalt, vielleicht auch einsam. Nach der Euphorie kommt die Ernüchterung. Ich sehe in den kurzen, irritierenden Zeilen folgendes: Ich bin kalt wie ein Stein, obwohl ich eine liebenswürdige Person neben mir habe. Wenn ich mich gestritten habe. Oder wenn ich eine große Sinnkrise in meinem Leben habe, meinen Job verliere. Ich habe noch mein warmes Bett, aber innerlich geht’s mir ganz anders.
Auf seiner Suche nach Bedeutung bleibt Bono aber nicht stehen. Er geht weiter:
Musik 6
"Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche...
Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche..."
Musikalisch ist „I still haven’t found what im looking for“ stark vom Gospel beeinflusst. Die Chorstimmen, diese suchende, vorwärtsdrängende Rhythmik, finde ich sehr spannend. Es untermalt den ruhelosen Geist, der immer weiter vorwärts geht im Leben. Und eben noch nicht das gefunden hat, wonach er gesucht hat.
Musik 7
"Ich glaube daran, dass das Königreich kommen wird,
dann werden sich alle Farben zu einer vermischen.
Nun ja, ich laufe immer noch
Du hast diese Bande gebrochen
und die Ketten gelöst,
hast das Kreuz getragen,
das Kreuz meiner Schande.
Du weißt, ich glaube daran."
Die dritte Strophe: Bono bekennt hier den Kern der christlichen Hoffnung: Das Königreich Gottes, das kommen wird, und dass Jesus sein Kreuz getragen hat – seine persönliche Schande. Ein riesiges Fass, was er damit aufmacht. Was nicht schon Bücher gefüllt wurden, mit Theorien dazu. Spannend ist auch: Bono spricht in dieser Strophe jemanden direkt an. Du hast die Ketten gelöst, das Kreuz getragen und du weißt, ich habe daran geglaubt.
Wie ein Gespräch mit einer Freundin
Und trotzdem ist dieses „du“, dieses geheimnisvolle „you“, nie eindeutig festgezurrt: Ist es Gott? Jesus? Ein Mensch? Oder die eine große Liebe? Aus meiner Sicht liegt es zwar nahe, dass es ein Gespräch mit Gott ist, denn Kingdome come, das kommende Königreich, ist ein klar christlicher Begriff. Genauso natürlich das Kreuz, welches getragen wird, mit Jesus in Verbindung steht. Aber so ganz sicher bin ich mir auch nicht. Die letzte Zeile bringt für mich wieder diese Weite rein. Es ist wie ein Gespräch mit einer Freundin: Du weißt, ich glaube daran.
Aber was ich toll finde: Bono lässt offen, wonach er konkret sucht.
Musik 8
"Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche...
Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche..."
Ich finde, der Refrain dieses Songs von U2 passt genau in Lebensphasen, in denen ich große Umbrüche erlebe. Sei es, das bisher Festgeglaubtes nicht mehr gültig ist. Die Kinder zum Beispiel das Haus verlassen, die Eltern gepflegt werden müssen, eine Beziehung zu Bruch geht.
„I still haven’t found what I’m looking for” – ich sehe darin eine Einladung, mich weiter auf den Weg zu machen. Auch im Alter noch genauso offen durchs Leben zu gehen, wie ich es in meiner Jugend getan habe. Eine gute Haltung, immer wieder neu zu schauen: Was suche ich jetzt? Neue Aufgaben und Herausforderungen? Mehr Tiefe in Beziehungen oder Spiritualität?
Nicht stehenbleiben
Bono macht sich auch immer wieder neu auf den Weg im Lied. Äußerlich, wenn er rennt oder auch küsst. Aber vor allem innerlich, wenn er auf das schaut, was ihm Hoffnung gibt. Gerade, wenn sich alles verändert im Leben, tut es gut, nach vorne zu blicken. Ich darf Neues wagen, ein neues Hobby, neue Beziehungen und offen für Neues sein. Dann bin ich kein Opfer von Veränderung, sondern verändere selbst mein Leben. Ich darf auch zweifeln. Wichtig ist, dass ich nicht stehenbleibe.
Auf der Suche bin ich nicht allein, denn ich weiß: viele andere sind auch auf der Suche. „I still haven’t found what I’m looking for“ ist wirklich eine Hymne des Zweifels. Aber eben eine hoffnungsvolle Hymne, denn hinter den ursprünglichen Zielen wartet schon das nächste.
Musik 9
"Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche...
Aber ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche..."