hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Meier, Johannes

Eine Sendung von
Johannes Meier,
Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel

Eine neblige Straße verläuft durch einen Wald. Die Umgebung ist grün, mit herabgefallenen Blättern auf dem Asphalt. Die Sicht ist eingeschränkt und erzeugt eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Peter Gabriel: Mercy Street

Anne hat Träume. Kleinmädchenträume, wie sie vielleicht typisch sind für die Zeit der frühen 50er Jahre. Sie träumt nicht von der weiten Welt, nicht von Ruhm oder Rampenlicht. Sie wünscht sich einfach nur einen gutaussehenden Mann, der ihr einen Ring an den Finger steckt, der sie mitnimmt in ein schmuckes Einfamilienhaus in der Vorstadt und dem sie dann ein bis zwei süße Kinder schenken kann. Ein Leben wie in der Margarine- und Waschmittelwerbung. 

Als sich dann tatsächlich der erste ernsthaft für sie interessiert, geht sie ohne zu zögern mit, heiratet ihn, wird schließlich brav zur Vorstadtehefrau. Adretter Vorgarten, klar verteilte Rollen. Sie trägt Petticoat, er die Aktentasche. Die Kinder kommen. Sie kocht, er geht zu Arbeit. Alles verläuft nach Plan. Annes Traum ist in Erfüllung gegangen.

Looking down on empty streets, all she can see

Are the dreams all made solid

Are the dreams made real

All of the buildings, all of the cars

Were once just a dream

In somebody's head

Wenn sie die leere Straße hinunterschaut kann sie all die

selbstverwirklichten Träume sehen, all die Träume, die wahr

geworden sind.

Diese Häuser und all die Autos 

 einst waren sie nur Träume,

die irgendjemand im Kopf hatte.

Aber irgendetwas stimmt nicht. Anne ist jetzt 27 und das geordnete Leben in der quadratisch abgezirkelten US-amerikanischen Vorstadt gerät für sie allmählich aus den Fugen. Manchmal sieht sie Gesichter an den Wänden, immer öfter hört sie Stimmen, sie schreit und tobt, verzweifelt, wird depressiv.

Woher kommt dieser Sinnes und Seelenwandel? Wieso und weshalb? Schwer darauf eine Antwort zu finden. Nur soviel steht fest: Ihr wahr gewordener Traum trägt auf einmal nicht mehr. Anne selbst sagt: „Auch wenn man kleine weiße Gartenzäune aufstellt, kann man nicht verhindern, dass Alpträume kommen.“

She pictures the broken glass, pictures the steam

She pictures a soul

With no leak at the seam

Zerbrochenes Glas erscheint vor ihren Augen, sie sieht Dampf

und eine Seele, 

deren Naht noch intakt, nicht so zerrissen ist.

Annes Familie fürchtet um den guten Ruf und schickt sie in eine Therapie. Der Psychiater soll sie auf den rechten, langweiligen Weg zurückbringen: Kinder, Küche, Kaufhaus. Sie wehrt sich mit einem ersten Selbstmordversuch, will nur noch raus aus der Enge ihres eingefahrenen Lebens, raus und am liebsten sterben.

Let's take the boat out

Wait until darkness

Let's take the boat out

Wait until darkness comes

Lass uns das Boot rausholen 

und warten, bis es dunkel ist,

hol das Boot raus 

und warte, bis die Dunkelheit kommt.

Mit betörend dunklen Tönen erzählt Peter Gabriel in seinem Lied ,,Mercy Street“ diese Geschichte. Veröffentlicht wurde der Song bereits 1986 auf seinem fünften und bis heute erfolgreichstem Album „So“. Die „Mercy Street“ liegt hier gleich neben seinen bekannten Welthits wie „Sledgehammer“,“Don't give up“ oder „In Your Eyes“. 

Im Gegensatz zu diesen wurde „Mercy Street“ zwar nie als eigene Single ausgekoppelt, doch nimmt gerade dieses B-Seiten-Lied eine Sonderstellung auf Peter Gabriels Platte ein. Mit tiefen, ruhigen Harmonien und einem magischen Rhythmus zieht es in seinen Bann und eine Widmung über dem Songtext im Booklet gibt einen entscheidenden Hinweis; „For Anne Sexton“.

Nowhere in the corridors of pale green and gray

Nowhere in the suburbs

In the cold light of day

There in the midst of it, so alive and alone

Words supporl like bone

Verloren in den Fluren, blassgrün und grau

Verloren in den Vorstädten, 

im kalten Licht des Tages

Dort, mittendrin, so lebendig und allein

Nur Worte geben ihr halt, wie ein Rückgrat

Die Vorstadthausfrau mit dem seelischen Knacks und ihren depressiven Alpträumen hinter den weißen Gartenzäunen hält sich an Worten fest. Sie fängt an zu dichten. Der Psychiater hatte Anne aufgefordert, über ihre Gefühle und Erfahrungen zu schreiben. Er ermutigt sie, sich literarisch fortzubilden, bringt sie zur Sprache. Nur vier Jahre nach Beginn der Therapie veröffentlicht Anne Sexton ihren ersten Gedichtband und wird sofort berühmt. 

Es folgen neun weitere Bände, Stipendien, Auszeichnungen, der Pulitzer-Preis darunter, schließlich sogar ein Lehrstuhl für Poetik an der Universität zu Boston. Die verrückte Hausfrau ohne akademische Vorbildung wird Amerikas berühmteste Dichterin, eine Bestseller-Autorin, die bei Lesungen mehrere tausend Dollars verlangt und die Hallen füllt. Das Heimchen ernährt jetzt die Familie, bezahlt das Schulgeld für die Kinder und den Ausbau des Swimmingpools. Nur gesund wird Anne nicht.

Dreaming of Mercy Street
Wear you're inside out
Dreaming of mercy
In your daddy's arms again
Dreaming of Mercy Street
Swear they moved that sign
Dreaming of mercy
ln your daddy's arms

Anne Sexton bezeichnete sich selbst als „Confessional Poet“, mit ihren Texten will sie also so etwas wie Geständnisse ablegen, Bekenntnisliteratur, ganz persönlich und intim. Ihre Gedichte versteht sie als „eine Axt für das gefrorene Meer in uns“. Peter Gabriel, der nachdenkliche Pop-Poet, ist fasziniert von dieser großen, unglücklichen Frau und ihren oft rätselhaften und unbequemen Texten. Kunstvoll webt er aus Zitaten und Versatzstücken die Zeilen für seine traurige Hommage, sein biografisches Lied über sie. Und er spürt Annes Sehnsucht nach.

Dreaming of Mercy Street

Wear you're inside out

dreaming of mercy

In your daddy's arms again

Dreaming of Mercy Street

Swear they moved that sign

Dreaming of mercy

ln your daddy's arms

Von der Straße der Gnade träumen

Dein Innerstes nach außen tragen

Von Gnade träumen

wieder in Papas Armen

Von der Straße der Gnade träumen

Ich könnte schwören, dass sie das Straßenschild entfernt haben

Von Gnade träumen

Wieder in Papas Armen

„45 Mercy Street“ heißt eines von Anne Sextons Gedichten: Darin erzählt sie von der verzweifelten Suche nach verlorener Heimat. Irgendwo muss es doch zu finden sein, das alte Haus in der Mercy Street 45, das so voller Kindheitserinnerungen steckt an Mutter, Großmutter und Urgroßmutter… „Ich laufe den Hügel hinauf und hinunter und suche nach dem Straßenschild – doch es ist nicht da…“ schreibt Anne. Mercy Street, Straße der Gnade. 

„Wo bist Du nur hin?“ – Anne Sexton sehnt sich nach Geborgenheit, nach einem Ort, wo sie ihr Innerstes nach außen tragen kann, wo sie einfach so sein darf, wie sie wirklich ist. Wo sie keine Rolle mehr spielen muss, nicht die als patente Mutter und Hausfrau und auch nicht die als gefeierte Avantgarde-Poetin. Sie wünscht sich zurück in die Arme des Vaters, sie träumt davon, ohne Wenn und Aber Angenommen und geliebt zu sein.

Mercy, mercy, looking for mercy
Looking for mercy

Looking for Mercy, die Suche nach Gnade und Erlösung. Eine urmenschliche Sehnsucht ist das, die wohl immer nur bruchstückhaft gestillt werden kann. Vielleicht in einer erfüllten Liebesbeziehung, durch gute Freundschaften und auch im Glauben. 

Die alten Psalmgebete der Bibel fassen die Hoffnung und das Vertrauen auf einen gnädigen und behütenden Gott in poetische Worte: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten milch“, heißt es da, oder: „Du hältst mich bei meiner rechten Hand (...) und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (...) Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ – Es ist schön, wenn solche Worte wirklich trösten können und gelebtes Gottvertrauen auch durch dunkle Tage trägt. Aber manchmal vermag keinerlei Hoffnungsschimmer mehr durchzudringen in den Kerker menschlicher Depression.

Mercy, looking for mercy
Looking for mercy
Oh, mercy
Looking for mercy

Am 4. Oktober 1974 fährt Anne Sexton ihren Wagen in die Garage, schließt hinter sich das Tor und lässt den Motor laufen. Es ist ihr fünfter Selbstmordversuch – und er gelingt.

Anne, with her father, 
is out in the boat
Riding the water
Riding the waves on the sea