Manchmal ist die Hoffnung leise
Wir sind schon länger im Kontakt – der 97-jährige Bildersammler mit dem guten Weingeschmack und der Liebe zu Thomas Mann – und ich. Wir haben uns schon oft unterhalten, über Literatur, Malerei, Musik – übers Leben. Dieses Mal auch – und doch ist unser Gespräch diesmal anders. Er weiß, das er bald sterben wird. Und ich weiß das auch. Ob ich ihn noch einmal besuchen dürfe, hatte ich am Telefon gefragt. Und er: „Ich hab gehofft, dass Sie das fragen.“
Wenn ein Gespräch plötzlich vom Abschied geprägt ist
Da sitzen wir nun also, auf der Terrasse hinter seinem Haus. An diesem warmen Nachmittag im Herbst. Goldenes Licht, lange Schatten. Vieles ist wie sonst – und dabei doch nichts wie immer.
Er schaut mich lange an. Dann fragt er zögernd: „Ob einer wie ich überhaupt das Recht hat, Ihren Beistand als Pfarrerin in Anspruch zu nehmen?“. Einer wie er – damit meint er wohl: Einer mit Fragen. Und Zweifeln. Einer, dem das In-die-Kirche-Gehen nicht leichtgefallen ist. Aber auch nie leicht gemacht wurde.
Ausgrenzung, die ein Leben lang nachwirkt
Der Blicke kennt – und Worte, die bis heute schmerzen. Von Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen. Am meisten von denen aus der eigenen Familie. Die nicht glauben – und schon gar nicht akzeptieren konnten, dass er keine Familie gründen würde. Keine eigenen Kinder haben. Weil er Männer liebte. Und daraus keinen Hehl machte. Weil er so leben wollte, wie er eben ist.
Schon früh ließ man ihn das spüren, auf vielfältige Weise: „Du gehörst nicht zu uns. Du lebst und liebst nicht so, wie man leben und lieben sollte.“ So war das, damals, im Deutschland der prüden Nachkriegszeit.
Gott, bei dem alle willkommen sind
Ich kenne seine Geschichte. Und deshalb erzähle ich ihm von meiner Hoffnung. Von den Bildern, die ich im Kopf und Herzen habe, wenn ich an den Himmel denke. Von den Bildern, die mich trösten. Ich erzähle vom großen Tisch Gottes im Himmel, an dem es Platz für alle gibt. Wo sich keine verstecken und keiner ein anderer sein muss als der, der er ist.
Der Himmel als großer Tisch Gottes
Wie bei einem großen Fest, auf das ich mich freue und bei dem ich ihn schon jetzt als eloquenten Tischnachbarn sehe. Im angeregten Gespräch nach allen Seiten.
Ich weiß nicht, was er davon glauben kann. Aber er hört aufmerksam zu. Hin und wieder lächelt er. Ich glaube: Einige Details des Bildes haben ihm gefallen.
Ein Segen für Abschied, Dankbarkeit und Hoffnung
Am Ende unseres Gespräches frage ich, ob ich ihn segnen darf. Und er sagt zu meiner Überraschung: „Ja.“ In diesem Segen hat alles Platz: das Gesagte und das Ungefragte. Die Traurigkeit des Abschieds. Und der Dank für sein langes Leben. Und dann ist da ein kleiner Schimmer Hoffnung, dass es ja vielleicht doch noch etwas geben könnte, … dann.
Zum Abschied sagt er nur ein Wort: „Adieu“. Und nochmal, leiser: „Adieu“.
À dieu – das heißt auf Deutsch: Zu Gott. Kann man Hoffnung schöner übersetzen?