hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Herok, Stefan

Eine Sendung von
Stefan Herok,
Katholischer Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

00:00
00:00
Ein nachdenklicher Mann sitzt im Freien auf einer Bank, umgeben von Bäumen und sanften Lichtverhältnissen. Er hat einen blauen Kapuzenpullover und schaut in die Ferne, während er mit der Hand sein Gesicht stützt.

Herbst auf der ganzen Linie!

Guten Morgen und einen schönen Sonntag, Mitte Oktober! 

„Herbst auf der ganzen Linie!“ So heißt ein Gedicht von Erich Kästner: 

„Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen.
Die bunten Laubgardinen wehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
in denen Türen offen stehn.“

Melancholische Stimmung

„Herbst auf der ganzen Linie!“ Das ist auch meine Stimmung in den letzten Wochen. Ein bisschen „goldener Oktober“ und einiges RegenGrau. Für die Ernte kommt der Regen leider zu spät. Was Sommerhitze und Trockenheit an Frucht überhaupt hatte wachsen lassen, das haben die Bauern schon Anfang August eingeholt. Auch die Weinlese begann deutlich früher. Nur die Winzer, die auf „Edelfäule“ warten, sind noch draußen. Ein komisches Wort „Edelfäule“. Aber es passt irgendwie zu meinem „Herbst-auf-der-ganzen-Linie-GEFÜHL“. Ich bin melancholisch und ein bisschen traurig: Ich finde, dass so manches ziemlich schiefläuft bei uns. Und mir drängt sich das berühmte Shakespeare Zitat aus dem „Hamlet“ auf: „Es ist was faul im Staate Dänemark!“ (Entschuldigung, liebe Dänen!) 

Dabei möchte ich Ihnen daheim gar nicht die morgendliche Frühstücksstimmung verdüstern, sondern einen heiteren Moment und ein paar helle Gedanken in Ihren Sonntag senden. Ich hoffe, ich kriege da noch die Kurve…

Meine Staatsfreundlichkeit trübt sich ein

Meine Frau und ich, wir verstehen uns eigentlich schon immer als „staatsfreundlich“: Wir leben gern in Deutschland, stehen zum politischen System und den Akteuren, die es demokratisch tragen. Wir hatten auch lange grundsätzliches Vertrauen in die staatliche Lösungskompetenz, selbst wenn wir uns in Einzelfragen andere politische Entscheidungen gewünscht hätten. Besonders bei sozialen und ökologischen Themen. Aber dieses Vertrauen ist heute beschädigt, weil so viel offensichtlich schiefläuft und „faul“ ist im Lande. Meine Wahrnehmung: nichts klappt mehr wirklich. Weder die Infrastruktur noch die Wirtschaft noch die Politik. Ja, es muss gespart werden. Ich teile aber die Skepsis der Leute, die das Sparen noch nicht als „Reform“ wahrnehmen. Mich stört aber vor allem dieser unsäglich rohe, ja gemeine Ton, der sich öffentlich breitmacht. Voller Zynismus und Häme, persönlich verletzend und sowas von unsachlich! Jedenfalls oft auf der einen Seite, Sie wissen schon…

Alte Rezepte und Floskeln von gestern

Die andere Seite müht sich einigermaßen um Sachlichkeit und Argumente. Aber sie bleibt dabei für mein Gefühl so sehr bei den alten Rezepten und in den politischen Floskeln von gestern hängen, dass selbst ich mit meiner „Staatsfreundlichkeit“ ihr kaum mehr folgen kann.

Im nächsten Moment verbiete ich mir diese staatskritischen Empfindungen aber gleich wieder, weil ich ja nicht zu denen gehören möchte, die alles schlechtreden. Wo aber verläuft bitte die saubere Linie zwischen konstruktiver Kritik und destruktivem Schlechtreden? Das macht mich ratlos und - melancholisch: „Herbst auf der ganzen Linie“!

Musik 1

Biblische Zufallsbegegnung im Gottesdienst

Ohne größere Erwartung, diese Herbst-Melancholie hinter mir lassen zu können, bin ich bei uns im Dorf in die Kirche gegangen. Wegen des Priestermangels halten einmal im Monat ehrenamtliche Gemeindemitglieder den Sonntagsgottesdienst. Das hat eine gute Ausstrahlung und ist oft besonders inspirierend. Wie es der Zufall so will, finde ich mich mit den BibelTexten, die wir hören, unversehens in den Weinbergen und bei der Weinlese wieder. „Herbst auf der ganzen Linie“! Sogar von der Fäulnis ist die Rede…

„Faule Beeren“

Sowohl beim AltTestamentsPropheten Jesaja wie auch beim Evangelisten Matthäus wird der Weinberg zum Symbol für das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen (Jesaja 5,1-7 und Matthäus 21, 33–44). Darin steckt z. B. die Frage: Nutzen wir die Schöpfung, die Gott uns anvertraut, treu in seinem Sinne oder geht der Auftrag schief?

Im JesajaText erzählt Gott, wie gut und sorgsam er seinen Weinberg ausgestattet hatte. Aber die, die dort für ihn arbeiten, bringen nur (Achtung!) „faule Beeren“ hervor. Also wird er den Weinberg aufgeben, ihn der Trockenheit ausliefern, zu Ödland werden lassen. Dann Klartext: Gottes Volk hat versagt, vor allem in Sachen Recht und Gerechtigkeit.

Trockenheit ist keine Strafe Gottes

Im MatthäusText noch heftiger: Gott, wieder in der symbolischen Rolle des Weinbergsbesitzers, hat seinen Weinberg an Winzer verpachtet und schickt nun seine Leute, um seinen Ertrag abzuholen. Sie wollen aber nichts hergeben, missachten seine Rolle und jagen seine Boten zum Teufel…

Hui, dachte ich, als ich diese Texte hörte: Ganz schön heftig. Ganz schön „herbstig“ und irgendwie sehr nah dran an meinem Gesellschaftsgefühl. Gleichzeitig war mir klar, ich werde diese Bibelgeschichten jetzt nicht eins zu eins auf unsere Lebenswelt anwenden. Die große Trockenheit dieses Sommers z. B., unter der die Ernten so gelitten haben, diese Trockenheit ist keineswegs eine Strafe Gottes. Ich sehe sie als Teil unseres menschlichen Versagens im Umgang mit der Schöpfung.

Nein, der Gottesdienst lieferte mir nicht direkt Antworten, wie wir das Faule im Lande und die menschliche Verrohung überwinden können. Aber geholfen hat er mir doch!

Musik 2

Die Stimme der Christen…

Es hat mir gutgetan, mich für einen Moment von den Menschen in dieser Gemeinschaft getragen zu fühlen. Sie haben auch keine Patentrezepte. Aber sie übernehmen in einer durchaus auch krisengeschüttelten Kirche in ihrem kleinen Ort die Verantwortung für Gottesdienste. Sie tragen ihre und meine Sorgen vor Gott, suchen bei ihm Stärkung und Orientierung. Von der Kraft konnte ich in mir selbst etwas spüren, als ich zur Kommunion ging… 

Die Bibelworte von Gott als wehmütigem Weinbergsbesitzer hallten in mir nach und mir wurde klar: Wir machen unsere „Rechnungen hier in unserer Gesellschaft“ ein bisschen zu sehr „ohne den Wirt“! Wo ist denn die Stimme von uns Christen, die mehr Menschlichkeit einfordert in Politik und Wirtschaft oder soziale Gerechtigkeit!? Die Stimme von Leuten, die bereit sind, zu teilen. Dies aber auch gesellschaftlich einfordern, selbst wenn alles weniger wird und teilen echt wehtut!? 

…nicht der Kirche im Großen

Mein Eindruck ist, dass wir das berühmte „C“ nicht den es tragenden Parteien überlassen dürfen. Sie fordern Opfer eher von den Habenichtsen, die kaum noch was zu geben haben. Von den „Habeallesen“ fordern sie nichts.

Auch unseren Kirchenleitungen dürfen wir das „C“ nicht allein überlassen! Die äußern sich zwar zurzeit in politischen Fragen – wie ich finde – ganz vernünftig, sprich christlich. Aber sie finden kaum Gehör, weil die „Kirchen im Großen“ durch eigene Schuld viel Vertrauen verspielt haben. 

…sondern der Kirche im Kleinen

Mehr Chancen sehe ich bei den „Kirchen im Kleinen“, wie der Gottesdienstgemeinschaft in meinem Dorf und den ganz normalen Leuten mit aktiver christlicher Moral. Wenn die lauter würden, vielleicht sogar auf die Straße gingen, wie die Menschen gerade in Spanien wegen der Wohnungspolitik... Ich glaube, das könnte schon etwas bewirken für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. 

Werdet lauter!

Darum erhebe ich heute Morgen hier im Radio meine Stimme: Werdet bitte lauter, Ihr Leute, die dem Hass und der Verrohung der Sitten etwas entgegensetzen! Werdet lauter, Ihr, die ihr sozial denkt, solidarisch und klimabewusst; die ihr RollenVielfalt achtet, auch in sexueller Prägung und die ihr zu den Fremden steht! Werdet bitte lauter, ihr Christen und all ihr Menschen guten Willens!

Kästners Gedicht vom „Herbst auf der ganzen Linie“ endet mit dem Vers: 

„Das Spiel ist ganz und gar verloren.
Und dennoch wird es weitergehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
in denen Türen offen stehn...“

Dieses „dennoch“ greife ich jetzt mal ganz optimistisch auf! Und die „Türen“! Ich sehe sie nämlich offenstehen, weil Menschen, die sich noch füreinander starkmachen und für lebendige Demokratie, hinausgehen in unsere Welt und ihre Stimme erheben!

Werdet bitte lauter, ihr Christen und all ihr Menschen guten Willens!