hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Clausing, Mareike

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Christus-Gemeinde Dietzenbach

Ein Eisstand mit der Aufschrift "Gelateria" ist umgeben von einer Warteschlange von Personen. Einige Gäste halten Eis in der Hand, während andere auf ihre Bestellung warten. Im Hintergrund sind Bäume und Gebäude sichtbar.

Ein Kiosk voller Hoffnung

„Wenn ich einen Laden hätte, und wär‘ es nur ein Kiosk, wisst ihr, was ich verkaufen würde?[…]“. Nein, ich will nicht umschulen und einen Kiosk aufmachen. Sondern so beginnt ein Gedicht von Gianni Rodari, dem bekanntesten italienischen Kinder- und Jugendbuchautor.

Was würde ein Kiosk der Zuversicht anbieten?

Vor kurzem hab ich’s entdeckt. Schon allein der bunt gestaltete Einband versprüht gute Laune. Die Bilder sind voll kräftiger Farben, lebendig und fröhlich. „Wenn ich einen Laden hätte, und wär‘ es nur ein Kiosk, wisst ihr, was ich verkaufen würde? Na, was meint ihr? Hoffnung!“ Eine tolle Idee! Hoffnung kann man immer gebrauchen, es gibt nie genug davon, gerade jetzt, mit Blick auf die Welt. 

Hoffnung für alle

„Speranza“ heißt das Gedicht im Original. Hoffnung. Es stammt aus Rodaris Sammlung von Gedichten für Kinder; sie heißt: „Gedichte zwischen Himmel und Erde“. Wie passend, denn irgendwie ist Hoffnung ja genau so etwas, das zwischen Himmel und Erde wirkt. Sie verbindet Himmel, Erde und uns. Weiter heißt es im Gedicht: „Hoffnung für alle, supergünstig. Für ganz wenig würde ich den Leuten so viel geben, wie sie bräuchten. Und denen, die ganz arm wären und nichts übrighätten, denen gäbe ich meine ganze Hoffnung - umsonst.“ Hoffnung. Für alle.

Hoffnung zwischen Himmel und Erde: Was bedeutet das eigentlich?

Ich stelle mir vor, wie das wäre. Wenn jeder Mensch wirklich bekäme, was er braucht. Nicht nur das Nötigste. Sondern auch die leichten und schönen Momente. Die mich durch die harten Zeiten hindurchtragen. Und mich dabei hoffen lassen: Es kann wieder anders werden. Sich zum Guten wenden. Trotz Sorgen und Durcheinander, global und privat.

Entsteht Hoffnung einfach so?

Nun ist Hoffnung ja nichts, was einfach so vom Himmel fällt. Sie ist nicht greifbar, und doch spüre ich sie- oder eben nicht. Hoffnung gibt es, seit es Menschen gibt. Sie lebt von uns und unserem Miteinander. Sie treibt mich an, mich umzuschauen: Was ist schief, was muss sich ändern? Auch durch mich. Durch mein Denken, Fühlen und Handeln. Wo Menschen hoffen, setzen sie sich füreinander ein. Sind solidarisch. Es funktioniert, ich hab’s erlebt. Hoffnung ist ansteckend, geteilt kann etwas Großes daraus entstehen: Ich denk an Nachbarn, die sich für mehr Grün im Viertel einsetzen. Und noch größer, wo Menschen auf Freiheit oder Gleichberechtigung hoffen und dafür auf die Straße gehen. Zu sehen, dass sie nicht allein sind, lässt sie weiter hoffen, solange, bis diese Vision sich hoffentlich erfüllt.

Hoffnung und Widerstand: Warum Machthaber sie fürchten

Hoffnung ist auch radikal. Sie inspiriert Menschen, aktiv was für die Zukunft zu tun. Wohl deswegen versuchen Machthaber, die Kraft der Hoffnung klein zu reden, um Menschen zu entmutigen. Man erlebt es auch dieser Tage wieder. Machthaber fürchten sie, denn Hoffnung hat Sprengkraft.

Musik 1

Hoffnung im Alltag: Was tun, wenn Erwartungen enttäuscht wurden?

Ich höre oft, wie vorsichtig viele geworden sind mit ihren Hoffnungen. Lieber nicht zu viel erwarten. Lieber realistisch bleiben. Zu oft hat man erlebt, dass Dinge anders laufen als geplant. Oder es ist peinlich zu erzählen, was man sich erhofft, und dann wird’s doch nichts. Ich kenne das auch. Natürlich. Situationen, in denen ich auch nicht weiß, wie sich das Erhoffte erfüllen soll. Wie damals, als ich so angsterfüllt und bange vor meinem Examen stand. Da fällt es schwer, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und hoffnungslos zu werden.

Hoffnung ist nichts für Feiglinge?

„Hoffnung ist nichts für Feiglinge“, hat eine Kollegin zu mir gesagt, in Anlehnung an das Sprichwort mit dem Altern, das ja auch nichts für Feiglinge ist. Und es stimmt: Wenn ich mich nicht traue, auf etwas zu hoffen, wie motiviere ich mich dann, etwas zu verändern oder neu auszuprobieren?

Welche Geschichten machen Hoffnung?

Mir helfen hoffnungsvolle Geschichten aus meinem Umfeld. Wenn etwas geglückt ist und sich eine Hoffnung erfüllt hat. Oder es anders gekommen ist, als geplant, aber es trotzdem weitergeht. Oder ein hoffnungsvoller Wunsch für andere. Da denk ich an ein Trauergespräch. Eine Frau erzählte mir: Sie hofft, ihrem Mann geht es gut, da, wo er jetzt ist - ohne Schmerzen. Das gibt ihr selbst Kraft.

Kleine Zeichen, große Wirkung

Solche Momente berühren mich tief. Auch nach auswegloser, hoffnungsloser Zeit geht es neu los. Das macht mir Mut zu hoffen. So eine Hoffnung kann ich nicht einfach selbst machen. Sie braucht echte Begegnungen. Und die gibt‘s täglich, überall, auch in hoffnungslosen Zeiten: Da seh‘ ich die Frau, die spendet, weil’s für die anderen drauf ankommt. Der Mann, der mit dem Wohnungslosen redet und versteht, warum das Wohnprojekt im Viertel wichtig ist, und sich dafür einsetzt. Das Mädchen, das die Neue in der Klasse einfach mitnimmt zum Spielen, obwohl sie sich noch kaum verständigen können. Das alles gibt mir Hoffnung. Weil’s zeigt: Jeder und jede kann was bewegen.

Was passiert, wenn Hoffnung am Ende ist?

Aber manchmal braucht Hoffnung auch einen ganz neuen Anfang. Weil sie am Ende war. Komplett am Ende. So ging es zwei Freunden von Jesus nach Ostern. Die beiden gehen nach der Kreuzigung von Jesus weg aus Jerusalem, sind unterwegs in ein Dorf namens Emmaus (Lukas 24,13-32). Weg vom Ort, an dem ihre Hoffnungen gnadenlos zerbrochen sind, buchstäblich ans Kreuz genagelt wurden. Jesus ist tot. Woran sie geglaubt haben, scheint gescheitert. Sie reden miteinander darüber, wie es jetzt weitergehen soll. Sie wissen es nicht, sind verzweifelt. Und jetzt?

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Und jetzt: Wie Hoffnung plötzlich wieder aufleuchtet

Und jetzt? haben sich die beiden Jünger gefragt. Die Antwort kommt überraschend: Ein Fremder gesellt sich dazu und hört richtig zu. Sie erkennen ihn nicht. Erst beim Essen, beim Brotbrechen dämmert‘s ihnen: Es ist Jesus! Alles fühlt sich anders an. Nicht leichter, aber wieder lebbar. „Es geht weiter!" – Hoffnung flammt auf und setzt sich durch.
Eine Zukunft, für die es sich lohnt, zu kämpfen. Sie erzählen das sofort weiter, den Freundinnen, Freunden, der Gemeinschaft. Ihre Hoffnung springt über. So entsteht Bewegung, bis die gute Nachricht überall ist.

Hoffnung nach Ostern

Für mich eine starke Geschichte. Auch wenn nicht alles sofort gut wird: Bei diesen Ratlosen passiert was Wichtiges. Ein neuer Blick öffnet sich. Das kenn ich selbst: Der innere Druck fällt ab. Ich atme durch. Das Herz wird leicht, zaghaft, aber spürbar. Plötzlich glaub‘ ich wieder dran. Es wird doch. Es geht es weiter.

Wenn Krankheit und Angst kommen

Genau diese Erfahrung habe ich gemacht, als meiner Mutter schwer krank war. Es gab Tage ohne Hoffnung. Aber die Menschen um mich herum haben gesagt: Du bist nicht allein. Sie hofften mit, wo ich nicht mehr konnte. Sie haben auch gebetet, als ich zu müde dafür war. All das hat mich getragen, wie unsichtbare Hände.

Ostern heute: Aus der Starre ins Leben?

Nach Ostern ist die Welt nicht perfekt. Aber für mich fühlt sie sich hoffnungsvoll an. Durch die Zusage, um die es an Ostern geht: Es geht weiter. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie. Selbst nach dem Tod. Ostern heißt: Aus der Starre ins Leben. In neuen Elan. Menschen können einander Hoffnung schenken. Wie beim Kiosk in dem Gedicht, wo Hoffnung verkauft oder sogar verschenkt wird. Ich sehe das überall, wo Menschen sich engagieren. Wo jemand verantwortlich handelt. Dem anderen Mut macht. Oder erzählt, was ihn oder sie trägt. Für mich als Christin gehört dazu die Hoffnung. Sie kommt nicht aus mir allein. Sie ist ein Geschenk. Das wächst, wenn man sie weitergibt.

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