Die Wege des Herrn sind unergründlich
„Die Wege des Herrn sind unergründlich“, Das hat mein Friseur letztens zu mir gesagt. Ich gehe gerne bei mir um die Ecke zum Friseur, zum einen ist es ein echter Schnapper, zum anderen ist jedes Mal ein neuer junger Friseur dort.
Meist sind es Männer aus der Türkei, dem Irak oder auch aus osteuropäischen Ländern. Ich mag es, dass ich dort beim Smalltalk immer eine neue Lebensgeschichte kennenlerne. Letztens sogar komplett auf Englisch.
Wir kamen dann aufs Thema Herkunft
Beim Friseur, finde ich, herrscht in der Regel eine angenehme Gesprächsatmosphäre: Ich kann mit meinem Friseur reden, muss es aber nicht. Aber meistens hab ich Lust mich zu unterhalten. Manchmal wird aus dem Smalltak auch ein gutes, intensives Gespräch
Also: „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, ein spannender Satz, wie ich finde. Mein Friseur hat ihn so vor sich hingemurmelt nach einem längeren Gespräch, das wir hatten. Ich bin früh in den Laden, weil es dann meistens weniger voll ist und war komplett allein mit ihm. Und irgendwie sind wir dann in ein richtig tiefes Gespräch gerutscht. Ich denke, weil wir ungestört waren. Wir kamen aufs Thema Herkunft.
Das hat mich sehr bewegt
Er hat mich gefragt, wo ich herkomme. Ich komme aus Altenstadt in der Wetterau - eher langweilig, hab ich geantwortet und dann zurückgefragt: Wo kommst du her? Dann ist mein Friseur, der so etwa mein Alter hat ins Erzählen gekommen: Er kommt aus dem Irak, ist dort geboren und aufgewachsen und ist seit 15 Jahren in Deutschland. Vorher hat er in seinem Leben viel erlebt, leider auch, wie sein Vater und sein Bruder bei US-amerikanischen Angriffen in Bagdad getötet wurden. Das war einer der Gründe, warum er den Irak verlassen hat und Richtung Europa gereist ist, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Gleichzeitig hat er die Amerikaner gehasst, weil er so viel verloren hatte. Das hat mich sehr bewegt und ich hab gemerkt: So einen Hass kenn ich Gott sei Dank gar nicht. Ich kann seine Gefühle nur im Ansatz nachvollziehen.
Musik
Heute hasst er nicht mehr
Hass ist so ein starkes Wort, finde ich. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich jemanden wirklich mal gehasst habe. Wütend bin ich immer mal wieder, klar. Oder ich rege mich über jemanden auf. Aber hassen, das geht noch viel tiefer an die Substanz. Wenn ich jemanden hasse, dann verabscheue ich seine ganze Existenz. Und dafür hat mir nie jemand einen Grund gegeben.
Mein Friseur aus dem Irak hat die Amerikaner gehasst. Ich war erstmal sehr erschrocken, als er das so erzählt hat. Aber dann erzählte er weiter: Heute hasst er nicht mehr. Der Weg dahin war jedoch lang.
Er war von sich selbst sehr überrascht
Bevor er nach Deutschland gekommen ist, war er in Dänemark für ein paar Jahre und hat dort gearbeitet. Dann passierte das, was er nie für möglich gehalten hätte: Er lernte eine Frau kennen. Und sie war US-Amerikanerin. Er hat sich in sie verliebt. Und war von sich selbst sehr überrascht deswegen.
Sie sind ein Paar geworden. Er hat sie dann sogar geheiratet, seine US-Amerikanerin. Und mit ihr konnte er den Hass Stück für Stück ablegen. Er wirkt sehr glücklich, wenn er so über seine Frau und die Liebe spricht. Ich glaube, den Hass konnte er nur durch die Liebe überwinden. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle den Hass so aufgeben könnte.
Und dann kommt plötzlich alles anders
„Die Wege des Herrn sind unergründlich.“ Hat mein Friseur dann gesagt. Und ich konnte ihm nur zustimmen und hab hinzugefügt: „Die Wege der Liebe sind unergründlich.“ Wir waren wir uns dann einig: Manchmal sind die Wege, auf die Gott uns führt, echt seltsam.
Ich denke da an die Pläne, die ich für mein Leben schmiede, mit klaren Vorstellungen, was wann passieren soll. Und dann kommt plötzlich alles anders. Dinge, auf die ich gehofft habe, erfüllen sich nicht. Ein Jobangebot, das ich offen wähnte, schließt sich unerwartet. Eine Beziehung geht zu Bruch. Ich erlebe Verlust, Enttäuschung und manchmal auch schlichte Frustration.
Es erfüllt mich ein tiefer Frieden
Aber gleichzeitig sind da die anderen Momente, die, in denen sich alles scheinbar wie von selbst fügt. Begegnungen geschehen, die mein Herz weit machen. Alles läuft einfach wie am Schnürchen. Und ich spüre in solchen Momenten, dass trotz allem eine größere Hand im Spiel ist, die mich trägt und leitet. Dann erfüllt mich ein tiefer Frieden.
Vieles in meinem Leben bleibt grau
Es ist aber nie nur schwarz oder weiß. Vieles in meinem Leben bleibt grau. Und damit meine ich nicht düster, sondern in diesem Dazwischen. Beziehungen verändern sich, Pläne verschieben sich, und was heute richtig scheint, fühlt sich morgen vielleicht ganz anders an. Ich merke, mein Leben ist nichts Statisches, sondern ist sich immer im Fluss. Wie ein Weg, der nicht geradeaus verläuft, sondern Kurven, Steigungen und Pausen kennt.
Es ist letztlich ein Geben und Nehmen
Aber ich gestalte diesen Weg natürlich auch selbst mit. Ich treffe Entscheidungen, probiere neue Dinge aus, scheitere vielleicht auch mal und beginne von vorne. Es ist letztlich ein Geben und ein Nehmen, zwischen mir und Gott, zwischen mir und den Menschen. Für mich ist es ein Geheimnis: Gottes unergründliche Wege gehen mitten durch mein alltägliches Leben.
Musik
Wir haben uns einfach verstanden
„Die Wege des Herrn sind unergründlich“, das denke ich mir, wenn ich an diesen Friseurbesuch denke. Ein tolles Gespräch, mit einem Lebensweg, der mich so sehr bewegt hat. Und das Schöne war: Wir haben uns einfach verstanden. Es war nie die Frage, ob oder welche Religion einer von uns beiden hat. Wir waren uns in stiller Übereinkunft einig, dass wir gläubig sind. Wir haben als Menschen miteinander darüber gesprochen, wie unser Leben alle möglichen Irrungen und Wirrungen kennt, aber trotzdem auf einem guten Weg ist.
Das ist die Geschichte aus der Bibel
Während des Heimwegs vom Friseur habe ich an die Jünger auf dem Weg nach Emmaus denken müssen. Das ist die Geschichte aus der Bibel, die an Ostermontag in den Kirchen gelesen wird. Auch sie waren unterwegs, voller Zweifel, Trauer und wahrscheinlich auch Hass. Sie haben nicht verstanden, was geschehen war. Warum Jesus gestorben ist, wie das mit der Auferstehung funktionieren sollte.
Zuerst haben sie ihn nicht erkannt
Aber dann kam da jemand hinzu, der mit ihnen gegangen ist. Zuerst haben sie ihn nicht erkannt. Er hat ihnen zugehört, Verständnis für ihre Gefühle gezeigt und mit ihnen über das gesprochen, was geschehen ist: Da haben ihre Herzen begonnen zu brennen, so heißt es in der Bibel (vgl. Lk 24,32.). Erst beim gemeinsamen Brotbrechen haben sie erkannt, dass dieser Begleiter Jesus selbst war.
Manchmal, glaube ich, ist es auch in meinem Leben so. Gott begleitet mich oft unbemerkt, manchmal durch Begegnungen, durch Menschen, die mir zuhören oder Kraft geben, die einfach da sind. Manchmal erkenne ich ihn erst später, wenn ich zurückblicke und spüre, dass ich getragen worden bin.
Gott geht mit, Schritt für Schritt
Ich bin froh, dass ich mich getragen fühle im Leben. Dass ich hoffen darf, dass Gott meinen Weg begleitet. Auch dann, wenn ich ihn gerade nicht sehe. Dass er mit mir durch die stillen und lauten Momente geht, wie mit den Jüngern nach Emmaus. Und vielleicht ist genau das das Wunderbare: dass ich auf meinen Lebenswegen nie wirklich allein bin. Gott geht mit, Schritt für Schritt. Ich kann darauf vertrauen und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Auch wenn die Wege auf den ersten Blick manchmal unergründlich erscheinen.
Ich glaube, dass Gott auch mit mir beim Friseur war. Dieses Gespräch kann ich mir anders, ehrlich gesagt, nicht erklären. Und was mich bis heute berührt, ist das Fazit meines Friseurs am Ende: „Hass bringt mich nicht weiter, deswegen versuche ich jetzt, jeden Menschen zu lieben.“