Sam Cooke „A change is gonna come“ – oder „Musik als Seelenkraft“
Barack Obama in der Nacht seiner 1. Präsidentenwahl: „Es hat lange gedauert, aber in diesem Moment halten der Wandel und die Veränderung Einzug in Amerika!“ Nein, das werden keine Sonntagsgedanken über amerikanische Wahlen. Aber schon Sonntagsgedanken über die Hoffnung auf Veränderung. Obama hat immer mit der Vision von Wandel und Veränderung für seine Politik geworben. Und in jener Siegesnacht 2008 da zitiert er mit „It’s been a long time; es hat lange gedauert“ ausdrücklich eine der größten Pop-Hymnen politischer Hoffnung. Mir war sie bisher gar nicht so bekannt…
Musik 1
Der afro-amerikanische Sänger Sam Cooke hat mit dem Lied „A Change is gonna come“ 1964 nicht nur Musik- sondern auch Politgeschichte geschrieben. Es wurde das Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen die Rassentrennung.
Die Bilder sprechen mit mir
Was macht die Kraft, ja geradezu den Zauber dieses Liedes aus?
Der Text wirkt eher unscheinbar. Hat eigentlich nichts von dem, was man sich unter einem politischen Protestsong vorstellt. Dafür aber ganz einfache, tiefe Bilder des Lebens und der Lebensbedrohung. Jeweils nur ganz knapp angerissen, nicht auserzählt. In einer so speziellen wie wirkungsvollen Mischung aus persönlich-biografischem Moment und großer Allgemeingültigkeit - für kleine Leute. Erst recht für die, mit der falschen Hautfarbe. Ich bin zwar ein Weißer, aber die Bilder berühren mich ganz existentiell, und sie sprechen mit mir. Trotz der Schlichtheit der Bilder ist die Sprache sehr poetisch und ich möchte sie lieber frei als wörtlich übersetzen:
Musik 2
“Mein Leben war zwar total schwer bisher…”
„Ich bin unten am Fluss geboren, in einem ärmlichen Zelt. Und genau wie der Fluss bin ich rastlos unterwegs seither.“
Der Sänger spricht von sich selbst, und gleichzeitig findet der gesamte Schmerz und die ganze Sehnsucht aller Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, in diesen knappen Zeilen Raum und Widerhall: „Mein Leben war zwar total schwer bisher,
Musik 3
aber meine Angst zu sterben ist größer: Ich weiß ja nicht, was dort oben kommt, jenseits der Wolken.“
Musik 4
„Ob ich ins Kino gehe oder in die Stadt, da ist immer irgendjemand, der mich wegjagt!“
„Und gehe ich zu einem Nachbarn und sage: Bruder, bitte hilf mir, dann endet das immer damit, dass er mich in meine miese Lage zurückstößt.“
Das ganz alltägliche klein-klein-Drama derer, die rumgeschubst und schikaniert werden. Die immer im Nachteil sind, weil da jemand ist, der sich aus irgendwelchen Gründen größer fühlt und wichtiger nimmt. Und sich breitmacht, weil er dazu die Macht hat. Das bleibt leider zu jeder Zeit aktuell. Denn es gilt für jede Art von Gruppenkonflikt, ob es nun um die Hautfarbe geht oder heute bei uns um Einheimische und Flüchtlinge.
Und dann hörte er 1963 dieses Lied
Für Sam Cooke in Amerika, Mitte der 60er Jahre geht es um den Konflikt zwischen Weiß und Schwarz. Er hatte zunächst nichts Politisches im Sinn gehabt. Schon als Junge hatte er mit seinen Geschwistern in der Gospelszene gesungen. Aber Mitte der 50er Jahre, er ist 26 Jahre alt, stellt sich kommerzieller Erfolg in der Unterhaltungsbranche ein: als beliebter Jazzsänger vor weitgehend weißem Publikum. Er schreibt eigene Lieder, singt aber auch vieles, was zum Beispiel durch Billie Holiday berühmt geworden war. Wie sie litt er zwar darunter, dass man, auch, wenn man erfolgreich und berühmt wurde, doch immer ein Schwarzer blieb, benachteiligt durch Rassengesetze und eine rassistische Gesellschaft. Aber dieser übermächtigen Realität beugte man sich für den Erfolg. Und dann hörte er 1963 dieses Lied:
Musik 5
Muss da erst ein weißer Sänger kommen
Bob Dylan mit dem Prototyp des Protestsongs, berühmt bis heute. Sam Cooke ist sehr begeistert und nimmt ihn sofort in sein Repertoire auf. Aber er ist auch entgeistert: Muss da erst ein weißer Sänger kommen, um den Rassismus in Amerika anzuprangern!?
Und er setzt sich hin und schreibt sein Lied: A change is gonna come. Und sein Lied wird zur großem Hymne der Bürgerrechtsbewegung.
Worin liegt aber nun die anrührende Kraft dieser minimalistischen Erzählszenen schikanierten Lebens? Für mich darin: Die schlichten Worte sind eingewoben in große musikalische Geste und Bewegung. Kein Wunder, dass man diese Musik „Soul“, einfach „Seele“ nennt! Und Sam Cooke gilt als einer der großen Urväter des Genres. Hören Sie mal nur auf die Musik, wie die wenigen Silben der Worte in der Liedstimme jeweils in ein Vielfaches von auf- und absteigenden Tönen geradezu „eingesponnen“ und „verwoben“ werden. Und die kleinen Dramen bekommen großes Orchester: Streicher, Trompetensignale, Pauken. Und die Stimme wird zum Schrei:
Musik 6
Soul als feinverwobene Musik der Seele - nicht „Hirn-“ sondern „Herzgespinst“ - kann besonders den Schmerz einfangen. Soul webt einen melancholischen Klang-Kokon um die Dramen des Lebens und packt damit den Schmerz in die Watte vieler weicher Töne.
Jetzt kommt endlich der große Wandel
Aber dabei bleibt es nicht.
Sam Cooke stellt jeder Leidsituation, die er besingt, den optimistischen Refrain seiner Hoffnung gegenüber. Darin überbietet er Bob Dylans „Blowin in the wind“. Das Lied protestiert zwar endlich gegen die Missstände, aber es bietet keine Lösung. Wie ein Schulterzucken verweist es auf den Wind, der allein die Antwort weiß. Sam Cooke macht Hoffnung: jetzt kommt der große Wandel, die tiefgreifende Veränderung! Die musikalischen Mittel sind undramatisch: wieder die sanft mit Tönen umwickelten Worte, eine ganz ruhige Stimmlinie, milde Streicher und wie von fern ein Horn, das die bessere Zukunft ankündigt:
Musik 7
“Woher kommt dann die Kraft und die Hoffnung"
Und die Worte? So schön wie unspektakulär: „Wir haben so lange, lange darauf gewartet, aber ich weiß, eine Veränderung beginnt, ganz bestimmt.“ Keine Begründung, keine Konkretisierung, kein Beweis. Einfach eine positive Behauptung. Eine mit ruhiger Bestimmtheit vorgetragene Gewissheit.
Ich als Kirchenmann würde natürlich gerne eine Spur religiöser Begründung für die Hoffnung finden. Aber das klammert Sam Cooke sogar ausdrücklich aus: „Ich weiß ja nicht, was da kommt, jenseits der Wolken.“ Woher kommt dann die Kraft und die Hoffnung, mit der er sagen kann: „Ich dachte, ich halte es nicht mehr lange aus, aber jetzt weiß ich, dass ich es schaffe, weil der große Wandel bereits zu beginnen beginnt.“
Wunderbar, wenn der Gesang so etwas vermag
Der letzte Schlüssel liegt wohl im Geheimnis der Musik, die den Hoffnungsworten ohne jede inhaltliche Begründung ihre Glaubwürdigkeit und ihre Ansteckungskraft verleiht. Wahrheit, ganz ohne Lehre und Dogma, ganz aus der Schönheit und Tiefe der Klänge. Wunderbar, wenn der Gesang so etwas vermag! Und so verneigt sich der Kirchenmann im Verzicht auf höhere Theologie vor der für mich durchaus himmlischen Kraft der Musik. Nicht umsonst und nicht von ungefähr heißt diese Musik ja eben „Soul“, „Seele“.
Musik 8 - Ende