GOTTESDIENSTÜBERTRAGUNGEN
Hofmann, Prof. Dr. Beate

Eine Sendung von

Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessenwaldeck

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Auf Unerwartetes einlassen

Der hr4 Feiertagsgottesdienst aus der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in Kassel beginnt um 10:04 Uhr. Bischöfin Beate Hofmann von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hält die Predigt und gestaltet die Liturgie gemeinsam mit Pfarrer Hartmut Feußner und hr4 Redakteurin Vera John. 

Eine Kirche aus den 1960ger Jahren

Die Kirche in in der Wolfhagener Straße 268 B wurde in den 1960er Jahren erbaut. Sie hat eine wunderschöne zeltartige Decke aus Holz, deren Hölzer einen Davidstern andeuten und zeigen so: Altes und Neues Testament gehören zusammen. 

„Auf Unerwartetes einlassen“

Der Gottesdienst steht unter dem Motto: „Auf Unerwartetes einlassen“ und lädt ein weihnachtlichen Erfahrungen und Begegnungen nachzuspüren. Dabei werden eine Erzählung von Heinrich Böll und die Weihnachtsgeschichte miteinander verbunden. 

Musik im Gottesdienst

Die musikalische Gesamtleitung liegt in den Händen von Bezirkskantorin Christine Spuck, die Orgel und Klavier spielt. Unter ihrer Leitung wirken mit: Kerstin Bohlender und Charlotte Bellin, Handglocken, Rüdiger Spuck Geige, Joachim Pfannschmidt, Horn. Ebenso 4 Sängerinnen und Sängern unter der Leitung von Jochen Faulhammer: Petra Korff, Sopran, Stefanie Schnittker-Schlotthauer, Alt, Rolf Sostmann, Tenor, Jochen Faulhammer, Bass.

Nach dem Gottesdienst können Hörer*innen mit Bischöfin Beate Hofmann telefonieren: Sie ist von 11:00 bis 12.00 Uhr unter der Telefonnummer 0561 93781351 zu erreichen. 

Hier geht es zum Livestream auf der hr4 Webseite.

Predigt von Bischöfin Beate Hofmann:

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörende am Radio,
Weihnachten ist ein Fest, das unerwartete Begegnungen ermöglicht: Könige in einem Stall, Engel bei Hirten, ein Kind bei Ochs und Esel, Gott bei den Menschen. Und nicht nur damals, in Bethlehem, hatten ein paar Menschen Begegnungen, die sie verändert haben. Bis heute sind die Herzen der Menschen an Weihnachten so offen und weich, dass sie sich in besonderer Weise berühren und verwandeln lassen. 

„Monolog eines Kellners“

Von einer solchen Begegnung erzählt der Schriftsteller Heinrich Böll in „Monolog eines Kellners“ aus dem Jahr 1959. Die Hauptperson, ein Kellner, serviert an Heilig Abend in einem Hotel das Weihnachtsdinner und zieht sich danach zurück in sein Zimmer. Er will dort essen und ausruhen. Plötzlich geht die Zimmertür auf und ein kleiner Junge kommt herein. Der blasse Junge war dem Kellner schon beim Servieren aufgefallen. Er hatte alle möglichen Speisen bestellt und nichts gegessen. Jetzt sieht er beim Kellner eine Erbsensuppe auf dem Tisch stehen.

Böll schildert die Begebenheit so:

Lesung: Jochen Faulhammer

„Darf ich mal kosten?“

„Darf ich mal kosten?“ – „Sicher, bitte“, sagte ich, „setz dich hin.“ Nun, er aß drei Teller Erbsensuppe, ich saß neben ihm auf meinem Bett, trank Bier und rauchte und konnte richtig sehen, wie sein kleiner Bauch rund wurde (…) Schließlich konnte der Bengel nicht mehr. 

Ein Junge auf der Suche nach einer Kuhle fürs Murmelspiel

„Mein Gott, jetzt habe ich dir alles aufgegessen.“ – „Macht nichts“, sagte ich, „ich bin noch satt geworden. Bist du zu mir gekommen, um Erbsensuppe zu essen?“ – „Nein, ich suchte nur jemand, der mir helfen kann, eine Kuhle zu finden; ich dachte, du wüsstest eine.“ Kuhle, Kuhle, dann fiel mir’s ein, zum Murmelspielen braucht man eine, und ich sagte: „Ja, weißt du, das wird schwer sein, hier im Haus irgendwo eine Kuhle zu finden.“ – „Können wir nicht eine machen“, sagte er, „einfach eine in den Boden des Zimmers hauen?“ 

Einfach ein Loch in den Parkettfußboden geschlagen

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, aber ich hab’s getan, und als der Chef mich fragte: „Wie konnten Sie das tun?“, wusste ich keine Antwort. (…). Und dass die Versicherung eine Erklärung verlangen würde, und so weiter, und so weiter. Haftpflicht, Arbeitsgericht, und immer wieder: unglaublich, unglaublich. Sollte ich ihnen erklären, dass ich drei Stunden, drei geschlagene Stunden lang mit dem Jungen Kuhle gespielt habe, dass er immer gewann, dass er sogar von meinem Bier getrunken hat – bis er schließlich todmüde ins Bett fiel? Ich hab’ nichts gesagt, aber als sie mich fragten, ob ich es gewesen bin, der das Loch in den Parkettboden geschlagen hat, da konnte ich nicht leugnen; Fünfunddreißig Jahre im Beruf, immer tadellos geführt. 

Gute Kellner werden überall gesucht

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können; ich hätte wissen müssen, was ich tat, und hab’s doch getan: Ich bin mit dem Aufzug zum Hausmeister hinuntergefahren, hab’ Hammer und Meißel geholt, bin mit dem Aufzug wieder raufgefahren, hab’ ein Loch in den Parkettboden gestemmt. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass seine Mutter darüber stolpern würde, als sie nachts um vier betrunken aus der Bar zurückkam. Offen gestanden, ganz so schlimm finde ich es nicht, auch nicht, dass sie mich rausgeschmissen haben. Gute Kellner werden überall gesucht“.

Kellner und Junge waren an diesem Heiligabend einfach füreinander da

Bischöfin Hofmann
Böll lässt offen, was den Kellner bewegt hat zu dieser verrückten Aktion. Vielleicht hatte er Mitleid mit dem einsamen Kind. Oder er hatte Lust, einmal etwas ganz Ungewöhnliches zu tun. Auf jeden Fall hat er sich auf die unerwartete Begegnung mit diesem Jungen eingelassen. Und der Junge ist vertrauensvoll auf den Kellner zugegangen, der allein in seinem Zimmer saß. An diesem Heiligabend waren sie einfach füreinander da.  Und der Kellner hat sich von der Freude des Jungen am Spielen anstecken lassen. Deshalb bereut der Kellner nicht einen Moment - trotz der massiven Konsequenzen - dem Wunsch des Kindes gefolgt zu sein. Diese Weihnachtserfahrung kann ihm niemand mehr nehmen. 

Musik: Camille Saint-Saens, Romanze op. 36

Auch Josef lässt sich auf etwas ein und erwartet Dinge, die er nicht erwartet hätte

Vielleicht hat sich Josef in der Weihnachtsgeschichte so ähnlich gefühlt wie dieser Kellner. Da wird seine Verlobte ohne sein Zutun schwanger und ein Engel fordert ihn nachts im Traum auf, bei ihr zu bleiben und sich um das Kind zu kümmern. Er lässt sich darauf ein und erlebt Dinge, die er nicht erwartet hätte: Das Kind wird unterwegs geboren, in einem Stall, zwischen Ochs und Esel. Engel haben den Hirten auf dem Feld von der Geburt erzählt. 

Ein Geschenk des Himmels: Das Kind in der Krippe

Mitten in der Nacht taucht zwischen ihren Schafen plötzlich eine Lichtgestalt auf und verkündet ihnen: „Euer Retter ist geboren ist, einer, der Frieden bringen wird, der für Gerechtigkeit einsteht, der euch mit all eurer schweren Arbeit und euren Ängsten vor der Zukunft sieht und bei euch sein wird.“ Und so setzen sie sich in Bewegung. Auch weise Männer aus fernen Ländern. Sie laufen wochenlang einem Stern nach, um das Kind zu finden und zu verehren.  Sie wollen es sehen und es beschenken, denn dieses Kind soll ein Geschenk des Himmels sein, ein neuer König, Heiland, Retter, Licht für Menschen, die einsam sind oder wenig Hoffnung haben auf eine gute Zukunft. 

Unerwartete Begegnungen

Und so kommt es zu unerwarteten Begegnungen. Josef schaut auf das Kind und wundert sich, dass er, der harte Kerl, der Zimmermann aus Nazareth, sich so über dieses Kind freuen und so zärtlich sein kann.

Vermutlich kann Josef das seinen Freunden und seinen Geschwistern kaum erklären, auch nicht, dass er dann mitten in der Nacht Mutter und Kind auf einen Esel gepackt hat und nach Ägypten weitergereist ist, um das Kind vor den Soldaten des Herodes zu schützen. Diese Geburt hat sein Leben ordentlich durcheinandergewirbelt.

Auch die Hirten wissen nicht so recht, auf was sie sich einlassen

Auch die Hirten lassen sich auf Unerwartetes ein und folgen der Botschaft der Engel. So finden sie das Kind in Windeln gewickelt zwischen Ochs und Esel in einer Krippe. Heiland, Christus, der Herr, so ganz haben sie das nicht verstanden, was der Engel da alles über das Neugeborene erzählt hat. Aber bei ihrer ersten Begegnung mit dem Kind spüren sie: Hier ist Frieden inmitten all der Unruhe und dem Unfrieden, hier ist kein Hass, keine Gewalt, kein Neid, hier ist ein anderes Miteinander. Reich Gottes nennen wir das.

Das Reich Gottes auf Erden hat begonnen

Mit Jesus ist es in die Welt gekommen. Gottes Reich ist zwar noch nicht ganz da, aber ein Anfang ist gemacht, das feiern wir an Weihnachten. Dieser Anfang hat eine unerwartete Wirkung. Das spürt Josef, das erleben die Hirten und die Gelehrten, die dem Stern nachgegangen sind, um den neuen König zu finden. Das erfahren auch die Menschen, die Jesus gefolgt sind, als er erwachsen war. Sie haben erlebt: wie Jesus Menschen heilt und Streit schlichtet, wie er Außenseiter zurück in die Gemeinschaft holt und ein Leben in Liebe, Achtung und Respekt vorlebt. Und sie so neu in Verbindung mit Gott bringt. 

Bis heute folgen Menschen dieser Botschaft, lassen sich inspirieren von der Haltung der Nächstenliebe und dem Vertrauen auf Gott, der uns dieses Kind geschickt hat, seinen Sohn, der „Gott mit uns“. 

Musik: Felix Mendelson, The Herald-Angels sing, arr. für Handglocken by Alan LOL 

Haben Sie Traditionen und festgelegte Rituale an Weihnachten?

Vielleicht haben Sie in diesen Weihnachtstagen auch Besuch oder Sie machen sich auf den Weg, um Menschen zu besuchen. Vielleicht gibt es da festgelegte Rituale, ein traditionelles Essen, Gespräche über Gesundheit oder Urlaube, aber auch über das, was Sorgen macht, worüber sie sich ärgern oder aufregen. Vielleicht sind alle sehr bemüht, die schwierigen Themen zu umschiffen, damit es friedlich bleibt, wenigstens an Weihnachten. Aber vielleicht geschieht auch etwas Unerwartetes, nicht gleich ein Loch im Parkett, um mit Murmeln zu spielen wie bei Heinrich Böll. Aber vielleicht ist da ein Mensch, der sich freut, Sie zu sehen, ein Moment, in dem Sie die Zeit vergessen oder die Sorgen und das Leid. 

Heilig Abend bei der Mutter im Altenheim

Vor ein paar Jahren habe ich so einen Moment erlebt, im Pflegeheimzimmer meiner Mutter. Sie war fast 90 und dementiell erkrankt; ein normales Gespräch war kaum noch möglich. Die Besuche waren anstrengend. Am Heiligen Abend war sie völlig verschlossen und aggressiv, sie wollte nicht zum Weihnachtsgottesdienst im Pflegeheim gehen und interessierte sich nicht für ihr Geschenk, das ich mit viel Mühe ausgesucht und eingepackt hatte. Nur die Plätzchen hat meine Mutter eins nach dem anderen vom Teller gefischt und gegessen. Ich bin ziemlich traurig und bedrückt nach Hause gegangen. 

Ein unerwarteter Weihnachtsmoment

Und zwei Tage später, am 2. Weihnachtsfeiertag, bin ich mit zwei Freundinnen wieder zu ihr hingegangen. Eine hatte eine Gitarre dabei und dann haben wir eine Stunde lang im Zimmer meiner Mutter Weihnachtslieder gesungen. Das ganze Repertoire rauf und runter. Zwischendurch kamen auch Zimmernachbarn und hörten von der Tür aus neugierig zu. Meine Mutter sang fleißig mit, sie konnte viel mehr Strophen auswendig als wir. Ihr Gesicht war gelöst, sie lachte und freute sich über die vertrauten Melodien und Texte. Die Mühen des Alltags, das Unglück über die eigene Krankheit, der Zorn über das, was nicht mehr ging und so verwirrend war, alles trat zurück in diesen Momenten. Wir waren einfach da und beieinander. Nach einer guten Stunde war es dann genug. Sie legte sich auf ihr Bett und schlief ein. Erschöpft, aber beglückt bin ich an diesem Nachmittag mit meinen Freundinnen nach Hause gegangen, mit viel Freude im Herzen und Dankbarkeit für den unerwarteten Verlauf dieser Begegnung. 

Ich wünsche Ihnen in diesen Weihnachtstagen solche Begegnungen, Momente, in den Unerwartetes geschieht und sie sich einlassen können, und die Weihnachtsfreude Ihr Haus und Ihr Herz erfüllt. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie und die Menschen um Sie herum von dem göttlichen Kind berührt und verwandelt werden, durch Blicke, durch Worte, durch Melodien.

Amen

Musik: „Ich steh an deiner Krippen hier“, EG 37, 1,2 und 4