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Der Letzte sein – das ist es!
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Der Letzte sein – das ist es!

Winfried Hahner
Ein Beitrag von

Winfried Hahner,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit, Künzell-Pilgerzell
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 „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“. Einer dieser Jesussätze, die es in sich haben. Der Evangelist Markus hat ihn überliefert. Der Letze sein, Diener aller sein. Wer will das schon? Donald Trump auf jeden Fall nicht. „Amerika first“ ist sein Motto. In anderen Ländern taucht dieses Motto inzwischen mehr oder weniger offen auch auf: „Wir lassen keine Flüchtlinge rein“, Deutschland den Deutschen“. Das Motto ist verführerisch. Zugegeben: Es gibt durch die vielen zu uns geflüchteten Menschen einige Probleme mehr. Wenn wir da so unter uns wären… Da wäre doch alles unproblematischer, so wie noch vor einigen Jahren. Dieser Gedanke kann sich schnell einnisten.
Vor einigen Jahren, ja, da waren im Stadtbus Deutsche noch in der Überzahl. Die paar Südeuropäer, Türken und Spätaussiedler  -  an die hatten wir uns längst gewöhnt, genauso wie an Pizza, Tapas, Gyros, Döner, Soljanka, Piroggen … Und jetzt ein babylonisches Stimmengewirr! Und was es alles für Hautfarben gibt! Bei meiner letzten Fahrt mit dem Stadtbus war der Busfahrer auch kein „Urdeutscher“. Vor ein paar Wochen ging es durch die Medien. 40000 Bus- und LKW-Fahrer werden gesucht! Genauso sucht das Handwerk händeringend Auszubildende. Und als mein Vater im Altenpflegeheim seine letzten Jahre verlebte, sagte er oft: „Junge, gibt es denn keine Deutschen mehr? Ich versteh die hier nicht!“
Wie sagte es Jesus? „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35)

Musik: Philipp Glass, Company, Satz 1, CD: Violin Concerto, Dauer: 2:33

„Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ Das Wort Jesu hat gesessen. Seinen Jüngern hatte Jesus es gesagt. Er hatte versucht sie zu sensibilisieren, dass er, der Menschensohn weltliche Macht nicht anstrebe. Stattdessen werde er den Menschen ausgeliefert und getötet werden. Aber drei Tage nach seinem Tod würde er auferstehen. Die Jünger müssen dann sein Werk fortsetzen, ohne seine konkrete Nähe.
Aber diese Worte hatten die Jünger wohl gar nicht gehört, sondern hingen nach wie vor an ihren Träumen. Einer davon: Jesus übernimmt die Herrschaft im Land. Außerdem hatten sie sich darüber unterhalten, wer dann der Größte von ihnen sei. Das war aber nicht im Sinne Jesu! Er dachte anders.
Dabei hat Jesus in seinem Eifer für das Reich Gottes wohl übersehen, dass seine Jünger halt auch Kinder ihrer Zeit waren, und er sie oft überfordert hat. Sie hatten ihre althergebrachten Denkschablohnen. Sie spürten: Jesu neue Sichtweise für das Leben zu übernehmen ist wohl richtig, aber die Umsetzung, da haperte es doch noch gewaltig. Einige von ihnen hatten wohl Kontakte zu religiösen Sondergruppen. Da war es üblich regelmäßig Ranglisten zu erstellen, wer die Ordnung, die Regeln, den Geist der Gemeinschaft am besten befolgte. Klassenbester, die beste Auszubildende, der Vertreter, der die meisten Versicherungen verkauft hat. So machen wir das ja heute auch. Warum sollte das in der Gemeinschaft mit Jesus anders sein? Der Beste, der Erste zu sein, das ist doch erstrebenswert! Aber bei Jesus gelten eben andere Maßstäbe. 
Vielen von uns geht es heute ähnlich wie den Jüngern damals: Gut zu sein, der Beste, der Erste, was ist denn schlimm daran? Nur so kommst du zu was, bist du wer! Die Werbung unterstützt diese Haltung: Das Größte, das Schönste, das Schnellste, das Beste muss es sein. Inzwischen liegen aber auch Mahner im Trend mit dem Tenor „Weniger ist mehr“. Aber so richtig unentspannt scheinen mir die aus diesen Mahnungen entstandenen Alternativprogramme auch nicht zu sein. Wo gibt es die hippeste Fastenkur, das intensivste Schweigeseminar, den Pilgertripp mit der minimalsten Ausstattung!
Ja, es ist und bleibt ein irritierendes Wort: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“
Es geht uns gegen den Strich! Der Letzte von allen, der Diener aller sein – das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was heute als geglücktes Leben gilt: Erfolg, Anerkennung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung! Was Jesus fordert, scheint völlig querzustehen zu unseren normalen Lebensentwürfen, klingt muffig und zurückgeblieben, Moral für die ewig Gestrigen, für Leute, die sich selbst nicht allzu viel zutrauen. „Wer der Erste sein will, soll der Letze von allen und der Diener aller sein.
In diesem Sinne hat die Kirche ja auch immer wieder gepredigt: zurückstehen, beschneiden sein, verzichten, sich aufopfern, das Irdische verachten und das Himmlische mehr lieben... Das aber scheint mir ein großes Missverständnis zu sein. Christen glauben die Welt ist Gottes Schöpfung, sie ist uns geschenkt, damit wir uns an ihr erfreuen. Gott hat Ihre Reichtümer, ihre verschwenderische Vielfalt zur Freude von uns Menschen geschaffen. Das ist tiefe Überzeugung biblischen Glaubens schon von der ersten Seite der Bibel an. Jesu will uns Menschen die Freude am Leben nicht vergällen. Sein Wort zielt, auch wenn es sich zunächst ganz anders anhört, auf das Glück, die Freude hin.

Musik: Philipp Glass, Company, Satz 2, CD: Violin Concerto, Dauer: 1:54

 „Wer der Erste sein will, soll der Letze von allen und der Diener aller sein.“
Wie immer, bleibt Jesus nicht bei der Theorie stehen. Er demonstriert seinen begriffsstutzigen Jüngern sofort wie sie seinen Satz verstehen sollen.

Denn der Evangelist Markus berichtet: „Er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ (Mk 9,36-37)
Ich stelle mir vor, diese Szene fand in Kafarnaum, im Innenhof des Hauses des Petrus statt. Und wie Jesus da unter einem schattigen Baum im Kreis der Jünger sitzt, springen auch etliche Kinder herum. Da bittet Jesus eines von Ihnen in die Mitte der Jünger-Gemeinde. Er umarmt es. Wie süß, könnte es uns da rausrutschen. Aber diese Szene verträgt kein verniedlichendes „Der liebe Heiland und das kleine Kind“. Ein Kind in den Mittelpunkt zu stellen, das war damals, im alten Israel, revolutionär. In den Mittelpunkt gehörte kein Kind. Kinder waren zur Zeit Jesu nicht viel wert. Oft wurden sie als Belastung empfunden. In vielen Familien war Kinderreichtum die einzige Form des Überflusses. Alle Kinder satt zu bekommen, konnte an die Existenz der Familie gehen. Außerdem konnten Kinder noch nicht richtig arbeiten und zum Lebensunterhalt beitragen. Lediglich für einige kleine Dienste in Haus und Hof konnten sie eingesetzt werden. Außerdem waren sie noch nicht religiös mündig. Sie waren mit dem Gesetz nicht richtig vertraut. Erst größere Kinder und Jugendliche waren zumindest geschätzt als willkommene Arbeitskräfte, um den Familienunterhalt zu sichern. Später einmal konnten sie dann für die Altersversorgung der Eltern aufkommen. So ein gering geachtetes Kind, das eben noch die Tischdienste im Haus verrichtet hatte, nimmt Jesus jetzt zärtlich in seine Arme. Ich male mir aus: Jesus hat sich dabei selbst klein gemacht. Hat sich neben das Kind gekniet, hat aus der Augenhöhe des Kindes zu den Jüngern gesprochen und ihnen so seine Haltung gegenüber den Kleinen vor Augen geführt. Diese Haltung erfordert auch von uns, uns herabzulassen, gewohnte Standpunkte und Positionen aufzugeben und andere Blickwinkel einzunehmen. Durch das Kind haben die Jünger die Sichtweise Jesu kennengelernt. Durch diesen Blickwechsel hat Jesus vielleicht am eindrucksvollsten die Ankündigung seines Leidens unterstrichen. Er macht sich selbst klein und niedrig. Und jeder, der es ihm gleich tut, darf ihn an der Seite wissen. Aus einem wenig beachteten Kind, wird jetzt ein Repräsentant des Reiches Gottes!

Musik: Philipp Glass, Company, Satz 3, CD: Violin Concerto, Dauer: 1:48

 „Wer der Erste sein will, soll der Letze von allen und der Diener aller sein.
In unserem Ort leben in einer Gemeinschaftsunterkunft bis zu 150 zu uns geflüchtete Menschen. Wir haben in unserem Ort ein Netzwerk gegründet. Vereine, Einzelpersonen und wir als Kirchengemeinde engagieren uns ehrenamtlich dafür, dass die Geflüchteten erfahren: Wir wertschätzen sie! Feuerwehr und Sportverein kümmern sich in erster Linie um Kinder, Jugendliche und Männer. Wir als Kirchengemeinde suchen Kontakte zu den Frauen. Angefangen hatten wir mit dem Motto: „Frauen für Frauen“, inzwischen haben wir es abgeändert in „Frauen mit Frauen“. Denn aus den Treffen der Frauen haben sich zahlreiche persönliche Kontakte ergeben. Das bereichert alle. Die einen, weil sie Unterstützung erfahren bei Wegen zu Behörden, zum Arzt, ins Krankenhaus und beim Erlernen der deutschen Sprache. Die andern, weil sie eine wunderbare Gastfreundschaft erleben und mit einer ganz anderen Kultur Erfahrungen machen können. Alle spüren: Je besser wir uns verstehen, umso besser oder normaler wird unser Zusammenleben. Natürlich läuft nicht immer alles glatt. Es gibt auch Probleme. Aber unterm Strich gesehen: sich in den Dienst der geflüchteten Frauen zu stellen, „Dienerin“ zu sein, bereichert!
Die Botschaft der Aktion „Frauen mit Frauen“ ist für mich: Für sich, egoistisch, in das eigene Ich verliebt kann der Mensch nicht leben. Und da leuchtet mir das Jesuswort noch mehr ein: „Wer der Erste sein will, soll der Letze von allen und der Diener aller sein.

Musik: Philipp Glass, Company, Satz 4, CD: Violin Concerto, Dauer: 2:30

 „Wer der Erste sein will, soll der Letze von allen und der Diener aller sein.“ Genauso hat Jesus gelebt. Er war kein Kind von Traurigkeit. Er hat sich an den Blumen des Feldes, an den Vögeln des Himmels und an den spielenden Kindern auf dem Markt gefreut. Er hat gern mit Menschen zu Tisch gesessen, gegessen, getrunken, mit ihnen geredet, Vertrautheit und Gemeinschaft erfahren. Aber er hat nicht verbiestert sein eigenes Glück gesucht, er war innerlich frei und souverän; er konnte seine Zeit an die Menschen verschenken. In seiner Gegenwart konnten Menschen aufleben. Das erfahren auch die zu uns geflüchteten Frauen: „Hier können wir wirklich aufleben. Es gibt deutsche Frauen, die es gut mit uns meinen. Sie verschenken ihre Zeit an uns, suchen nicht verbiestert ihr eigenes Glück!“
Ob sie, die Muslima sind, ahnen, dass unsere Frauen genauso handeln wie Jesus?
Jesus war wohl der glücklichste Mensch, weil er der Diener aller war, nicht im sklavischen, sondern befreienden Sinn und wurde dadurch für uns zum ersten und einzigartigen Vorbild. Diesem Vorbild nachzueifern – das ist es!

Musik: Erik Satie, Lent et douloureux, CD: Meditation – Musik zum Entspannen und Träumen, Dauer: 3:30

 

Musikauswahl: Regionalkantor Thomas Pieper, Kassel

 

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