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Du bist bei mir
Bild: Mariya_pixabay

Du bist bei mir

Prof. Dr. Thomas Hieke
Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Hieke, Professor für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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Ich habe in den neunziger Jahren Theologie studiert. Da musste – oder durfte? – ich eine Hausarbeit schreiben zu Psalm 23. Seither begleitet mich dieses Gebet oder Gedicht aus dem Alten Testament. Mein erster Vortrag in einer Pfarrgemeinde ging zu Psalm 23. Die Computerdisketten von damals kann man heute nicht mehr lesen – daher habe ich nicht den alten Vortrag herausgekramt, sondern mich wieder einmal neu mit Psalm 23 befasst. Der Text lässt mich – auch nach Jahrzehnten – nicht los. Er beginnt so:

Ein Psalm Davids.
Der Herr ist mein Hirt,
nichts wird mir fehlen.

Mein Begleiter von der Wiege bis zur Bahre?

Psalm 23 ist einer der beliebtesten Texte der Bibel. Bei der Beisetzung von Königin Elisabeth II. wurden diese Verse gesungen. Es ist interessant, dass der Psalm nicht nur bei Beerdigungen zu hören ist, sondern auch bei Taufen. Häufig erfolgt bei uns die Taufe im Säuglingsalter. Ist damit Psalm 23 praktisch ein Begleiter „von der Wiege bis zur Bahre“? Sind das Sätze für alle Lebenslagen? Woher kommt diese Beliebtheit? Dieser Faszination des Psalms möchte ich etwas nachgehen.

Das jüdische Wort „Adonai“ klingt nicht sofort nach „Mann“

„Der Herr ist mein Hirt“ – der geheimnisvolle Gottesname wird im Hebräischen mit den vier Buchstaben Jod-He-Waw-He geschrieben und von der griechischen Bibel mit kyrios wiedergegeben. Daher kommt die im Deutschen geläufige Übersetzung mit „der Herr“, im Englischen „the Lord“. Auch wenn das so eingespurt und vertraut ist, so fühle ich doch ein gewisses Unbehagen dabei: Wird damit Gott auf ein maskulines, männliches Bild festgelegt? Ist „der Hirt“ immer ein „Mann“? Im Judentum liest man für das Vier-Buchstaben-Wort JHWH als Ersatz adonai, was auch „mein Herr“ heißt, oder eben ha-schem, „der Name“. Wenn ich im Deutschen Adonai sage, ist das etwas fremd und klingt nicht sofort nach „Mann“. Das finde ich gut, und daher möchte ich im Folgenden immer Adonai sagen, wenn ich JHWH meine. Also: Adonai ist mein Hirt.

Diese Fassung des Psalm spricht von Gott nicht „maskulin“

Hier ist Psalm 23 zu hören in einer Fassung, die von Gott nicht „maskulin“ spricht, sondern Gott mit dem englischen Fürwort „she“ – „sie“ – bezeichnet.

Musik 1: Bobby McFerrin, The 23rd Psalm (CD: Bobby McFerrin, Medicine Music, Track 12)

Der Name Gottes hüllt den Psalm ein

Adonai ist mein Hirt. Der Gottesname Adonai bildet einen Rahmen um Psalm 23: Es ist das erste Wort und kommt in der letzten Zeile vor: im Haus Adonais. Der Name Gottes hüllt den Psalm ein: Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf. Die Form des Psalms entspricht seinem Inhalt.

Die Zeilen fassen zusammen, was Hirten ausmacht

Adonai ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen: Die folgenden Zeilen in Psalm 23 entfalten in Bild und Sache, was die Kurzformel vom Hirten zusammenfasst.

Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Meine Lebenskraft bringt er zurück.
Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,
getreu seinem Namen.

Der Psalm verharrt aber nicht im Hirtenbild

Vor den Augen steht der gute Hirt oder eben auch die gute Hirtin, der oder die sich fürsorglich um die Tiere kümmert: gute Nahrung, reichlich Wasser, Ruhe und Sicherheit. Auch wenn viele Menschen heute in Städten leben, ist dieses Bild doch (aller)meist noch vertraut, mindestens aus dem Werbefernsehen oder Spielfilmen. Bevor der Psalm aber zu sehr im Hirtenbild versinkt, kehrt er ins eigentliche Leben zurück: Meine Lebenskraft bringt Adonai zurück.

Adonai sorgt für meine Vitalität und meine Gesundheit

Meine Lebenskraft: Dahinter steckt im Hebräischen die Kehle – nefesch –, das Organ, durch das alles hindurchmuss, was mich am Leben erhält: Luft, Wasser, Nahrung. Es geht um mein Leben, um meine Vitalität, auch um meine Gesundheit, um alles eben. Dafür sorgt Adonai. Wie tröstlich.

Im Psalm steckt auch Ermahnung zum anständigen Leben

Und Gott leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit: Gott gibt mir eine Weisung, dass ich gerecht lebe: verlässlich und treu gegenüber meinen Mitmenschen, aufrichtig und ohne Hinterlist – ja, etwas Ethik und Ermahnung zu einem anständigen Leben steckt auch in diesem Psalm. Aber nur so – auf Pfaden der Gerechtigkeit – hält unsere Gesellschaft zusammen, ob die Menschen nun an Gott, den Hirten, glauben oder nicht.

Der Psalm weiß auch um die dunklen Seiten des Lebens

Es ist aber nicht immer eitel Sonnenschein auf grünen Auen und am Ruheplatz am Wasser. Der Psalm weiß um die dunklen Seiten des Lebens – wie realistisch. So geht es weiter:

Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab,
sie trösten mich.

Sich selbst Mut machen wie beim Singen im tiefen Keller

Das finstere Tal bleibt keinem erspart. Leider ist es so, und mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man das finstere Tal erfährt – wobei auch junge Menschen oft schon viel Negatives, Leid und Trauer erleben müssen. Jede und jeder könnte jetzt eine Geschichte erzählen. Doch bevor der Psalm in Mutlosigkeit abgleitet, kommen zwei starke Worte. Das erste lautet: Ich fürchte kein Unheil. Das ist eine Selbstvergewisserung. Nein, ich fürchte mich nicht. Nein, gewiss nicht. Es ist ein bisschen wie das Pfeifen im dunklen Wald oder das Singen im tiefen Keller – man macht sich selbst Mut. Das hilft schon etwas, aber es reicht noch nicht.

Notschrei und Aufatmen: du bist bei mir

Das zweite starke Wort in Psalm 23 steht im Zentrum des Psalms. Es dreht die bisherige Rede über Gott in eine Anrede an Gott: denn du bist bei mir. Was ist das für ein Sprechakt, was schwingt hier alles mit? Ein Bekenntnis, eine Hoffnung auf Zukunft, eine Erfahrung der Vergangenheit, eine ganze Summe von Lebenserfahrung – ein Notschrei: du bist doch bei mir, wo bist du eigentlich? – ein Aufatmen: du bist bei mir, ich bin nicht allein – ein Zuspruch: du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, deine Hirtenwerkzeuge, sie trösten mich.

Menschen brauchen einander

Du bist bei mir – diesen Satz zu Gott zu sprechen, setzt eine Grund-, Ur- und Basiserfahrung aus dem zwischenmenschlichen Bereich voraus. Ich kann diesen Satz nur auf Gott übertragen, wenn ich als Mensch erfahren habe, dass ich nicht allein bin. Selbst ein Einsiedler ist nicht als Einsiedler geboren, sondern wurde genährt und getragen und war eben nicht allein. Menschen brauchen einander, von Geburt an und bis ins hohe Alter.

Musik 2: Heinrich Schütz, Der Herr ist mein Hirt / Psalm 23 (CD:  Heinrich Schütz, Psalmen Davids, Kammerchor Stuttgart, Track 12)

Gott will mich trösten, wie eine Mutter ihr Kind

Du bist bei mir – der zentrale Satz von Psalm 23 überträgt eine ganz starke Lebenserfahrung vom Zwischenmenschlichen auf Gott. So nahe, wie ich Menschen erfahren habe, so nahe will Gott, der gute Hirt, mir sein – mich trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet (vgl. Jes 66,13). Psalm 23 ist kein Text, der mal eben so herunterzulesen ist und über etwas informiert wie ein Beipackzettel eines Medikaments. Beim lauten Lesen merke ich bereits so etwas wie die Nähe Gottes.

Aus dem Hirt wird ein Wirt

Nun geschieht etwas Merkwürdiges, vielleicht sogar etwas Humorvolles. Aus dem Hirt wird ein Wirt. Da heißt es im Psalm:

Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,
übervoll ist mein Becher.

Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang
und heimkehren werde ich ins Haus Adonais für lange Zeiten.

Du sollst dir keine Bild machen, keine fixe Gottesidee

Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde: Einen Moment lang steht mir das Schaf vor Augen, das eben von den grünen Auen an einen gedeckten Tisch geführt und bedient wird, und ich schmunzele etwas. So ist biblische Bildsprache: Sobald man Gott greifen und begreifen, auf eine Vorstellung festlegen, festnageln will – wird das Bild gesprengt und es kommt ein neues um die Ecke. Du sollst dir kein Bild machen – eben auch keine fixe Gottesidee. Nun also der Wirt und der gedeckte Tisch vor den Feinden. Wieder greift der biblische Realismus: Wer hat keine Feinde? Vielleicht ist nicht nur an missliebige Menschen in der Umgebung zu denken. Vielleicht ist auch all das gemeint, was momentan viel Angst macht. Manchmal stockt mir der Atem angesichts so vieler schlechter Nachrichten von Kriegen und gewalttätigen Menschen. Gerade im Angesicht von Angst machenden Dingen und Menschen bekennt der Psalm Gottes Nähe und Fürsorge: Gottes Fürsorge für den äußeren Körper – du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, und für das innere Wohlbefinden – übervoll ist mein Becher. Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang – der Psalm klingt langsam aus – heimkehren werde ich ins Haus Adonais für lange Zeiten. Wenn man mit dem Psalm atmet, wird man jetzt am Ende ruhig.

Musik 3: Antonin Dvorak, Psalm 23, Gott ist mein Hirte (CD: Love and Longing, Magdalena Kozená, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle)

Es gibt Zeiten, da muss man durchs finstere Tal

Ist Psalm 23 eigentlich ein Loblied? Gott zu loben wäre der Normalfall, eben, wenn es mir gut geht. Doch das Leben ist nicht immer so, wie Psalm 23 weiß. Es gibt Zeiten, da muss man durchs finstere Tal. Das ist die Zeit der Klage – wenn selbst Jesus am Kreuz schreien muss: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2; Mk 15,34). Jesus betet hier aus Psalm 22 - das ist der Psalm unmittelbar vor Psalm 23. Psalm 22 beginnt mit der Klage über die Gottverlassenheit und geht dann in Bitten über: Rette mich vor dem Rachen des Löwen. Am Ende von Psalm 22 kommen der Dank und das Lob: Ich will deinen Namen [Gott] meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Gedichtet von jemandem der das Auf und Ab des Lebens kennt

So ergibt sich – abgeschaut vom Leben selbst – ein Kreislauf: Lob – Not – Klage, Bitte – Rettung – Dank – Lob. Das Auf und Ab des Lebenslaufs. Zu welchem Ende? Wenn man diesen Zyklus mehrfach durchlaufen hat, wenn man gemerkt hat, dass auf Klage und Bitte dann doch die Rettung folgt, wenn man aufatmen und von Herzen danken kann, und das immer wieder – dann breitet sich allmählich im Leben eine Basis aus, eine Vertrauensbasis. Davon singt Psalm 23. Es ist ein Vertrauenslied, das dann kommt, wenn der Kreislauf mehrfach durchlaufen wurde, wenn ich mehrfach aus dem finsteren Tal herausgekommen bin und an den gedeckten Tisch geführt wurde. Insofern vermute ich: Psalm 23 wurde eher von jemandem gedichtet, der schon einiges mitgemacht hat im Leben. Und der darin immer wieder die helfende Hand eines Menschen und darin den leitenden Stab Gottes gefunden hat. Der gemerkt hat: Ich bin nicht allein, du bist bei mir.

Der Psalm 23 bringt das Vertrauen auf das Gute

Psalm 23 lenkt den Blick auf diese Erfahrungen des Guten im Leben. Das wird leicht vergessen, weil das Dunkle, die Angst, sich so laut in den Vordergrund drängt – dagegen besingt und aktiviert Psalm 23 das Vertrauen auf das Gute: Das Gedicht holt die Rettungserfahrungen hervor, es erinnert an die Grunderfahrung, dass da Menschen sind, die mich nicht hängen lassen, dass ich nicht allein bin, und dass ich darin die Nähe Gottes spüren darf.

Auch, wenn ich Gottes Nähe gerade nicht spüre, kann ich hoffen

Gerade, wenn ich die Hilfe und Nähe Gottes einmal nicht spüre, wird es doch einen Weg durchs finstere Tal geben, der zum Ruheplatz am Wasser führt – ich kann diese Worte immer und immer wieder sagen. Sie schenken die nötige Ruhe in der Aufgeregtheit dieser Tage.

In den Stürmen des Lebens darauf vertrauen: Du bist bei mir

Psalm 23 – von der Wiege bis zur Bahre: Wenn dieser Psalm bei der Taufe, der Aufnahme in die christliche Gemeinde gesungen wird, dann auf Hoffnung hin. Der Mensch, der hier als Säugling, Jugendlicher oder Erwachsener den Glauben an den einen und einzigen Gott annimmt, möge – so die Hoffnung – in den Stürmen seines Lebens immer wieder die Erfahrung machen: Du bist bei mir.

Durchs finstere Tal des Todes gelange ich zur den ewigen Ruheplätzen

Wenn dieser Psalm 23 beim Begräbnis gesungen wird, dann wieder auf Hoffnung hin: einerseits ist es die Hoffnung der Hinterbliebenen, dass die verstorbene Person in ihrer Lebensbilanz sagen kann: Ja, ich habe erfahren, dass Gott bei mir war und ist, auch und gerade, wenn es durchs finstere Tal ging. Andererseits ist es die Hoffnung der verstorbenen Person selbst: Durchs finstere Tal des Todes werde ich hingelangen zu den ewigen Ruheplätzen am lebendigen Wasser Gottes.

Musik 4: Franz Schubert, Gott ist mein Hirt / Der 23. Psalm (CD: Schubert: Werke für Chor und Klavier; Andreas Staier, Norddeutscher Figuralchor, Dir.: Jörg Straube)

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