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Frieden auf Erden
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Frieden auf Erden

Dr. Dr. h.c. Volker Jung
Ein Beitrag von Dr. Dr. h.c. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Zum Foto: Ein ukrainischer Pfadfinder überreicht Präsident Wolodymyr Selenskyj das Friedenslicht von Bethlehem. Kiew, 14. Dezember 2022

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden! Das ist die Mitte der Weihnachtsgeschichte, der Geschichte von der Geburt des Jesus von Nazareth.

Gott wünscht allen Menschen Frieden auf Erden

Friede auf Erden: Das fasziniert und berührt immer wieder – gerade an diesem Weihnachtsfest. Denn gar nicht weit weg von uns, in der Ukraine, herrscht seit zehn Monaten Krieg. An anderen Orten auch. Gott wünscht allen seinen Menschenkindern etwas Anderes und will ihnen Frieden schenken: Frieden auf Erden.

Frieden - das heißt: Menschen leben gut zusammen. Sie teilen und genießen das Leben miteinander, sind füreinander da. Es geht gerecht zu unter ihnen. Alle haben die Chance auf ein gutes Leben. Niemand muss Hass und Gewalt fürchten. Das ist eine großartige Botschaft. Wie kann sie in die Wirklichkeit der Welt hineinwirken?

Weihnachten beginn in einem Stall in Bethlehem

Beginnen möchte ich dort, wo Weihnachten begann: In einem Stall in Bethlehem. Da wird ein Kind geboren. Die Eltern, Maria und Joseph, haben sich diesen Ort nicht ausgesucht. Beide kommen aus Nazareth, 150 Kilometer entfernt, damals eine Reise von sieben Tagen. Sie müssen diesen Weg auf sich nehmen, weil Kaiser Augustus in Rom eine Volkszählung angeordnet hat.

Joseph muss sich in seiner Geburtsstadt zählen lassen. Als sie in Betlehem ankommen, finden sie keine Herberge. Ihnen bleibt nur der Stall als Unterkunft. Dort bringt Maria ihr Kind zur Welt und gibt ihm den Namen Jesus. Nicht weit entfernt sind Schafe auf den Feldern und Männer und Frauen, die sie hüten. Sie erschrecken, als der Himmel mitten in der Nacht leuchtet.

Erst hören sie die Stimme eines Engels, der ihnen zuruft, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wird. Dann singt ein Engelschor: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Der Engel schickt sie auf den Weg zum Stall.

Sie brechen auf und finden Maria und Joseph und das Kind in der Krippe. Sie sind ergriffen und erfüllt von einer großen Hoffnung: Frieden auf Erden.

Das im Stall geborene Kind ist ein großes Hoffnungszeichen

In der Nacht von Bethlehem leuchtet die himmlische Friedensbotschaft hinein in die Welt. Sie macht das Kind, das dort im Stall geboren wird, zu einem großen Hoffnungszeichen. Das Fest seiner Geburt, das Weihnachtsfest, ist ein Friedensfest. Doch das erleben zurzeit nicht alle so.

Musik: Bernhard W. Sanders, Ehre sei Gott in der Höhe (Kölner Vokalsolisten)

Weihnachten ist ein Friedensfest

Das Weihnachtsfest ist ein Friedensfest. Für viele ist es wunderbar, wenn sie das auch irgendwie spüren können - in schönen und friedlichen Stunden. Im Kreis der Familie oder mit anderen lieben Menschen, mit denen sie gerne zusammen sind. Manche genießen auch, allein über die Weihnachtsbotschaft nachzudenken und wollen keinen Trubel haben.

Ich selbst freue mich, dass wir zuhause heute mit vier Generationen zusammen sein können. Wir beschenken uns, wir essen und trinken, wir reden und erzählen, wir singen gemeinsam. Nichts Besonderes also und doch so besonders. Denn dies ist ein großes Geschenk, das andere so nicht erleben können.

An Weihnachten tut es besonders weh zu sehen, wo überall Krieg herrscht auf der Welt

Gerade Weihnachten tut es besonders weh, wenn es in der Familie Streit gibt, wenn eine Trennung die Familie auseinandergerissen hat, wenn Menschen nicht mehr da sind und der Schmerz der Trauer über allem liegt. An Weihnachten tut es auch besonders weh zu sehen und zu erleben, wie weit weg diese Welt vom Frieden ist.

Es gibt so viele Kriege – schon viele Jahre in Syrien, in mehreren Ländern Afrikas. Kein Frieden ist auch in Bethlehem, dem Geburtsort Jesu und dem Ursprungsort seiner großen Friedensbotschaft. Es ist kein Frieden zwischen Israel und Palästina. Im Iran bedroht die Regierung Menschen, die um ihre Freiheit kämpfen.

Wie erleben die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchteten Menschen dieses Weihnachtsfest?

Besonders nah geht vielen an diesem Weihnachtsfest, was in der Ukraine geschieht: Zerbombte Städte, verletzte, trauernde, verzweifelte Menschen. Von dort sind viele Menschen hier in Deutschland untergekommen, geflohen vor den Angriffen der russischen Armee.

Nun erleben sie Weihnachten in der Fremde, manche allein, andere zusammen mit den Familien oder Freunden, die sie aufgenommen haben.

Ihre Gedanken werden nach Hause wandern. Selbst ruhige Weihnachtsstunden sind für sie keine Friedensstunden, weil sie in Gedanken bei denen sind, die zuhause bedroht werden oder die für ihr Land und um ihr Leben kämpfen. Im Krieg geschieht so viel Furchtbares.

Mir zerreißt es das Herz, wenn ich Bilder eines zerstörten Hauses sehe und höre, dass darin eine junge Familie ums Leben gekommen ist.

Und in diesen Unfrieden hinein sagen wir: Weihnachten ist das Fest des Friedens. Ob das zusammengehen kann, und wie: Die Friedlosigkeit und das Fest des Friedens.

Musik: Johann Eccard, Verleih uns Frieden gnädiglich (Bachchor Siegen unter Leitung von Ulrich Stötzel und das Johann Rosenmüller Ensemble)

Die Friedlosigkeit und das Fest des Friedens

Weihnachten ist ein Friedensfest - mitten in einer friedlosen Welt. Manche Menschen sagen deshalb: Diese Botschaft ist wertlos, weil Gott nicht für Frieden in dieser Welt sorgt. Auch damals, als das Kind im Stall geboren wurde und die Engel das Friedenslied sangen, ist nicht einfach Frieden geworden.

Jesus war kein mächtiger Friedenskönig

Und die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth war nicht so, dass er mit starker Hand für Frieden gesorgt hätte. Er war kein mächtiger Friedenskönig, der diese Welt befriedet hat – schon gar nicht mit Waffen und Gewalt.

Von Anfang war kein Friede in diesem Leben: Die Eltern in der Fremde, ohne richtiges Dach überm Kopf. Dann bald ein König, der diesem Kind nach dem Leben trachtet. Die Eltern fliehen mit dem Säugling.

Und auch später im Leben von Jesus: Sicher, er hat gepredigt von der Nähe, der Liebe und dem Frieden. Aber viele haben ihn abgewiesen, haben ihn verfolgt. Am Ende seines Lebens starb er einen qualvollen Tod als Verbrecher am Kreuz.

Mit dem Tod Jesu hört diese Geschichte nicht auf

Eine ganz und gar nicht friedliche Lebensgeschichte. Aber mit der Gewalt, mit dem Tod hört diese Geschichte nicht auf. Weil Gott will, dass nicht Gewalt und Krieg den Sieg davontragen, sondern das Leben. Deshalb reden wir von der Auferstehung. Deshalb sprechen wir davon: Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen, hat ihn auferweckt zu neuem Leben.

Mit dem Sieg über den Tod legt Gott seinen Frieden über das Leben Jesu.

Die Auferstehung ist der Sieg über Gewalt und Tod

So war und ist Jesus Christus ein großes Friedenszeichen für diese Welt – mit seinem Leben zwischen Krippe, Kreuz und Auferstehung. Christinnen und Christen glauben daran, dass Jesus Christus auf unsichtbare, auf himmlische Weise für immer da ist.

Sie glauben: Seine Friedensbotschaft und sein Geist können immer wieder neu Menschen erfüllen. Christus wird neu geboren, wenn Menschen auf ihn vertrauen und daraufsetzen, dass Gott durch ihn Frieden bringt.

Dann ist Weihnachten in den Herzen der Menschen.

Und es klingt in ihnen nach, was die Engel zur Geburt Jesu gesungen haben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Das ist die Botschaft, die Gott mit der Geburt seines Sohnes in die Welt hineinspricht.

Welche Kraft hat die Weihnachtsbotschaft?

Doch: Welche Kraft hat diese Botschaft, wenn Menschen einander Gewalt antun und Kriege führen?

Und was ist mit denen, die der Botschaft des Friedens folgen wollen? Und aktiv für sie eintreten wollen? Aber wie? Die einen sagen: Da hilft nur, Jesus konsequent zu folgen und auf jede Gewalt zu verzichten - auch darauf, sich selbst zu verteidigen. Jesus hat das so gemacht.

Als er verhaftet wurde, zog einer seiner Jünger das Schwert, um ihn zu verteidigen. Doch Jesus wies das zurück. Keine Gewalt, das hat er für sich selbst so entschieden. Er ging seinen Weg ans Kreuz und in den Tod. Aber ist das auch der Fingerzeig für alle anderen, es selbst so zu machen, wenn sie bedroht und angegriffen werden?

Musik: Johann Sebastian Bach, "Am Abend des selbigen Tages" / "Verzage nicht o Häuflein klein", BWV 42 (Masaaki Yamamoto Bach Collegium Japan, Dominik Warner, Robin Blaze etc.)

Ist Gewaltverzicht eine Lösung?

Lässt sich die Spirale der Gewalt durchbrechen, indem man selbst konsequent auf Gewalt verzichtet?

Oft ist es ja wirklich so, dass Gewalt immer wieder neue Gewalt hervorbringt. Auch dann, wenn es gar nicht um körperliche Gewalt geht. Da trennt sich ein Paar und gerät in einen erbitterten Streit. Die Auseinandersetzung wird immer härter und irgendwann geht es einzig darum, wer sich durchsetzt.

Andere schaffen es, sich zu verständigen, weil sie auf eigene Ansprüche verzichten. Sie suchen im Konflikt danach, sich dann doch im Frieden trennen zu können.

In politischen Konflikten friedliche Lösungen zu suchen, ist wichtig - aber ist das immer möglich?

Auch in politischen Konflikten ist es gut, friedliche Lösungen zu suchen. Es gibt eben oft unterschiedliche Interessen und Ansprüche. Lösungen sind meistens nur dann möglich, wenn beide Seiten nicht darauf aus sind, einen Konflikt zu steigern, bis eine Seite sich durchgesetzt hat.

Darauf zu verzichten, um jeden Preis recht zu behalten und die Gegenseite zu „besiegen“, ist oft der einzige Weg, um gut und friedlich zusammenzuleben.

Das geht aber nur, wenn beide Seiten von diesem Wunsch nach Frieden beseelt sind. Leider gelingt das oft nicht. Deshalb sagen andere: Gerade in den großen politischen Konflikten ist das eine gefährliche Illusion. Man kann nicht darauf verzichten, Gewalt anzudrohen und notfalls auch Waffengewalt anzuwenden.

Der völkerrechtswiedriger Angriff auf die Ukraine ist mit nichts zu rechtfertigen

Man kann nicht darauf verzichten, weil es manchmal nötig ist, das Recht mit Gewalt zu erhalten. Gerade in diesem Jahr kommen wir an dieser Frage nicht vorbei. Da hat Russland die Ukraine brutal angegriffen. Nichts rechtfertigt diesen völkerrechtswidrigen Angriff. Und ganz und gar unmöglich ist es, dass der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill diesen Krieg auch noch theologisch begründet. Das steht in völligem Gegensatz zur Friedensbotschaft des Evangeliums.

Ein Frieden ohne Gerechtigkeit kann nicht Frieden genannt werden

Was aber ist zu tun? Manche, die den Weg der Gewaltlosigkeit gehen wollen, empfehlen der Ukraine, ganz auf Gegenwehr, auf Selbstverteidigung zu verzichten. Mich überzeugt das nicht, denn das würde bedeuten, vor der Gewalt des Angreifers zu kapitulieren. Gewonnen hätte das Unrecht. Was wäre das für ein Frieden? Sicher nicht der, von dem es in der Bibel heißt, Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen. Frieden und Gerechtigkeit lassen sich nicht trennen. Frieden ohne Gerechtigkeit kann nicht Frieden genannt werden. Auch nicht an Weihnachten.

Umgekehrt ist auch klar: Waffen allein werden gewiss keinen Frieden bringen. Es ist eine furchtbare Situation, in der es kein einfaches Wahr und Falsch gibt. Auch die weihnachtliche Friedensbotschaft bringt dafür keine einfache Lösung.

Und doch richtet sie Menschen auf: Gottes letztes Wort über seine Menschenkinder wird nicht Krieg und Tod sein, sondern Frieden und Leben. Damit stärkt Gott Menschen, nicht aufzuhören, Frieden zu suchen. Suchen ist eine Bewegung. Sie ist noch nicht am Ziel. Auch wenn wir suchen, werden wir den Frieden nicht einfach finden. Wie können wir damit leben?

Musik: Christopher Tambling, Agnus Dei (The Embassy Singers unter Leitung von Andrew Sims, Orgel: Caroline Roth)

Die Suche nach Frieden ist sehr schwer

Auf der Suche nach Frieden ist nicht immer klar, was das Richtige ist, was wirklich dem Frieden dient. Wir erkennen: Jede Entscheidung bedeutet, an irgendjemandem schuldig zu werden. Deshalb bleibt manchmal nichts anderes, als danach zu fragen und das zu tun, was weniger falsch ist.

In einer nicht erlösten Welt auf Gottes Frieden vertrauen

Für mich ist dabei wichtig zu wissen: Menschen des Wohlgefallens Gottes sind nicht nur die, die das Richtige tun. Menschen des Wohlgefallens sind alle Menschen, die inmitten einer unfriedlichen und noch nicht erlösten Welt auf Gottes Frieden vertrauen. Es sind Menschen, die Gott bitten: Und vergib uns unsere Schuld! Und die nicht aufhören, um Frieden zu bitten und nach seinem Frieden suchen.

In der Nacht der Geburt des Jesus-Kindes sangen die Engel vom Himmel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Die Botschaft erklang damals in einer Welt, in der Menschen einander unterdrückten und mit Waffen regierten. Sie wurde gehört von Menschen, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnten.

Die Botschaft ist nicht verklungen. Sie hat immer wieder Menschen erreicht und Herzen berührt. Sie gibt Kraft, hält Visionen und Träume vom Frieden wach und stärkt Menschen auf ihren Friedenswegen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Friedensbotschaft. Weihnachten ist ein Friedensfest.

Ich wünsche, dass die Botschaft viele Menschen bewegt, Frieden zu suchen – in ihren Familien, in den Dörfern und Städten, in unserem Land, in der Welt. Ich höre die Worte der Engel an diesem Weihnachtsfest und bitte Gott: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“

Musik: Caspar Othmayr, Verleih uns Frieden gnädiglich (Himmlische Cantorey)

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