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Beatles: Fool on the Hill
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Beatles: Fool on the Hill

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Meistens endet mein Blick an einer Wand: Zimmerwand, Häuserwand, Büro-Wand. Ein ziemlich enger Horizont. Das geht vielen so. Nur wenige haben das Glück, irgendwo auf einer Höhe zu wohnen und weit über das Land schauen zu können.

Auf einem Hügel kann man weit schauen und weit denken

Deshalb zieht es mich am Wochenende und im Urlaub hinaus. Hinaus in die Natur. Irgendwohin, wo ich mehr sehe als Wände. Gerne auf einen Hügel. Da oben blicke ich über das hinaus, was mich sonst beschäftigt. Da kann ich nicht nur weit schauen, sondern auch weit denken. Und ich kann staunen über die Welt. Auch Gott kann ich begegnen. Diesen Weg hinauf auf einen Hügel oder Berg sind schon viele gegangen – manche auf der Suche nach Gott, andere nach einer spirituellen Tiefe in sich selbst. Darum geht es in dem Song „Fool on the Hill“ von den Beatles.

Day after day, alone on a hill. The man with the foolish grin. Is keeping perfectly still. But nobody wants to know him. They can see that he's just a fool. And he never gives an answer.

Tag für Tag allein auf einem Hügel. Der Mann mit dem dummen Grinsen hält vollkommen still. Aber niemand will ihn kennen. Sie können sehen, dass er nur ein Narr ist.

Der Idiot auf dem Berg

Ein schöner, ein sanfter Song. Aber nicht leicht. Denn der Song nähert sich einem Menschen, zu dem die meisten normalerweise eher Abstand halten: ein Fool. Der Begriff hat im Englischen eine ähnliche Bandbreite wie im Deutschen der Idiot. Im Volksmund ist es ein Schimpfwort, eine Herabwürdigung.

Aber in dem Begriff steckt noch mehr: „Fool“ meint auch den Narren. Dem billigt man einen anderen Blick auf die Welt zu. Der Narr oder die Närrin dürfen ungeschminkt die Wahrheit sagen. Eine wichtige Außenseiter-Rolle in der Gesellschaft.

Ein kichernder Guru

Den Beatles stand bei dem Song „Fool on the Hill“ ein bestimmter Mensch vor Augen, das hat der Komponist Paul McCartney erläutert: Er und viele andere Sinnsucherinnen und Sinnsucher fühlten sich damals magisch angezogen von einem indischen Guru namens Maharishi Mahesh Yogi. Dessen Spezialität war das Kichern. Oft kicherte er ohne erkennbaren Grund einfach los. Das wirkte auf die Umstehenden idiotisch. Für ihn war es aber logisch, vermutlich weil er gerade irgendeinen Weltschmerz innerlich weglachen wollte. Er war sich wohl der Kraft des Lachens bewusst.

Ein Lied in Dur und Moll

Der „Fool on the Hill“, also jener Narr, über den die Beatles singen, lebt abseits der anderen, draußen in der Natur auf einem Hügel. Was sieht er da Besonderes? Was denkt und fühlt er? Darum geht es in dem Song sowohl im Text als auch musikalisch. Für die Strophen haben die Beatles eine Dur-Tonart gewählt. Für den Refrain wechseln sie jeweils in die parallele Moll-Tonart. Das ist ungewöhnlich und macht den Song so speziell. Der Tonart-Wechsel klingt, als würde die Sonne hinter eine Wolke treten, schreibt ein Musikwissenschaftler. Die Beatles versuchen damit musikalisch auszudrücken, wie sich das Bewusstsein des Narren auf dem Hügel wandelt. Er sieht, was man sonst nicht sieht, nämlich wie die Welt sich dreht. Und so dreht auch die Musik von Dur nach Moll.

But the fool on the hill sees the sun going down and the eyes in his head see the world spinning round

Aber der Narr auf dem Hügel sieht die Sonne untergehen. Und die Augen in seinem Kopf sehen, wie die Welt sich dreht.

Auf einem Hügel sieht man den ganzen Himmel über sich

Auf einem Hügel sieht man nicht nur bis zur nächsten Wand, nicht nur das Fleckchen Erde und Himmel das man zwischen zwei Häusern oder aus einem Fenster heraus erhaschen kann. Auf einem Hügel sieht man den ganzen Himmel über sich. Man sieht, wie die Sonne auf- und untergeht, wie sich dabei der Himmel gelb-rötlich verfärbt. Dieses großartige tägliche Schauspiel. Jedes Mal, wenn ich es erlebe, berührt es mich: Ich komme mir klein vor und zugleich groß, im Ganzen unbedeutend und doch im Einzelnen unendlich kostbar: Geschöpf Gottes und Teil des Universums.

Wenn die Sonne untergeht, sieht der Narr auf dem Hügel, wie die Dunkelheit kommt. Sie bereitet den Sternen die Bühne. Für mich sind die Sterne ein kostbares Geschenk der Nacht. Es sind unzählig viele und sie sind ungeheuer weit weg. Schon immer haben Menschen danach geschaut. Und allmählich festgestellt: Die Sterne kommen und gehen – und kehren zurück. Sie folgen einer geheimen Ordnung.

Der Blick ins Universum im Dunkel der Nacht gibt den Menschen eine Ahnung von der Unendlichkeit

Daraus folgerten die Menschen: Alles Sein ist sinnvoll miteinander verbunden. Auch wenn der Alltag oft kleinteilig und chaotisch wirkt, so gehört alles Leben trotzdem zu etwas Größerem. Es ist Teil der Schöpfung Gottes und darin hat es einen unverbrüchlichen Sinn. Das gilt auch für mein Leben. Der Blick ins Universum im Dunkel der Nacht gibt den Menschen eine Ahnung von der Unendlichkeit, von Gott, von ihnen selbst. Das bleibt den meisten Menschen heute allerdings verborgen. Der Lichtsmog über den Häusern und Straßen schirmt sie davon ab. Um das zu erleben, muss man rausgehen, am besten auf eine Anhöhe.

Die Beatles auf Sinnsuche

So wie der Narr auf dem Hügel im Song der Beatles. Er erlebt die Sterne. Er sieht, wie sich die Welt im Ensemble der Planeten dreht. Sie führen ihm mit der Tiefe des Weltalls auch die Tiefe des Lebens vor Augen. Etwas für Sinnsucher, wie es die Beatles damals waren. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere haben sie gemerkt, dass ihnen etwas fehlt: Tiefe, Erleuchtung, Spiritualität. Von der Suche danach ist der Song „Fool on the Hill“ geprägt. Die Beatles brachten ihn kurz nach ihrer Rückkehr aus Indien heraus. Darin sprechen sie in der zweiten Strophe etwas Heikles an: Die Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens hat ihren Preis. Die Welt wird einem in manchem fremd. So fremd klingt auch die Strophe:

Well on the way, head in a cloud. The man of a thousand voices talking perfectly loud. But nobody ever hears him or the sound he appears to make. And he never seems to notice.

Gut unterwegs, Kopf in einer Wolke. Der Mann der tausend Stimmen spricht perfekt laut. Aber niemand hört jemals ihn oder das Geräusch, das er anscheinend macht. Und er scheint es nie zu bemerken.

"Verrat an der Popmusik!"

Heute gehört der Song zu den großen Klassikern. Als ihn die Beatles vor knapp 50 Jahren veröffentlichten, war er eine Provokation. Er brach mit den Standards der Popmusik, die die Beatles gerade erst maßgeblich mitgeprägt hatten. Zu den Pop-Standards gehörte ein starker Rhythmus, vom Schlagzeug getrieben. Doch in dem Song kommt gar keines vor. Und statt E-Gitarren sind Blockflöten zu hören. „Verrat an der Popmusik!“, riefen manche und spotteten, der Song sei eigentlich ein Kinderwiegenlied. Andere lobten ihn, er habe das Zeug zu einer Welthymne. Das hing auch mit dem Thema zusammen: der spirituellen Suche.

"The Beatles" ein Name mit Aussagekraft

Mit dem Song erinnerten sich die Beatles auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Karriere an ihren Ursprung, der in ihrem Namen steckt: der Beat. So nannte sich zunächst eine Jugendprotestbewegung in den 1950er Jahren. Ihr Name war ein Wortspiel. Zum einen meint „Beat“ im Englischen Schlagen. Die jungen Leute fühlten sich als die Geschlagenen, weil sie sich außerhalb der Gesellschaft stellten, wie eben jener Narr auf dem Hügel.

Die Beatniks wollten nicht vorgeschriebene Rollen erfüllen. Sie wollten wild leben und dadurch ihr Glück finden. Daran knüpft die andere Bedeutung des Beat an. Das Wort „Beat“ bedeutet auf Lateinisch „schön” und spirituell vertieft auch „glückselig“. Die Beatniks sahen das Leben als rauschhaft-sinnliche Reise voller intensiver spiritueller Erfahrungen. Auf diese Reise haben sich viele Musikerinnen und Musiker begeben. So wurde der Beat zu einer Musikrichtung, und die Beatles avancierten zu deren erfolgreichsten Vertretern. Musik als Suche nach Sinn und als Lebensgefühl für eine ganze Generation.

Der Narr auf dem Hügel auf der Suche nach einer besseren Welt

Darum geht es in dem Song vom Narren auf dem Hügel; ein Sinnsucher draußen in der Natur. Ein Außenseiter zwar, aber einer, dem man sich gerne etwas abschauen möchte. Doch Vorsicht: Wer sich aufmacht, die Welt mit anderen Augen zu sehen, wird sich verändern. Manches wird einem fremd. Man fragt sich: Wozu all die Gewalt, das Streben nach mehr Reichtum und Macht? Wo doch Liebe, Gerechtigkeit und Frieden viel glücklicher machen?

"Selig sind, die im Geist arm sind, die Narren, denn ihnen gehört das Himmelreich."

Beatus, also selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. „Selig sind, die im Geist arm sind, die Narren, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ So hat es Jesus gesagt, in seiner Bergpredigt (Matthäus 5,3). Auch er so ein wesensverwandter Narr auf dem Hügel. Am Ende stellen die Beatles die Frage: Wer ist wirklich der Narr – der Außenseiter auf dem Hügel oder vielleicht doch die anderen?

Oh oh-oh-oh-oh oh-oh-oh
Round and round and round and round and round
He never listens to them. He knows that they're the fool. They don't like him. The fool on the hill sees the sun going down and the eyes in his head see the world spinning round. Oh. Round and round and round and round and Oh

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