Wem gehörst du?
In meiner schwäbischen Heimat wurden Kinder gerne gefragt: Wem gehörst du? Wenn die Leute z. B. beim Einkaufen nicht einordnen konnten, wer ich bin, dann fragten sie mich so: Wem gehörst du? Ich sagte brav, wie meine Eltern heißen. Damit konnten sie was anfangen und es war geklärt, „wem ich gehöre“.
Heute klingt die Formulierung für mich merkwürdig. Aber früher dachte man ganz anders über Kinder und was es bedeutet, ein Kind zu sein.
Wem gehören Kinder eigentlich – und wie hat sich das Familienbild verändert?
Damals, es ist immerhin mehr als 60 Jahre her, wurden Kinder sehr klar als Besitz ihrer Eltern gesehen. Eltern, eigentlich sogar nur die Väter, konnten alle Entscheidungen über ihr Kind treffen, bis es volljährig war. Die Kinder wurden oft gar nicht gefragt.
Was für die Kinder gut oder hilfreich wäre, das entschieden nicht selten die Eltern. Darüber bin ich schon als Kind erschrocken. Meine Schulfreundin hätte mit ihrem Zeugnis zur Realschule gehen können. Aber die Mutter ließ sich nicht überzeugen. Für sie war klar: Die Tochter sollte so schnell wie möglich Geld verdienen. Dass sie mit einem Realschulabschluss vermutlich noch bessere Berufschancen gehabt hätte und später vielleicht mehr Geld hätte verdienen können, spielte keine Rolle. Die Mutter wollte nicht, und damit war die Sache entschieden.
In anderen Familien hatten die Kinder keine Rechte. Ohne es wirklich zu verstehen, bekamen wir mit, dass diese Mitschülerinnen und Mitschüler schutzlos den Launen und der Gewalt in ihren Familien ausgeliefert waren. Das bedrückt mich noch heute, wenn ich daran denke – obwohl ich damals ja noch ein Kind war.
In den letzten Jahrzehnten hat sich im Blick auf Kinder zum Glück viel verändert. Die meisten Eltern versuchen herauszufinden, was ihr Kind braucht und wie sie es fördern können. Und obwohl Elternsein anstrengend ist und auch teuer, höre ich ganz oft: „Die Kinder sind das Kostbarste, was wir haben. Sie sind ein Geschenk.“
Und manchmal sagen Eltern: “Ich bin gespannt darauf, wie sich mein Kind ins Leben hinein entwickelt.“ So scheint es mir auch stimmiger zu sein. Kinder gehören zu den Eltern, sind ihnen für eine sehr lange Zeit anvertraut. Aber sie sind letztlich nicht ihr Besitz.
Wem gehöre ich?
Was würde ich heute auf die Frage antworten: „Wem gehörst Du?“ Spontan würde ich sagen: Ich gehöre mir selbst und dem Leben. Aber ich gehöre auch zu einer Familie, zu Freundinnen und Freunden. Ich gehöre zu einem Land, zu einer Nation, einer Religionsgemeinschaft und allen möglichen sozialen Gruppen.
Doch da ist noch mehr. Ich persönlich glaube: Als getaufte Christin gehöre ich auch Gott! Was das konkret heißt, darum geht es heute in der Lesung aus der Bibel in den katholischen Gottesdiensten.
Musik 1 “Largo” aus Concerto grosso op. 3, Nr. 4
London Brass
Konflikte zwischen Jesus und den Pharisäern
In den katholischen Gottesdiensten wird heute eine Erzählung aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen. Da wird von wachsenden Konflikten berichtet, in denen sich Jesus befindet. Immer öfter eckt er an mit seinen Ansichten. Er provoziert mit seinem Verhalten.
Die Pharisäer als oberste Glaubenshüter ärgern sich darüber und sind aufgescheucht: Was ist da los? Was ist das für ein herumziehender Prediger? Er bringt mit seinen Ideen die Leute durcheinander! Sie suchen deshalb nach einem Grund, ihm das Handwerk zu legen. Und das probieren sie so:
In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?
Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.
Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers.
Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Als sie das hörten, staunten sie, ließen ihn stehen und gingen weg.
(Matthäus 22,15-22, Einheitsübersetzung 2016)
In der Falle?
Die Fragesteller sind ganz schön clever – aber Jesus ist auch nicht auf den Mund gefallen. Eigentlich kann er auf die Frage nach der Steuer nur falsch antworten. Wenn er sagt: ‚Klar müsst ihr dem Kaiser Steuern zahlen‘, verrät er die jüdische Glaubensgemeinschaft, zu der er gehört. Denn sie leiden unter der römischen Besatzung. Lehnt er die Steuerzahlung aber ab, macht er sich als – wenn auch unfreiwilliger – Untertan der römischen Besatzungsmacht strafbar. Egal wie er also antwortet, er ist in der Falle. Die Fragenden hätten ihn in der Hand und könnten ihn anzeigen. So haben sie es gedacht.
Aber sie haben nicht damit gerechnet, dass Jesus ihre Absichten leicht durchschaut. Er bricht ihre Frage nach dem „entweder – oder“ auf. Er zeigt ihnen: Es geht nicht darum richtig jüdisch sein oder richtig römischer Untertan sein. Denn Jesus und die Menschen um ihn herum sind beides, sie sind Untertanen der Römer und sie sind gläubige Juden. Beides müssen sie irgendwie zusammenbringen.
Musik 2 Dialogue sur la Trompette et le Cromorne
Lukas Adams
Wie stehen Religion und Politik heute zueinander?
Darf man als frommer Jude dem verhassten römischen Kaiser Steuern zahlen oder nicht? Mit dieser Frage soll Jesus in eine Falle gelockt werden. Ich finde: Die Frage ist eine Menschheitsfrage – Wie verhalten sich Religion und Politik zueinander, oder wie sollen sie sich zueinander verhalten? Wenn ich auf die Menschheitsgeschichte schaue: Wie viel Leid ist durch Religionskriege entstanden!
Und ich denke an die Verfolgungen von Juden, Christen, Muslimen oder Angehörige anderer Religionen. Wieviel Leid entsteht durch die unheilvolle Verwicklung von Staatsinteressen mit religiösen Zwängen, wie z. B. in Iran oder noch mehr in Afghanistan: Wenn Mädchen und Frauen aus vorgeschobenen religiösen Gründen völlig unsichtbar gemacht werden?
Religion und Politik bleiben in einem Spannungszustand. Das zeigt sich gerade wieder im deutschen Bundestag. Wobei ich mich darüber eigentlich eher wundere. Denn Deutschland ist doch längst säkular geworden. Religion spielt im Alltag und in der Politik für viele keine Rolle mehr. Und durch die Aufdeckung der Missbrauchs-Skandale haben die Kirchen völlig zu Recht ihre moralische Kompetenz verloren.
Christliche Werte als politisches Argument?
Plötzlich aber werden die Rufe nach dem christlichen Abendland wieder laut. Werden „christliche Werte“ betont. Als Christin müsste ich mich eigentlich darüber freuen. Aber es hinterlässt bei mir eher einen schalen Geschmack. Mir sind christliche Werte wichtig. Ich kann mich jedoch nicht darüber freuen, wenn sie instrumentalisiert werden. Wenn nur solche Werte gelten, die ins politische Programm passen.
Häufig dienen sie nicht einer christlichen Haltung! Sie dienen dazu, andere abzuwerten oder die eigene Agenda mit einer behaupteten Autorität zu untermauern. Das ist scheinheilig. Fremdenfeindlich und rassistisch sein passt nicht zu christlichen Werten. Also: Wenn schon christliche Werte, dann alle! Und nicht nur solche, die ins politische Kalkül passen.
Die Gegenbewegung ist allerdings genauso problematisch. Manche Stimmen sagen: Kirche soll sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen und aus politischen Fragen heraushalten. Für mich ist klar: Jesus nachfolgen war und ist immer politisch. Die Sorge um Benachteiligte, um Hungernde, Kranke, Gefangene und der Einsatz für Frieden sind seine wichtigsten Anliegen. Ausgehend vom Glauben an Gott sind das die christlichen Kernkompetenzen!
Musik 3 "Allegro" aus “Trois pièces brèves”
Domus Quintett
Was folgt aus dem Glauben für unseren Alltag und unser Handeln?
Für Jesus gibt es kein „entweder fromm oder politisch“. Sondern: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Staatsbürgerliche Pflichten und religiöses Leben sind nicht dasselbe, aber sie gehören zusammen. Das ist gar nicht zu trennen. Es fängt schon damit an, wie ich mich im Alltagsleben verhalte. Ob ich freundlich bin und ehrlich und hilfsbereit. Das kann aus meinem christlichen Hintergrund begründet sein – woher auch immer. Wie ich gestimmt bin, welche Werte ich vertrete, wirkt in meine soziale Umgebung hinein.
Ich glaube fest: Gott will, dass die Menschen gut leben können. Jesus hat für diesen Lebens- und Liebeswillen gelebt. Und das hat Folgen für alle, die in seinen Fußstapfen gehen wollen. Ich verstehe das z. B. so: Ich kann als Christin nicht ignorieren, wenn Menschenrechte verletzt werden. Sei es durch rassistische Bemerkungen oder gar noch Schlimmeres. Sonst würde ich verraten, was ganz am Anfang der Bibel steht: Gott schuf die Menschen nach seinem Bild! Das gilt ausnahmslos für alle Menschen!
Wem gehöre ich – und was bedeutet es, Gottes Ebenbild zu sein?
Jesus gibt den Fragestellern die Antwort: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Für mich führt die Frage „Wem gehörst du?“ noch tiefer. Dem Kaiser gehört die Münze, denn sein Bild ist auf die Münze geprägt.
Und wem gehöre ich? Zu Beginn dieser Sendung habe ich ganz mutig gesagt: Als getaufte Christin gehöre ich auch Gott. Sehr viel vorsichtiger und leiser sage ich jetzt: Ja, ich bin geprägt wie eine lebendige Münze, nach Gottes Bild geschaffen. Und weil ich Gottes Abbild bin, gehöre ich Gott. Das gilt mit mir für alle Menschen, die sich und ihr Leben so verstehen. Gleichzeitig erschrecke ich mich ein wenig davor, das so deutlich auszusprechen. Weil es eine große Gabe ist. Aber auch eine große Aufgabe.
Der verstorbene Limburger Bischof Franz Kamphaus hat das einmal so gesagt: Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.
Musik 4 Don’t ever leave me
Keith Jarett
Wie verändert der Gedanke „Du bist Gottes Ebenbild“ den Blick auf andere?
Die Menschen sind Geschöpfe Gottes. Sie sind geschaffen nach seinem Bild. Das ist ein großes Wort!
Mir hilft diese Vorstellung auf doppelte Weise. Einmal, weil es ja Menschen gibt, mit denen ich nicht gut zurechtkomme. Manchmal stelle ich mir dann vor: Auch dieser Mensch ist ein Kind Gottes. Daraus wird keine große Liebe, aber hoffentlich ein respektvoller und menschlicher Umgang.
Dasselbe aber kann ich auch mir sagen, wenn ich mal wieder mit mir selbst nicht gut zurechtkomme. Auch ich bin ein Kind Gottes, so verquer und unvollkommen, wie ich nun mal bin. Dann kann ich auch wieder liebevoller mit mir selbst umgehen.
Kann die Vorstellung vom Ebenbild Gottes die Welt verändern?
Nach dem Bild Gottes gestaltet zu sein, diese lebendige Münze zu sein mit seinem Abbild – das ist ein wundervoller Gedanke. Immer wieder, wenn ich mir für diesen Gedanken Zeit lasse, wird mir ganz warm ums Herz. Oder es nimmt mir für einen Moment schier den Atem, weil diese Vorstellung so groß ist und schier unerreichbar. Und es bleibt im irdischen Leben letztlich auch unerreichbar. Für mich ist es eher ein Ziel, auf das ich zugehe, Tag für Tag, lebenslang. Und immer wieder neu auf der Suche nach den richtigen Schritten.
Manchmal träume ich davon, wie es wäre, wenn das allen Menschen klar wäre. Wenn jeder Mensch das Bild Gottes in sich spüren könnte. Und in den anderen Menschen erkennen könnte. In allen Menschen. Dann würde niemand mehr mobben oder andere verletzen. Es gäbe keinen Betrug, keine Gewalt, keinen Krieg und keinen Rassismus. Und jede und jeder könnte sich geliebt fühlen und daraus Kraft bekommen.
Das wäre himmlisch! Und ist vielleicht doch ein bisschen viel Zukunftstraum.
Wie kann ein erster Schritt zu mehr Menschlichkeit aussehen?
Aber: jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt. Und dann noch einem, und noch einem und immer so weiter. Gute Erfahrungen verstärken andere gute Erfahrungen. Manchmal fängt ein guter Tag schon damit an, dass ich mich morgens im Spiegel freundlich begrüße. So müde, zerknautscht oder wie auch immer mir das Spiegelbild entgegenguckt. Das bin ich. Und ganz vorsichtig: Das bin ich. Abbild Gottes.
Was kann daraus werden, wenn ich so in den Tag starte! Was kann daraus auch für die Menschen werden, die mir heute begegnen?
Denn, wie Franz Kamphaus es formuliert hat: Wir gehören keiner Macht der Welt. Sondern Gott allein. Das kann mich innerlich frei machen, egal, was um mich herum passiert. Das gibt mir Kraft, mein Leben zu gestalten – für mich und für andere.
Und das zusammen ist das Allergrößte, was uns Menschen geschenkt ist.
Musik 5 Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn
Kammerchor Stuttgart