Da ist ein Riss in allem
„Da ist ein Riss in allem – so kommt das Licht herein.“ Dieser Satz stammt aus dem Lied „Anthem“ von Leonard Cohen. Ich finde ihn sehr aktuell. Denn das Leben, so scheint es, hat eine Menge Risse bekommen. Und nicht wenige denken: „Da geht gerade zu viel kaputt.“ Leonard Cohen deutet es anders. Er sagt: „So kommt Licht herein.“
Leonard Cohen und seine lebenslange Suche nach Gott
Sein Leben lang hat Cohen über seine Zweifel an Gott und seine Sehnsucht nach Gott gesungen. Mit leiser Stimme, die zugleich depressiv und hoffnungsvoll klang. Er fehlt mir, denn heute vor zehn Jahren ging sein langer, spiritueller Lebensweg zu Ende. Leonard Cohen wurde 1934 im kanadischen Montreal geboren. Sein Großvater war ein talmudischer Gelehrter. Seine ganze Familie war tief im jüdischen Gemeindeleben verwurzelt. Diese Prägung hat Leonard Cohen neu verloren. Seine Texte sind durchzogen von biblischen Bildern. Zu seinen berühmtesten Songs zählt „Hallelujah“. In einem anderen Song erklingt die Liturgie zum jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. [1]
Zen-Meditation, Buddhismus und jüdische Wurzeln
Und doch begnügte sich Leonard Cohen nicht mit den religiösen Antworten seiner Kindheit. Ausgelaugt vom Ruhm zog er sich Anfang der 1990er- Jahre in ein buddhistisches Kloster zurück. Dort übte er sich jahrelang in Zen-Meditation und wurde zum Mönch ordiniert. Auf diese Weise suchte er einen neuen Weg, jedoch keine neue Religion. Dazu sagte er: „Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude“. [2]
Leonard Cohen zwischen Judentum und Christentum
Leonard Cohen hat sich auch mit dem Christentum intensiv beschäftigt, mit der Person Jesus Christus, mit Leid und Erlösung – ohne dabei seine jüdischen Wurzeln zu verraten. Ein Weggefährte sagte über ihn: „Er ist neugierig gewesen und hat über den Tellerrand hinausgeschaut, ist aber trotz allem gläubiger Jude geblieben.“
„You Want It Darker“: Zwischen Klage und Lob Gottes
Wo Leonard Cohen seine geistliche Heimat sah, machte er auf seinem letzten Album deutlich. Es erschien 2016 - kurz vor seinem Tod. Darin singt er zusammen dem Chor seiner alten Synagoge in Montreal. Verse gegen Gott und für Gott. Er selbst flüstert nur noch mit rauer, gealterter Stimme: „Gelobt, gepriesen sei dein heiliger Name. Verunglimpft, gekreuzigt in menschlicher Gestalt. Millionen Kerzen brennen für die Liebe, die niemals kam.“ [3]
Glauben heißt, mit den Fragen bei Gott zu bleiben
Mich beeindruckt, wie Cohen seine Gottsuche gelebt hat: Man darf fragen, zweifeln und suchen, ohne die eigene Identität und seinen Glauben zu verlieren. Diese Erfahrung zeigt sich in der Bibel oft. Die Psalmen sind voller Klage gegen Gott und zugleich voller Vertrauen in Gott. Glaube heißt nicht, keine Fragen zu haben. Glaube heißt, mit den Fragen bei Gott zu bleiben. Leonard Cohen hatte den Mut, mit der Brüchigkeit des Lebens offen umzugehen. Gerade darin kann die Hoffnung scheinen. Risse sind eben manchmal dazu da Licht hereinzulassen.
[1] „Who by Fire“
[2] https://www.domradio.de/artikel/leonard-cohen-lebt-seine-religion-und-liebt-auch-eine-andere
[3] Refrain des Titelsongs „You want it darker“