Den Vergessenen einen Namen geben
Anmoderation: Morgen geht die Frankfurter Buchmesse zu Ende. Los ging es wie immer mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises. Den hat in diesem Jahr Shida Bazyar gewonnen. Ihr Roman „Die Lücken“ erzählt von dem, worüber nach dem Krieg lange geschwiegen wurde. Was hat das mit der eigenen Familie zu tun? Darüber denkt Pfarrerin Tanja Griesel aus Fritzlar nach.
Was Opa nie erzählt hat
Vor ein paar Monaten fiel mir die Heiratsurkunde meiner Großeltern in die Hände. März 1941. Sie: Telefonistin. Er: Schütze, also einfacher Soldat. Ich wusste schon vorher: Mein Opa war im Krieg. Aber darüber geredet hat er nie. Als Jugendliche habe ich ihn danach gefragt. Er machte dann dicht, manchmal wurde er sogar wütend. Und meine Oma hat nur beschwichtigt: „Ach, das ist doch längst vorbei. Lass die alten Geschichten.“
Was geschah im Dorf? Shida Bazyars „Die Lücken“
Die Schriftstellerin Shida Bazyar lässt die alten Geschichten nicht ruhen. Ihr Roman „Die Lücken“ erzählt die Geschichte eines Dorfes im Hunsrück, angelehnt an ihren Heimatort Hermeskeil. Dort lebten auch Jüdinnen und Juden, die vertrieben und ermordet wurden. Die Nachbarn haben zugesehen. Und später darüber geschwiegen.
Wenn Schweigen Namen löscht
Wenn Shida Bazyar heute durch Hermeskeil geht, weiß sie: Hier lebte eine jüdische Familie. Dort stand die Synagoge. Für sie hängen die Lücken im Ort mit den Lücken in den Familien zusammen. Das Schweigen hat dazu beigetragen, dass die Geschichten der jüdischen Nachbarn aus der Erinnerung verschwunden sind. Und mit ihnen ihre Namen.
„Gott vergisst nicht“: Ein Denkmal für die Vergessenen
Menschen verdrängen, was sie nicht aushalten. Und mit der Zeit vergessen sie es. Mich tröstet: Gott vergisst nicht. Die Bibel hat dafür ein starkes Bild: Gott setzt den Vergessenen ein Denkmal mit ihren Namen, die für immer bleiben sollen (Jesaja 56,5). Gott bewahrt so jeden Menschen und seine Geschichte.
Elf Stolpersteine in Hermeskeil
Vor ein paar Wochen wurden in Hermeskeil elf Stolpersteine verlegt. Für Menschen aus den jüdischen Familien Ackermann und Samuel. Ihre Namen sind jetzt wieder da, mitten im Ort, vor ihren Häusern. Sie schließen zumindest eine Lücke.
Hinschauen, auch wenn Fragen bleiben
Die Lücken in meiner Familie bleiben. Meine Großeltern kann ich nicht mehr fragen. Warum haben sie geschwiegen? Was hat mein Opa im Krieg getan? Ich weiß es nicht. Das muss ich aushalten. Aber ich möchte nicht vergessen. Ich möchte hinschauen.