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Wunde Punkte
Bild: medio.tv/Schauderna

Wunde Punkte

Kathrin Wittich-Jung
Ein Beitrag von Kathrin Wittich-Jung, Evangelische Pfarrerin, Wolfhagen
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hr4 Radiogottesdienst zum Karfreitag aus der evangelischen Stadtkirche in Wolfhagen

Herzlich Willkommen!

Hier geht's von 10.04 Uhr bis 11.00 Uhr am Karfreitag zur hr4 Übertragung.

Den Gottesdienst zum Nachhören gibt es nach der Ausstrahlung auf der Seite hr4.de.

Nach dem Gottesdienst können Hörer*innen mit Pfarrerin Kathrin Wittich-Jung telefonieren: Sie ist von 11:00 bis 12.00 Uhr unter der Telefonnummer 0 56 92 - 23 82 zu erreichen. 

Ausserdem finden Sie hier:

  • Die Predigt von Pfarrerin Kathrin Wittich-Jung
  • Die Mitwirkenden im Gottesdienst
  • Die Pressemeldung, u.a. mit einem Foto der evangelischen Stadtkirche in Wolfhagen.

Lied: "Wir gehen hinauf nach Jerusalem" aus dem Evanglischen Gesangbuch Nr. 545 die Verse 1 - 4

Lied: "In einer fernen Zeit" aus dem EG plus Nr. 11 die Verse 1 - 5

"Wunde Punkte"

Predigt Teil 1:

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und liebe Hörer!

Jeder Mensch hat einen oder mehrere wunde Punkte. Von Anna haben wir ja eben gehört: Sie ist mit ihrem Körper ganz und gar nicht zufrieden. In ihren Augen ist er nicht perfekt. Anna plagen Selbstzweifel. Und durch blöde Sprüche werden die verstärkt. Ein Junge aus ihrer Klasse sagt: „Du bist zu dick. Mit deinem Körper kannst du keine Röcke tragen. Das sieht ja ekelhaft aus.“

Ihr Herz bekommt jedes Mal einen Stich, wenn sie an einem Spiegel vorbeiläuft und sie sich darin sieht. Das hält sie nur schwer aus. Das ist ihr wunder Punkt, der sie richtig schmerzt.

Und auch Trauer kann so ein wunder Punkt sein: Eben haben wir’s gehört: Ein schöner Tag. Alles ist in Ordnung.

Die Familie ist da. Es gibt das Familienlieblingsessen. Man lacht und scherzt. Freut sich, dass alle da sind. Der Tag könnte so weiter gehen. Aber plötzlich überkommt dich die Traurigkeit. Weil es das Essen ist, das die Oma immer für alle gekocht hat. Und auf einmal merkst du, dass sie dir fehlt. Die Tränen kommen einfach und lassen sich nicht aufhalten.

Wunde Punkte gibt es viele: Vielleicht ist in der Familie einer, der süchtig ist. Nach Alkohol. Aber da spricht keiner drüber. Weil es schmerzt, dass in der Familie eben nicht alles in Ordnung ist. Weil Sucht immer noch ein Tabu ist und mit Scham besetzt.

Vielleicht ist es auch die gescheiterte Beziehung, die dem Herz immer wieder einen Stich gibt. Wenn du deiner Ex-Partnerin zufällig begegnest und sie glücklich und Händchen haltend mit ihrem Neuen durch die Stadt läuft. Und du leidest immer noch, weil sie dich verlassen hat. Vielleicht auch noch Jahre nach der Trennung. Dir fällt es schwer, eine neue Beziehung einzugehen, weil damals so viel Vertrauen kaputt gegangen ist. Das missbrauchte Vertrauen bleibt ein wunder Punkt.

Wunde Punkte – sie schmerzen.

Weil sie mich daran erinnern, dass es da Brüche und Schweres gibt. Die wunden Punkte erinnern mich daran:  Mein Leben und ich sind nicht perfekt. Da ist eben nicht immer alles heil. Dabei wünsche ich mir das doch so sehr.

Meistens will ich sie verstecken. Vertuschen. Vergessen. Weil das Momente oder Gefühle in meinem Leben sind, die mich belasten.

Meist verdränge ich sie. Lasse gar nicht zu, dass jemand anderes meine wunden Punkte entdeckt. Denn das könnte ja weh tun.

Oder ich lenke mich ab. Von der Trauer zum Beispiel. Ich setze mich damit nicht auseinander und schiebe sie weit weg. Bloß nicht weinen. Bloß nicht traurig sein.

Dabei gehören die wunden Punkte zum Leben dazu. Sie geben ihm Tiefe, auch wenn es schmerzt, sie anzusehen und sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Heute an Karfreitag, wenn es eben um Leid und all das Schwere geht, ist es vielleicht gut, die eigenen wunden Punkte anzuschauen und sie eben nicht zu verstecken.

Wir hören Musik. Vielleicht blicken Sie auf sich und ihre Wunden an Herz und Seele.

Musik: Sarabande (aus der Partita d-Moll) für Solo-Violine von J.S. Bach

Predigt Teil 2:

Auch in der biblischen Erzählung von der Kreuzigung steckt so viel Menschliches. So viele Schicksale. So viele wunde Punkte.

Ich stelle mir die Szene vor: Zusammen mit zwei anderen Verurteilten wird Jesus zur Hinrichtung geführt. Er läuft die Straße zum Hügel Golgatha entlang.  Er trägt das Kreuz und ist schon geschwächt. Am Straßenrand stehen seine Freunde.

Da sind Susanna und Maria von Magdala. Sie sind Jesus gefolgt. Und sie haben alle Hoffnung in ihn gesetzt. Bei ihm fühlten sie sich angenommen und gesehen. Und vor allem: Er hat sie ernstgenommen. Sie haben fest daran geglaubt, dass er die Welt zu einem besseren Ort machen würde.

Und jetzt sehen sie ihn, wie er über die staubige Straße läuft. Den Kopf gesenkt. Er zerbricht fast an der Last des Kreuzes. Sie können diesen Anblick nur schwer aushalten. Tränen laufen über ihre Wangen. Sie schreien ihren Schmerz heraus und schlagen sich an die Brust.

Das kann doch nicht wahr sein! Er ist zum Tode verurteilt und auf dem Weg zur Kreuzigung. Zum Tod. Das können sie nicht glauben. Bei Susanna und Maria Magdalena steht Maria. Seine Mutter. Sie muss mit ansehen, wie ihr Sohn stirbt. Sie muss seine letzten Schritte aus der Ferne begleiten. Und kann nichts für ihr Kind tun. Sie steht da am Straßenrand und blickt ihrem Sohn hinterher.

Und später werden sie alle unter dem Kreuz stehen. Sie werden sehen, wie Jesus langsam und qualvoll stirbt. Sie hören seine Schmerzenslaute und sein Stöhnen. Sie sind dabei, wenn er den letzten Atemzug macht. Und sie müssen aushalten, dass der, den sie lieben, leidet und stirbt.

Manche schaffen das nicht. Sie gehen und wenden sich ab. Andere bleiben und halten aus.

Die Geschichte von Karfreitag stellt auch Jesu wunde Punkte dar. Noch am Vorabend war er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern im Garten Gethsemane. Sie sollten eigentlich wach bleiben und für ihn beten. Aber sie sind eingeschlafen und haben seine Erwartungen enttäuscht. Er wurde von einem seiner Jünger – Judas – verraten und dann auch noch von Petrus verleugnet. Verlassen, verleugnet und verraten.

Und Gott lässt den Kelch nicht an ihm vorüber gehen. Jesus muss am Kreuz sterben. Selbst Gott hat ihn verlassen.

Von Gott und Menschen verlassen – das ist sein wunder Punkt.

Er stirbt mit dem Schrei: Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?

Die Menschen unter dem Kreuz haben das damals noch nicht sehen können: Gott war da. Bei Jesus am Kreuz und in all den leidvollen Situationen.

Für den, der glaubt, stirbt Gott mit Jesus am Kreuz. Denn Jesus stand in ganz besonderer Verbindung mit Gott.

Ich sehe deshalb am Kreuz auch den verletzlichen Gott. Ich sehe einen Gott, der die menschlichen Gefühle kennt. Er ist kein Gott, der irgendwie weit weg ist. Am Kreuz sehe ich einen Gott, der Menschen in allem Leid nahe ist. Er stellt sich dem.

Das gibt mir Trost und macht mir Hoffnung.

Mein Blick auf meine wunden Punkte an Herz und Seele verändert sich dadurch. Ich muss sie nicht verstecken. Ich muss nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Ich muss nicht stark sein – weder für mich noch für andere. Und vor Gott schon mal gar nicht. Der zeigt sich am Kreuz nämlich nahbar und verletzlich. Er lässt sich berühren.

Musik: Präludium op.62 Clara Schumann, Bearbeitung für Violoncello und Orgel

Predigt Teil 3:

Einige wenige seiner Freundinnen und Freunde bleiben an der Hinrichtungsstätte, bis Jesus gestorben ist. Mit dabei sind Susanna, Maria Magdalena und seine Mutter, Maria. Die Frauen stehen unter dem Kreuz und halten alles aus, was da passiert. Sie halten bis zu seinem letzten Atemzug aus. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie Jesus einsam stirbt.

Aber sie halten das aus. Sie gehen eben nicht betroffen weg, wie es andere tun.

Für mich ist das das stärkste Bild in der Erzählung. Die Frauen laufen nicht weg. Nicht vor ihrer Trauer- nicht vor Jesu Leiden. Sie haben jemanden verloren, in den sie all ihre Hoffnung gesetzt haben. Sie stehen da, weinen und trauern. Sie setzen sich ihrem wunden Punkt aus.

Das beeindruckt mich: Es macht mir Mut, mich den eigenen wunden Punkten zu stellen. Sie nicht zu verdrängen. Wenn ich mich meinem wunden Punkt stelle, werde ich dadurch langsam stärker.

Das Leben gewinnt an neuer Qualität und ich werde frei. Aber das braucht Mut und mit Sicherheit ist das nicht leicht. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wird es noch mal richtig weh tun, wenn ich mich ihnen stelle. Und wahrscheinlich wird es dauern, bis ich meine Wunden hinter mir gelassen habe, oder sie gar angenommen habe.

Manchmal braucht es Monate. Manchmal Jahre. Und manchmal schaffe ich das nicht allein. Da brauche ich Hilfe. Vielleicht von einer Therapeutin. Aber ich stelle mich dem Schmerz. Und lasse ihn nicht über mich siegen und mein Leben bestimmen.

Das wünsche ich auch Anna. Ja, es hilft, wenn die Freundin ihr immer wieder sagt, dass sie schön ist, wie sie ist. Ich wünsche ihr, dass die Botschaft in ihrem Herzen ankommt. Deshalb muss sie immer wieder an ihrem wunden Punkt rühren.

Ebenso hoffe ich auf Hilfe für den Mensch, dessen Vertrauen von seiner Partnerin enttäuscht wurde: Natürlich ist es für ihn schwer, Beziehungen aufzubauen. Doch ich hoffe, er wagt es, denn die Liebe lebt vom Vertrauen.

Die Frauen unter dem Kreuz machen es vor: Sie stellen sich gemeinsam ihrem wunden Punkt. Sie tauschen sich aus, trösten sich gegenseitig und sprechen sich Mut zu.

Vielleicht haben sie ein paar Tage später erkannt:  Gott selbst hat am Kreuz gelitten und hat Jesus nicht allein gelassen. Er ist kein ferner Gott ist, sondern einer, der Schmerz und Leid kennt.

Aber noch ist es nicht so weit. Noch ist das Licht nicht zu sehen. Noch heißt es: Aushalten, was kaum auszuhalten zu ist. Und da sein. Auch wenn es kein Patentrezept oder gar eine schnelle Lösung für den Umgang mit Leid und Schmerzen gibt, vertraue ich: Dass am Horizont ein Lichtschimmer auftaucht. Dass Gott mir die Kraft schenkt, meine wunden Punkte anzusehen und zu überwinden.

Amen.

Lied: "O, Haupt voll Blut und Wunden" aus dem Evanglischen Gesangbuch Nr. 85 die Verse 1, 2 und 5

Die Mitwirkenden im Gottesdienst:

Liturgie + Predigt:

Pfarrerin Kathrin Wittich-Jung

Moderation und Lesung:                    

hr4-Moderator Hermann Hillebrand

Liturgische Mitwirkung:       

Tabea Schmitt 
Martin Jung                                    

Musikalische Mitwirkende:                                    

Daniela Bianca Gierok, Solo-Alt
Rüdiger Spuck, Violine
Sonja Lehmann, Violoncello
Samuel Geselle, Cajon
Peer Schlechta, Orgel

Mitglieder der Kreiskantorei Wolfhagen:

Monika Günther, Sopran
Ulrike Salwiczek, Sopran
Yvonne Schmidt-Volkwein, Sopran
Regine Stobbe, Sopran
Maike Gränzdörffer, Alt
Mirjam Margraf, Alt
Renate Walprecht, Alt
Tanja Weitzendorf, Alt
Jannis Dingler, Bass
Tom Göstenmeier, Bass
Karl Kaufmann, Bass
Klaus Kreuter, Bass             

Musikalische Gesamtleitung: 

Kirchenmusikdirektor Bernd Geiersbach

Ü-Technik hr:                        

Andrea Steiger und Marcel Remy

Kirchliche Leitung:                

Claudia Rudolff Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

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