Die Auferstehung: Mehr Prozess als Ereignis
Autor: Pfarrer Dr. Matthias Viertel, Kassel
Musikkonzeption: Matthias Viertel und Uwe Krause
Sprecher/in: Karmen Mikovic
Ostergruß und Auferstehung: Was steckt dahinter?
Autor:
„Christus ist auferstanden“ – so grüßen sich Christen im Gottesdienst am Ostermorgen. Auf Griechisch heißt es „Christos anesti“, und so habe ich es bei einem Osterfest in Griechenland erlebt. Ich war Gast in einem orthodoxen Kloster auf Kreta. Die ganze Woche vor Ostern fasteten die Mönche dort streng. Wir Gäste bekamen immerhin Brot mit Joghurt und Honig, dazu köstlichen Tee aus kretischen Bergkräutern.
Osternacht im Kloster
Und dann kam die Osternacht. Im Dunklen zogen wir in die Kirche, in aller Stille. Dann begannen die Mönche, stundenlang die Liturgie zu singen. Ich verstand die griechisch gesungenen Texte nicht. Aber das, was ich hörte, berührte mich. Ich spürte: Hier ging es um etwas Bedeutendes.
Christos Anesti: Licht, Gesang und Geborgenheit
Zu Mitternacht trat der Abt mit dem Osterlicht vor die Ikonostase. Das ist die mit Ikonen bedeckte Wand vor dem Altar. Dort sang er mit feierlicher Stimme „Christos Anesti“ – Christus ist auferstanden. Die Gemeinde antwortete: Alithos anésti - er ist wahrhaftig auferstanden! Dann wanderte das Osterlicht von Kerze zu Kerze der versammelten Gemeinde. Alle stimmten in den Hymnus ein, bis der ganze Raum erfüllt war vom Glanz unzähliger Kerzen und vom Gesang – und Wärme. Wohltuend, hell, angstfrei, geborgen. Ich mittendrin, Teil dieses Wegs aus der Dunkelheit ins Licht.
Osterstimmung: Hoffnung, Wärme und innerer Wandel
Für mich ist das der Kern: Es beginnt im Dunkel der Nacht. Und dann wird es allmählich hell. Die Kerzen bringen nicht nur hell strahlenden Glanz, sie strömen auch Wärme aus. Der Gesang, die Hymnen, weben eine Atmosphäre der Hoffnung. Schon früh heißt es in einem Ostertext aus dem 2. Jahrhundert:
Sprecherin:
„Die Unvergänglichkeit senkt sich herab auf das Vergängliche, und das Licht strahlt herab auf die Finsternis und verschlingt sie. Die Fülle beseitigt den Mangel, das sind die Merkmale und Wahrzeichen der Auferstehung.“[i]
Musik 1: Christos Anesti aus der byzantinischen Osterliturgie
Auferstehung sinnlich erleben: Musik, Bilder, Gedichte
Autor:
Solche Klänge zeigen: Die Auferstehung lässt sich vielleicht nicht erklären, aber sie lässt sich erleben. Sinnlich, in gesungenen Hymnen, in der Musik oder Gedichten oder Bildern. Ich kann mich in bildliche Darstellungen vertiefen, und nachspüren, wie Musiker und Maler das Unfassbare seit zweitausend Jahren einzufangen versuchen. Das Osterfest spricht mehr die Gefühle an als den Verstand. Es ist mehr Ausdruck vom Leben als vom Denken.
Der Ruf „Christus ist auferstanden!“
„Christus ist auferstanden!“, dieser Ruf stammt direkt aus den Oster-Erzählungen im Neuen Testament. Früh am Morgen kommen die Frauen zum Grab, in dem der Gekreuzigte begraben worden war:
Lesung von Lukas 24,1-6 aus der Lutherbibel:
„Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und als sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lk 24, 1-6)
Wie die Botschaft sich verbreitet
Autor:
Es ist nicht das leere Grab, das die Frauen am Ostermorgen überzeugt. Es sind die Worte der Engel. Während das leere Grab sie nur irritiert, folgen sie bereitwillig den Worten der Engel. Denn Engel lügen nicht und irren sich auch nicht. Der Ostermorgen wird für sie zu einem Erlebnis. Der frische Morgen mit der aufgehenden Sonne. Das Grab, das von allen Erinnerungen des Leidens und Sterbens wie leergefegt ist. Und dann die Engel als Boten Gottes. Davon geht der Ruf aus: „Der Herr ist auferstanden!“ In allen Ländern und in allen Sprachen erklingt heute morgen dieser Gruß, jedenfalls dort, wo Christen leben und das Osterfest feiern: „Christus ist auferstanden“ in Syrisch und Aramäisch, in Ukrainisch, Spanisch, Koreanisch und vielen anderen Sprachen. Gesprochen verbreitet sich die Kunde, vor allem aber gesungen. Musik trägt, was Worte allein nicht fassen.
Musik 2: Schola Dominikanska: O dzieci Boże, Pieśni Paschalne (Schola Dominikanska Polen 2023) T
Was heißt „Er ist wahrhaftig auferstanden“?
Autor:
So klingt der Ostergruß in einem polnischen Lied, eine Stimme unter vielen an diesem Morgen. Aber was bedeutet es wirklich, wenn jemand sagt: „Christus ist auferstanden“ und dann die Antwort kommt: „Er ist wahrhaftig auferstanden“?
Auferstehung fühlen statt erklären: Herz, Hoffnung, Geborgenheit
Die Atmosphäre in der griechischen Klosterkirche hat mir auf diese Frage keine direkte Antwort gegeben. Aber ich ahne, was damit ausgedrückt werden soll: Es ist auf jeden Fall ein Gemisch aus Gefühlen, eine Einsicht, die sich weniger im Kopf als vielmehr im Herzen abzeichnet. Ein Anflug unzerstörbarer Hoffnung, ein bisschen trotzige Ratlosigkeit und viel Geborgenheit. Wenn mich jemand fragt, wie ich mir Auferstehung vorstelle, bin ich ratlos. Auch Theologie und Philosophie helfen da kaum weiter.
Kurt Marti: Auferstehung heute und jetzt
Diese Not hat Kurt Marti, zugleich Pfarrer und Dichter, so zum Ausdruck gebracht:
Sprecherin:
„Ihr fragt: Wie ist die Auferstehung der Toten?
Ich weiß es nicht.
Ihr fragt: Gibt’s die Auferstehung der Toten?
Ich weiß es nicht.
Ihr fragt: Wann ist die Auferstehung der Toten?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur wonach ihr nicht fragt: Die Auferstehung derer die leben
Ich weiß nur wozu ER uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.“[ii]
Literatur und Auferstehung: Tolstoi über Sterben und Erwachen
Autor:
Kurt Marti weist auf das „Jetzt“ hin. Ähnlich beschreibt Lev Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ Auferstehung als ein sinnliches Erwachen. Der Zusammenhang zwischen dem Sterben und Erwachen, zwischen Dunkel und Licht wird greifbar und nah:
Sprecherin:
„Ja, das war der Tod. Ich bin gestorben, ich bin aufgewacht. Ja, der Tod ist ein Erwachen!“, blitzte es plötzlich in ihm auf, und der Vorhang, der ihm das Unbekannte bis jetzt verhüllt hatte, hob sich vor seinem geistigen Blick. Er fühlte gleichsam das Freiwerden der Kraft, die bisher in ihm gebunden gelegen hatte, und empfand jene seltsame Leichtigkeit, die ihn von nun nicht mehr verließ.“[iii]
Innere Wandlung: Auferstehung als Prozess der Entwicklung
Autor:
Tolstoi zeigt hier die Auferstehung als Prozess von innerer Wandlung. Sie ist kein fernes Wunder, das unser wissenschaftliches Weltbild sprengt. Sie ist vielmehr etwas Greifbares. Auferstehung zeigt sich hier als Prozess, den ich erfahren kann. Als einen Prozess der inneren persönlichen Entwicklung.
Warum Musik die Auferstehungsbotschaft vertieft
Bei diesem Weg spielt die Kunst eine herausragende Bedeutung. In erster Linie die Musik. Der Satz „Christus ist auferstanden“ ist kein Satz für eine Nachrichtensendung. Da wirkt er unbegreiflich, vielleicht sogar anmaßend. Aber in Klänge gekleidet bekommt er eine andere Tiefe. Da öffnet er Türen. Wenn ich sie innerlich anstimme oder sogar laut mitsinge, erfasst er mich selbst.
Musik 3: Michael Praetorius, Christ ist erstanden, Coral à 4 (instrumental), Back before Bach (H. B. Piffaro, The Renaissance)
Vom Karfreitag zum Ostermorgen
Autor:
Rund 400 Jahre alt ist diese Komposition. Michael Prätorius verarbeitet darin den Choral „Christ ist erstanden“. Und weil er um die tragende Kraft der Musik weiß, verzichtet er ganz auf die Worte. Die Botschaft, da ist er sich sicher, vermittelt sich auch im reinen Instrumentalsatz: Beim Hören gelangt man vom Dunkel ins Helle, vom Karfreitag zum Ostermorgen.
Ostern verstehen: Auferstehung als Weg in Stationen
Und dabei wird deutlich: Auferstehung ist ein Prozess, kein einmaliges Ereignis. Und so verstehe ich Ostern besser, wenn ich den Weg sehe, der in unterschiedlichen Stationen vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag führt.
Gründonnerstag bis Karfreitag: Gemeinschaft und Katastrophe
Er begann am Gründonnerstag – mit der Erinnerung an das letzte Mahl Jesu im Kreise seiner Jünger. Bis heute treffen sich Christen an diesem Abend zum Abendmahl. Ein Hauch von Geborgenheit und Zuwendung, wir sitzen zusammen an einem Tisch.
Karsamstag: Klage, Trauer und das Aushalten der Last
Darauf folgend mit dem Karfreitag die Katastrophe: Tod und Hoffnungslosigkeit. Kein Lichtzeichen gibt es mehr, auch keine Musik, nur Stille und Trostlosigkeit.
Dann, gestern, der Karsamstag. Er ist wichtig, vielleicht einer der wichtigsten Stationen auf dem Osterweg, auch wenn wir ihn meistens gar nicht so wahrnehmen. Die Bezeichnung Karfreitag und Karsamstag leitet sich von dem alten Wort „kara“ ab, altdeutsch für klagen. An diesem Tag vor dem Osterfest gilt es, die Trauer, ja den Schmerz auszuhalten. Wie gehe ich damit um, wenn ich eine schwere Last zu tragen habe und kein Hoffnungsschimmer sich abzeichnet?
Ostermorgen erleben: Licht, Engelworte und neuer Sinn
Und heute der Ostermorgen: Licht, Aufbruch, Frühling, und am wichtigsten: die Worte der Engel - ein Zeichen der Zuwendung in eine trostlose Situation. Das ist die sinnliche Erfahrung von Auferstehung, die neuen Sinn gibt. Wenn ich mit allen Sinnen wahrnehme, wie neues Licht ins Leben kommt. Wenn ich Ostern als Prozess betrachte, kann ich im Weg Jesu eigene Spuren entdecken und den Weg mitgehen. Es sind Tage mit unterschiedlichem Charakter, doch sie gehören untrennbar zusammen.
Die therapeutische Kraft des Osterwegs
Wer den Schmerz der leidenden Kreaturen wahrnimmt, wer das Leid nicht gleich verdrängt; sondern aushält und bei den Leidenden bleibt, hört die Osterbotschaft anders. Es ist ein innerer Prozess, der meine Gefühlswelt spiegelt, von der Geborgenheit am Gründonnerstag durch das ertragene Leid Karfreitag und Karsamstag zur Hoffnung am Ostermorgen. Dieser Weg hat eine heilende Seite, beinahe eine therapeutische Wirkung.
Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten
In der Liturgie dieser Tage wird vollzogen, was in der in der Psychotherapie als psychoanalytischer Dreischritt beschrieben wird: Erinnern – Wiederholen - Durcharbeiten.
Worte als innerer Begleiter: Spirituelle „Rezepte“ im Alltag
Vom Wiener Arzt Victor Frankl, einem der Ahnherren der Psychotherapie, wird eine Episode erzählt. Er soll seinen Patienten manchmal ein Rezeptblatt mitgegeben haben. Darauf stand kein Medikament, sondern ein Bibelvers. Und darunter der Hinweis: „Dreimal täglich halblaut vor sich hersagen!“
Wenn ein Satz verwandelt
Auf diese Weise kann ein Satz zum inneren Begleiter werden. Worte, die Schutz, Hoffnung und Geborgenheit vermitteln, können helfen, sogar heilen. Der Ruf „Christus ist auferstanden“ gehört für mich dazu. Noch intensiver ist die Wirkung, wenn die Worte gesungen werden. So dass ich schließlich einstimmen kann und auf geheimnisvolle Weise selbst zum Teil der Botschaft werde.
Musik 4: Hans Leo Hassler, Christ ist erstanden, Geistliche Chormusik aus dem Dom zu Mainz (Mainzer Domchor, Karsten Storck)
Autor:
Es ist möglicherweise nicht das Wichtigste, Ostern zu erklären, um das Geheimnis mit der Vernunft abzugleichen. Viel aufregender ist es, an diesem Morgen den Schein einer anderen Wirklichkeit zu spüren. Das Licht der Osterkerze sehen, Wärme zu spüren, darin aufzugehen. Es ist kein Zufall, dass dieser Perspektivwechsel auf den frühen Morgen fällt. Vielen große Entscheidungen gehen durchwachte Nächte voraus: So kann ich auch die Auferstehung als persönlichen Weg erleben: von der Dunkelheit und Trostlosigkeit zum neuen Licht, zu einem neuen Leben.
Angelus Silesius: Bilder für die Osterfreude
Der Dichter Angelus Silesius hat diesen Umschwung in ein Bild gefasst. In seinem Gedicht klingt der Jubel, der aus tiefer Nacht langsam ins Helle wächst:
Sprecherin:
„Jetzt ist der Himmel aufgetan,
jetzt hat er wahres Licht!
Jetzt schauet Gott uns wieder an
mit gnädigem Gesicht.
Jetzt scheinet die Sonne
der ewigen Wonne!
Jetzt lachen die Felder,
jetzt jauchzen die Wälder,
jetzt ist man voller Fröhlichkeit.“[iv]
Ostergefühl für alle Sinne: Licht, Freude, Neuanfang
Autor:
Eine Erfahrung für alle Sinne: das Licht, die Freude, die Wärme. Der Himmel öffnet sich, der Blick Gottes ist freundlich. Die ganze Schöpfung feiert mich, Felder, Wälder, alles in Bewegung. Der Dichter spricht mit keinem Wort von Ostern, und doch ist ist genau dieses Gefühl des Ostermorgens damit gemeint. Eine Beschreibung, die ich in solchen Momenten miterleben kann, ja ich fühle es: Mein Leben steht wieder in einem guten Licht, es gibt einen Neuanfang, Aufbruch.
Osterfreude mit Tiefgang
Das ist mehr als bloße Heiterkeit. Es ist eine Freude, die weiß, was Dunkelheit bedeutet. Eine Osterfreude, die die zurückliegenden Leiderfahrungen nicht ausklammert.
Musik: Vox Clamantis, Jaan-Eik Tulve: O filii et filiae, Arrangiert von Henrik Ødegaard
Ich denke daran, wie Menschen zusammensitzen, miteinander essen und sprechen, heute oder in diesen Tagen wieder. Auch daran, dass sie teilen, was schwer ist gerade in Zeiten, in denen Worte kaum möglich sind und man einfach nur aushält. Und schließlich an den Augenblick, in dem jemand sagt: Komm, wir versuchen es noch einmal. Und etwas Neues beginnt.
Auferstehung als Liebeskraft
So erlebe ich Ostern: Nicht als Erklärung, sondern durch Erfahrung, die den ganzen Menschen meint, – wie die Liebe! Tatsächlich ist Auferstehung im Kern nichts anderes als diese Liebeskraft. Beide zehren von dem Erlebnis, wenn nach schwerer Zeit wieder Licht durchs Fenster fällt, und ich mit den Sinnen vernehme: Es geht weiter. Diese Kraft wirkt in Begegnungen. Sie verändert den Blick auf andere, auch auf die, die schon von uns gegangen sind.
Osterbotschaft heute: Inneres Aufstehen in der Kraft der Liebe
Ostern ist dann ein Symbol, sondern verwandelt. Ein inneres Aufstehen, das Leben neu zu sehen und anders zu verstehen, und zwar mit der Kraft der Liebe.
Martin Luther hat einmal gesagt:
Sprecherin:
„Aller Lieder singet man sich mit der zeit müde,
aber das Christus ist erstanden muss man alle Jahr wieder singen“[v]
Ein Lied der Hoffnung, das bleibt
Autor:
Ich verstehe, warum ihn dieses Lied nicht losgelassen hat. Es ist wie das erste Licht nach langer Nacht. Man will es immer wieder singen – um zu spüren, dass Hoffnung bleibt.
Musik: Christ ist erstanden, Confessiones - Hymns and Songs from the Protestant Tradition (AGvH Jazz Sextet)
[i]Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi. Hg. v. K. Dietzfelbinger, Dingfelder Verlag 1988, S. 153.
[ii]Kurt Marti, in: Biblische Texte verfremdet 12, München 1990, S. 17.
[iii]Leo Tolstoi, Krieg und Frieden Buch 12, Kapitel 16
[iv]Angelus Silesius. Sämtliche Werke in drei Bänden, Bd. 2: Jugend- und Gelegenheitsgedichte, München 1924, S. 67.
[v]Martin Luther: Tischreden oder Colloquia Doct. Mart. Luthers. Urban Gaubisch, Eisleben 1566, S. 590v.