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Vater unser im Himmel - Beten auch wenn die Worte fehlen

Vater unser im Himmel - Beten auch wenn die Worte fehlen

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Vater unser im Himmel. So beginnt das bekannteste Gebet der Christenheit. Ein Gebet, das die Welt umspannt. Es steht im Neuen Testament. „Herr, lehre uns beten!“, hat ein Jünger zu Jesus gesagt. Und Jesus antwortet: „So sollt ihr beten: Vater unser im Himmel“ (nach Lukas 11, 1-4 und Matthäus 6, 9-13).

Vielen Menschen ist das Vaterunser so vertraut, dass sie oft gar nicht auf seinen Inhalt achten. Andere ringen ein Leben lang mit einzelnen Formulierungen, die ihnen nicht leicht über die Lippen gehen. Und dann wieder, wenn man nicht weiß, was man beten soll, kann man sich beim Vaterunser Worte leihen.

Eine besondere Vaterunser-Geschichte habe ich vor einigen Jahren in Westafrika in einer Großstadt erlebt. Die Metropole heißt Accra und ist die Hauptstadt von Ghana. Mit dem Auto war ich auf einer mehrspurigen Hauptstraße unterwegs. Da stoppte mich ein Polizist. „Sie haben am Vorfahrtschild nicht richtig gehalten“, warf er mir vor und verlangte eine kräftige Geldstrafe. „Aber ich habe gehalten!“, hielt ich dagegen. Wir verhandelten lange hin und her. Bald zeigte sich: Er wollte eigentlich Geld für sich selbst. Er appellierte an mich: „Sie als Christin müssen doch den Armen helfen!“

Irgendwann antwortete ich entnervt: „Das Wichtigste, was Christinnen und Christin füreinander tun können, ist beten!“ Der Polizist stockte. Dann sagte er ganz ernst: „Dann beten Sie für mich!“ Ich stieg aus dem Auto und stellte mich mitten im Staub, in der Hitze und im Lärm an den Straßenrand. Was sollte ich für ihn beten? Spontan kamen mir die Worte: „Vaterunser im Himmel!“

Ich habe auf Deutsch gebetet, aber der Mann ahnte wohl, welches Gebet ich spreche. Was war wohl die Situation des Polizisten? Hat er Frau und Kinder, die er ernähren muss, aber sein Gehalt reicht hinten und vorne nicht? Ist in seiner Familie jemand schwer krank und er wollte deshalb, dass ich für ihn bete? Oder hat ihn etwas ganz Anderes bedrückt? Geklärt habe ich dies nicht mehr. Nach dem „Amen“ stieg ich schnell in mein Auto und fuhr weiter.

Ob ich wirklich für ihn gebetet habe oder mit ihm oder für die ganze Welt – so genau weiß ich es nicht. Gespürt habe ich allerdings, dass das Beten uns verbunden hat. Wir waren wie aufgehoben in den Worten des Vaterunsers. Besonders zum Schluss des Gebets, wenn es heißt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Seit diesem Erlebnis bete ich das Vaterunser anders. Ich möchte fast sagen: Ich lasse das „Vaterunser“ in mir beten! Ich vertraue mich der Kraft dieser Worte an und spreche sie mit und nach. Dann spüre ich:

Bei Gott liegt die Kraft. Jesus selbst hat mit seinem Leben deutlich gemacht: Gott regiert und nicht die Menschen oder der Zufall oder das Schicksal. Gott regiert – aber nicht auf irgendeinem jenseitigen Planeten, sondern in unsere Welt hinein und auf mein Leben hin. Wo mir die Worte fehlen und ich nicht weiß, was ich beten kann, dann spreche ich das Vaterunser.

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