Kraniche und Heimkehr
Am Rand unseres Dorfes gibt es einen Naturkindergarten. Als ich meine Enkelin dort abholen wollte, standen die Kinder und ein paar Eltern da und starrten in den Himmel. Kraniche zogen über das Dorf. Das geschieht jedes Jahr um diese Zeit, zieht uns trotzdem jedes Mal in seinen Bann. „Guck mal wie viele das sind“, sagte ein Kind. „Die können wir gar nicht alle zählen.“ Ein anderes rief: „Wie schön die in der Reihe fliegen und dazu auch noch rufen.“ Und ein Erwachsener erklärte: „Die fliegen jetzt in den Süden, wo es warm ist und wo sie überwintern können. Und im Frühling kommen sie zurück; dann kehren sie heim.“
Sehnsucht nach einem warmen Platz
Ich finde in dem jährlichen Vogelzug ein Sinnbild für eine tiefe menschliche Sehnsucht: Über den Winter kommen, einen warmen Platz haben, an dem man nicht friert, nicht einsam und verlassen sein. Das ist die eine Seite der Sehnsucht.
Erinnerung an die Heimkehr
Die andere lautet Heimkehr. Als ich ein kleiner Junge war, warteten wir auf die Heimkehr meines Vaters aus dem Krieg. Er kam nicht zurück. Dafür aber der Bruder meiner Mutter, mein Onkel. Der kam nach mehrjähriger russischer Kriegsgefangenschaft heim. Spätheimkehrer nannte man sie damals. Am Heiligen Abend 1949 kam er zu uns zurück und war wieder zuhause. Seine Heimkehr hat uns alle ein bisschen mit dem versöhnt, was der Krieg in unserem Leben zerstört hatte. Daran erinnert mich jedes Jahr der Zug der Kraniche.