Die Kunst der wenigen Töne
Wie schön, da spielt jemand Saxofon! Ich bin auf dem Nachhauseweg durch die Fußgängerzone. Es ist ein lauer Sommerabend. Und da sehe ich ihn. Ein älterer Mann auf einer Bank. Er spielt sein Instrument.
Ein vertrautes Gesicht auf der Bank
Ich erkenne ihn. Hin und wieder kommt er in unsere Kirche. Heute Abend sitzt er hier. Ganz entspannt sein Gesicht. Die Augen geschlossen. Ich bleibe stehen und höre ihm zu. Er strahlt Ruhe aus. Und Hingabe an die Musik. Ein zwei, drei vier Töne, vielleicht fünf - er fügt sie aneinander, variiert und wiederholt sie immer wieder neu. Sie ergeben eine schwebende Melodie.
Was macht gute Musik aus?
Was für eine Kunst - mit nur wenigen Tönen so wunderbar zu spielen. Der Jazztrompeter Miles Davis hat einmal gesagt. „Du musst beim Musik machen ganz genau hören, welche Töne du spielen, und welche du weglassen kannst." Für mich klingt das nach einem guten Rat fürs Leben: Genau hinhören. Mit wenigen Tönen auskommen. Gut überlegen, was ich weglassen kann.
Vor einem schwierigen Gespräch innehalten
Manchmal erlebe ich das: Neulich hatte ich ein schwieriges Gespräch mit einem Kollegen. Wir waren unterschiedlicher Meinung, fast gab‘s Streit. Ich will das klären. Mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf. Dann denke ich an die Töne: Was ist wichtig? Und was kann ich weglassen? Ich besinne mich: Was ist mein Ziel im Gespräch?
Mit wenigen Worten viel erreichen
Dann merke ich: Ich brauche gar nicht viele Worte. Aber die richtigen. Sie tragen das Gespräch, fast wie von selbst, wie eine Melodie. Ich denke noch einmal an den Musiker mit dem Saxophon. Ich nicke ihm. Er lächelt zurück und spielt weiter. Die Augen wieder geschlossen. Und beides, sein Spiel und sein Lächeln gehen mit mir.